So, 22. Juli 2018

44 Todesopfer

06.05.2009 12:53

Mörder wollten ganze Sippe auslöschen

Nach dem Blutbad mit 44 Toten auf einer Verlobungsfeier im Südosten der Türkei ist nun bekannt geworden, dass die mutmaßlichen Mörder eine ganze Sippe auslöschen wollten, um eine Blutfehde zu verhindern. Ein Verdächtiger habe ausgesagt, Auslöser für das Blutbad sei ein Streit um die in dem Dorf anstehende Hochzeit gewesen, berichtete die Zeitung "Hürriyet" am Mittwoch. Ein Gericht erließ unterdessen Haftbefehl gegen acht Tatverdächtige, sie sitzen in Untersuchungshaft.

Unter den Opfern des Massakers vom Montagabend in dem Dorf Bilge in der Provinz Mardin sind 17 Frauen und sechs Kinder. Eine Frau war im neunten Monat schwanger und nur noch wenige Tage von der Geburt ihres Kindes entfernt. Die Dimension des Verbrechens hat die Türkei schockiert. Auf die Frage, warum die Täter so viele Frauen und Kinder töteten, antwortete der Verdächtige laut "Hürriyet", die Angreifer hätten auf diese Weise eine Blutfehde der betroffenen Sippe verhindern wollen: "Wir wollten diese Familie ganz auslöschen, weil niemand übrig bleiben sollte, der sich an uns rächen könnte."

Spannungen innerhalb des Clans
Laut "Hürriyet" wurde das Gewaltverbrechen von Spannungen innerhalb des großen Celebi-Clans ausgelöst, dem sowohl die Täter als auch die Opfer angehören. Zum einen habe es seit langem einen Streit über Landbesitz gegeben. Zum anderen sei eine Frau aus dem Familienzweig der Täter von einem Mann aus einem anderen Zweig vergewaltigt worden. Daraufhin forderte der betroffene Teil der Familie, ein Mann aus seinen Reihen solle gewissermaßen als Entschädigung eine Ehefrau aus dem Zweig des Vergewaltigers erhalten.

"Aber sie wollten nicht hören"
Das sei aber abgelehnt worden, berichtete "Hürriyet": Die junge Sevgi Celebi, die als Ehefrau in diesem Handel vorgesehen war, sollte am Montagabend mit ihrem Cousin Habip Ari aus einem dritten Familienzweig vermählt werden. Einer der Angreifer sagte der Zeitung zufolge aus, er habe versucht, die anderen Celebis von der Hochzeit abzubringen. "Aber sie wollten nicht hören." Daraufhin sei das Massaker beschlossen worden.

Bilder vom Ort des Geschehens findest du in der Infobox!

Blindwütig das Feuer eröffnet
Augenzeugen berichteten, mehrere maskierte Männer hätten blindwütig das Feuer auf die Teilnehmer der Verlobungsfeier eröffnet und eine Viertelstunde lang geschossen. Die Täter seien mit automatischen Waffen aus unterschiedlichen Richtungen auf den Dorfplatz gestürmt, wo sich etwa 200 Menschen eingefunden hatten. Männer und Frauen hatten sich zum Zeitpunkt des Angriffs getrennt zum Gebet versammelt (siehe Video in der Infobox).

Frauen und Kinder zusammengetrieben
Anschließend sind die Angreifer in einige Häuser eingedrungen und haben dort weiter um sich geschossen. Ein örtlicher Beamter sagte unter Berufung auf die Aussage einer 19-jährigen Überlebenden, dass die Männer dann vor allem Frauen und Kinder in einen Raum gedrängt und diese dort mit einem Kugelhagel überzogen hätten. Das Mädchen kam mit dem Leben davon, weil die Körper von erschossenen Freunden auf sie gefallen waren.

Blutfehden zwischen verfeindeten Clans
Das Verbrechen lenkte die Aufmerksamkeit auf die Stammesführer und Familienclans, die in vielen ärmeren Teilen der Türkei bestimmend sind und notfalls zur Waffe greifen, um die vermeintliche Ehre einer Familie zu verteidigen. In der Gegend in der Südosttürkei gibt es nach wie vor Blutfehden zwischen verfeindeten Clans, die manchmal über Jahre oder gar Jahrzehnte ausgetragen werden.

Einen Hintergrundbericht über das "Gesetz der Ehre" findest du in der Infobox.

Innenminister: "Genau geplante Brutalität"
Innenminister Besir Atalay sagte am Mittwoch, er könne das Verbrechen weder als Jurist noch als Soziologe erklären. Das Massaker sei kein Zufall gewesen, sondern "eine genau geplante Brutalität". Experten äußerten unterdessen die Befürchtung, dass sich ähnliche Bluttaten wiederholen könnten. Bedii Omay, der Rektor der Universität Mardin, sagte, nach seiner Ansicht zeige das Massaker, dass alte Werte wie das Gebot zur Verschonung von Frauen und Kindern an Kraft verlören, aber keine modernen Werte da seien, um sie zu ersetzen. Nach dem "Warnsignal" von Bilge müssten die Gründe sehr gründlich untersucht werden.

Regierungschef Erdogan: "Unmenschlich"
Der türkische Premier Erdogan hat das Blutbad in Bilge als "unmenschlich" verurteilt. Er rief am Dienstag in Ankara Universitäten und Institutionen auf, sich für eine Änderung der Mentalität einzusetzen. "Keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein", sagte Erdogan. Die Täter müssten für immer ein schlechtes Gewissen haben.

Die Oppositionsabgeordnete Canan Aritman forderte ein Einschreiten der Regierung. "So etwas gibt es nicht einmal in den primitivsten Gesellschaften", sagte Aritman, die einem Untersuchungsausschuss zu sogenannten Ehrenmorden angehört.

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