Sa, 18. November 2017

Wegen Wahlkarten

14.10.2017 12:10

Heuer droht dreifaches Hochrechnungs-Wirrwarr

Wenn am Wahlsonntag um 17 Uhr die letzten Wahllokale geschlossen haben, soll es zehn bis 15 Minuten dauern, bis die ersten Hochrechnungen vorliegen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn heuer ist es so, dass die TV-Sender ORF, ATV und ServusTV jeweils unterschiedliche Institute für ihre Hochrechnungen engagiert haben. Und dabei könnte es gravierende Unterschiede geben, denn teilweise werden die Hochrechnungen mit und ohne Wahlkarten-Prognose erstellt. Gut möglich, dass bei Kopf-an-Kopf-Rennen die Parteien die Plätze am Wahlabend öfters tauschen und wir erst am Donnerstag wissen, wer die Wahl schlussendlich gewonnen hat.

Für den ORF erstellt wie üblich das SORA-Institut die Hochrechnungen, für ATV und die Austria Presse Agentur ist ARGE Wahlen zuständig, für ServusTV schließlich Statistik-Professor Erich Neuwirth.

Parteienvielfalt und Wählerdynamik als Herausforderung
Der Verfassungsgerichtshof hat bekanntlich die Weitergabe von Teilergebnissen vor Wahlschluss verboten, das Innenministerium liefert die nötigen Daten erst ab 17 Uhr - eine strenge Regelung, die dem Wirbel um die aufgehobene Bundespräsidenten-Stichwahl im Vorjahr geschuldet ist. Die neue Herausforderung für die Institute für Sonntag: Während es bei der Wiederholung der Bundespräsidenten-Stichwahl nur zwei Kandidaten gab (und die aufgehobene Wahl gute Vergleichswerte bot), treten diesmal viele Parteien an, darunter neue wie die Liste Pilz. Auch die Wählerdynamik ist hoch.

ServusTV: 1. Hochrechnung ohne, 2. mit Wahlkarten-Prognose
Zehn bis 15 Minuten nach Wahlschluss sollten die ersten Hochrechnungen der ARGE Wahlen und von SORA/ORF vorliegen - beide bereits inklusive Wahlkarten-Prognose. Laut SORA-Geschäftsführer Christoph Hofinger sind um 17 Uhr etwa 40 Prozent der Stimmen ausgezählt, vor allem aus ländlichen Regionen. Wien fehlt zum Beispiel noch zur Gänze. Die Schwankungsbreite beträgt zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Prozentpunkte, gegen 18 Uhr soll sie dann nur mehr bei einem Prozentpunkt liegen. ServusTV hingegen prognostiziert seine erste Umfrage ohne Wahlkarten. Kurios: Um 18 Uhr folgt die zweite Hochrechnung, wo ServusTV dann ebenfalls eine Wahlkarten-Prognose miteinbezieht.

Statistik-Professor: "Vor 18 Uhr nur sehr wenige Wiener Ergebnisse"
ServusTV begründet den Unterschied zwischen 17-Uhr-Hochrechnung und 18-Uhr-Hochrechnung gegenüber krone.at so: "Wahlkarten können an diesem Abend nur geschätzt werden. Diese werden erst ab Montag 9 Uhr früh bzw. am Donnerstag ausgezählt. Erst wenn wir eine solide Basis an ausgezählten Stimmen haben, packen wir eine Wahlkarten-Prognose oben drauf." Statistik-Professor Erich Neuwirth ergänzt: "Vor 18 Uhr haben wir keine oder nur sehr wenige Wiener Ergebnisse und daher keine Hochrechnung, die gut genug ist, darauf eine Briefwahlabschätzung aufzubauen. Ab 18 Uhr sollten uns dann ausreichend Wiener Ergebnisse zur Verfügung stehen."

Milborn: "FPÖ schneidet bei Wahlkarten meist schlechter ab"
Puls4-Moderatorin Corinna Milborn macht sich über dieses Wirrwarr so ihre Gedanken. "Die FPÖ schneidet bei Wahlkarten meist schlechter ab als im Wahllokal. Bei den Hochrechnungen um kurz nach 17 Uhr wird blau also auf ServusTV vermutlich besser liegen als bei ATV und ORF", schreibt sie auf Facebook. Um 18 Uhr werde die FPÖ laut Milborn auf ServusTV aufgrund der erstmaligen Miteinberechnung der Wahlkarten vermutlich dann "nicht mehr so gut" abschneiden wie um 17 Uhr, "sondern ähnlich wie bei allen anderen Medien".

Sobotka gibt "vorläufiges Endergebnis" ohne Wahlkarten bekannt
Doch jetzt kommt es: Am Abend (üblicherweise zwischen 20 und 20.30 Uhr) wird Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) das "vorläufige Endergebnis der Urnenwahl" verkünden - allerdings ohne Wahlkarten, die bekanntlich erst am Montag ausgezählt werden. Überhaupt erst am Donnerstag werden die am Wahlsonntag in fremden Wahlkreisen abgegebenen Wahlkarten sowie Briefwahlstimmen ausgewertet. Laut Milborn könnte die FPÖ beim vorläufigen Endergebnis am Sonntagabend "vermutlich stärker" sein als in den Hochrechnungen zuvor und somit "die erste Hochrechnung von ServusTV ohne Wahlkarten bestätigen". Dieses Ergebnis könnte dann allerdings vier Tage später durch die Wahlkarten wieder umgestoßen werden.

Verschwörungstheoretiker könnten angezogen werden
Dieses Wirrwarr mit den Wahlkarten könnte vor allem Verschwörungstheoretiker anziehen, die den TV-Stationen und Hochrechnungsinstituten in Online-Foren oder sozialen Netzwerken Wahlmanipulation vorwerfen könnten. Dieses Szenario will auch Milborn nicht ausschließen: "Ich wette darauf, dass ein paar Stunden später irgendein deutscher Verschwörungs-Blogger ein YouTube-Video mit den unterschiedlichen Balken online stellen wird und uns fragen wird, wie es sein kann, dass ServusTV sich binnen einer Stunde der Systempresse angleicht und das Ergebnis der FPÖ nach unten korrigiert", ergänzt sie in ihrem Facebook-Posting.

Franz Hollauf
Redakteur
Franz Hollauf
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