13.03.2009 11:05 |

Blutiger Amoklauf

Video aufgetaucht: Das Ende des Amokläufers

Am Tag nach dem blutigen Amoklauf im deutschen Baden-Württemberg ist im Internet ein Amateurvideo aufgetaucht, das die letzten Sekunden des Amokläufers von Winnenden zeigt, der am Mittwochvormittag so brutal 15 Menschenleben ausgelöscht hat. Die bestürzenden Bilder zeigen Tim K. auf dem Parkplatz des VW-Autohauses im rund 30 Kilometer von der Albertville-Realschule entfernten Wendlingen. In dem Autohaus hatte der 17-Jährige kurz zuvor zwei Männer getötet. Plötzlich geht er zu Boden. Eine Kugel der Polizei hat ihn ins Bein getroffen. Dann richtet er sich selbst (Video-Bericht oben starten).

Die Eltern und andere Angehörige haben am Donnerstagabend Abschied von den beim Amoklauf in Winnenden getöteten Kindern und deren Lehrerinnen nehmen können. Die Opfer wurden in offenen Särgen in einem Krankenhaus aufgebahrt. Zugang erhielten nur unmittelbar betroffene Eltern und Verwandte. Jeder Familie stand ein Team aus zwei Psychologen zur Seite. Für die Bevölkerung werden Kondolenzbücher ausgelegt.

Depressiver Waffennarr
Das Psychogramm des Amokläufers wird indes immer klarer: Tim K. sei ein verschlossener und stiller Mensch gewesen, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Siegfried Mahler, am Donnerstag in Waiblingen. Er habe nicht viele, aber einige freundschaftliche Kontakte gehabt, auch eine harmlose Freundschaft mit einem Mädchen. Doch hinter der unscheinbaren Fassade des 17-Jährigen sah es offenbar ganz anders aus. Für den Landespolizeipräsidenten Baden-Württembergs, Erwin Hetger, entsprach er dem Profil eines klassischen Amokläufers.

Er war verschlossen, unauffällig und freundlich - aber auch verzweifelt, eiskalt und psychisch krank. Der 17 Jahre alte Schüler, der am Mittwoch an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst getötet hat, war ein depressiver Waffennarr.

Tim K. war ein geübter Sportschütze. Seinen Vater, ein mittelständischer Unternehmer und Mitglied im Schützenverein, begleitete er oft zu Schießübungen. In seinem Zimmer bewahrte der Schüler zudem mehrere Luftwaffen auf. "Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen", sagt Mario H., ein ehemaliger Mitschüler des 17-Jährigen dem Radiosender Hit-Radio Antenne. Im Keller soll der Vater von Tim K. einen Schießübungsraum eingerichtet haben.

Killerspiele am Computer
Noch dazu verbrachte Tim K., der eine drei Jahre jüngere Schwester hat, in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Killerspielen am Computer. Auf seinem Rechner entdeckte die Polizei das Spiel Counter-Strike - und auch einige Pornobilder. "Er wurde einfach von niemandem akzeptiert, saß den ganzen Tag eigentlich nur daheim vor dem Computer", sagt auch Mario H.

Tim K. war leidenschaftlicher Tischtennisspieler und machte seit etwa drei Jahren Kampfsport. Er hatte einige wenige freundschaftliche Kontakte und schwärmte eine Zeit lang für ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Alles deutet auf einen normalen Teenager hin. "Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt", sagt ein Jugendlicher aus dem Heimatort des Täters, Leutenbach-Weiler zum Stein. Tim K. sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber runtergeschluckt, fügt der Jugendliche hinzu. Auffällig ist, dass es sich bei den Getöteten um acht Schülerinnen und lediglich einen Schüler handle. Zudem hat der Täter drei Lehrerinnen erschossen.

"Eine doppelte Identität"
Doch der Amokläufer war psychisch krank. Mehrmals wurde er wegen Depressionen in einer Klinik behandelt. Eine geplante ambulante Behandlung trat der 17-Jährige jedoch gar nicht erst an. Seine wohlhabenden Eltern wussten von seiner Krankheit - trauten ihrem behüteten Sohn eine solche Tat nach Polizeiangaben aber nicht zu.

Kultusminister Helmut Rau (CDU) vermutet Medienberichten zufolge, dass der 17-Jährige "eine doppelte Identität" hatte - "dabei ist die zweite verborgen geblieben". Tim K. sei "lernschwach", aber an der Schule nie auffällig gewesen. Er hatte im vergangenen Sommer seinen Abschluss an der Schule gemacht und war dann auf einem kaufmännischen Berufskolleg in Waiblingen gewesen. Seine Noten waren mehr oder weniger durchschnittlich.

Gegen den wohlhabenden Vater, der mit seiner Frau und der Tochter seinen Heimatort verlassen hat, wurde kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte Tim K. die Tatwaffe aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet. Alle anderen Waffen des Vaters lagen sicher in einem Tresor.

Start des Amoklaufs um 9.30 Uhr
Tim K. hatte am Mittwoch gegen 9.30 Uhr in einem dunklen Tarnanzug die Albertville-Schule gestürmt, war während des Unterrichts gezielt in zwei Klassenzimmer gegangen und hatte dort sofort das Feuer eröffnet. Neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren sowie drei Lehrerinnen starben, mehrere weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Die Realschule, die von 580 Schülern besucht wird, ist zusammen mit einem Gymnasium in einem Schulzentrum mit insgesamt 1.000 Schülern untergebracht.

Rektor warnte mit verschlüsselter Durchsage
Eine Schülerin erzählte, dass der Rektor der Realschule mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage vor dem Amokläufer gewarnt habe, während der 17-jährige Tim K. mordend durch die Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt. Die Schülerin fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen und wir haben uns im Zimmer verschanzt."

Lenker als Geisel genommen
Nachdem der 17-Jährige dann auch einen Mann in der neben der Schule liegenden psychiatrischen Klinik erschossen hatte, zwang er einen Autofahrer, ihn in das rund 30 Kilometer entfernte Wendlingen im Landkreis Esslingen zu fahren. Auf der Autobahn ließ er die Geisel das Fahrzeug stoppen und ging zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet. Der Fahrer benachrichtigte inzwischen die Polizei.

Vor einem Autohaus, in dem der Jugendliche einen 36-jährigen Mitarbeiter und einen 46-jährigen Kunden erchossen hatte, konnte die Polizei den Amokläufer letztendlich stellen. Dabei erlitten zwei Polizisten Schussverletzungen. Nach dem Schusswechsel jagte sich der 17-Jährige eine Kugel in den Kopf.

Polizist erfuhr im Einsatz vom Tod seiner Frau
Tragisches Detail des Amoklaufs in Winnenden: Ein Polizist hat während seines Einsatzes vom Tod seiner Frau in der betroffenen Realschule erfahren. Nach Polizeiangaben vom Donnerstag hörte der Beamte im Funk über das Blutbad in der Schule. Später sei es traurige Gewissheit geworden, dass seine Frau, eine Lehrerin, unter den Opfern war. Möglicherweise hatte sie sich dem Täter in den Weg gestellt.

Erinnerungen an Massaker in Erfurt
Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen.

Die weltweit schlimmsten Massaker an Schulen und Unis findest du in der Infobox.

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