Do, 14. Dezember 2017

Hotspot Nordchina

06.10.2017 09:20

Bitcoin-Minen: Digitales Geld aus dreckiger Kohle

China ist der größte Kohleproduzent der Welt. 2015 förderte das Reich der Mitte mehr als die Hälfte der Weltproduktion an Steinkohle. Ein großer Teil des Rohstoffs wird direkt vor Ort in den Kohlekraftwerken Nordchinas in Elektrizität verwandelt. Das nahe Peking ersticken die Stromproduzenten in Smog, sie locken aber auch einen neuen Wirtschaftszweig ins dünn besiedelte Nordchina: moderne Bitcoin-Glücksritter, die aus dreckigem Strom digitales Geld erzeugen.

Nirgendwo auf der Welt ist Strom billiger als im Norden Chinas. In der Inneren Mongolei kostet eine Kilowattstunde umgerechnet 3,4 Cent, während es hierzulande laut E-Control zwischen 14 und 23 Cent sind. Kein Wunder, dass sich die großen Player der stromhungrigen Bitcoin-Szene hier ansiedeln und in riesigen Rechenzentren digitales Geld erzeugen.

Doch der billige Strom für das digitale Gold hat seinen Preis: Produziert wird er aus dreckiger Kohle, die in Nordchina im großen Maßstab abgebaut und in Kohlekraftwerken verheizt wird. Ihre Rauchschwaden ziehen bis ins wenige hundert Kilometer entfernte Peking, wo sie vor allem im Winter, wenn auch noch mit Kohle geheizt wird, alljährlich zu massiver Smogbelastung führen. Die Lage ist so dramatisch, dass Peking 2016 in einigen Regionen Nordchinas einen Baustopp für Kohlekraftwerke verhängt hat.

Die Bitcoin-Avantgarde kommt aus China
Für Unternehmen wie Bitmain überwiegen freilich die Vorteile der billigen Energie. Das chinesische Unternehmen ist früh in das Geschäft mit dem Bitcoin eingestiegen und betreibt in der Region Ordos in der Inneren Mongolei ein gewaltiges Rechenzentrum, in dem der dreckige Strom in digitales Geld verwandelt wird. Rund fünf Prozent der weltweit zur Bitcoin-Erzeugung aufgewendeten Rechenleistung soll das Bitmain-Rechenzentrum in Ordos bereitstellen.

Wie das Ingenieursmagazin "IEEE Spectrum" berichtet, ist Bitmain heute eines der wichtigsten Unternehmen seiner Art, verdient nicht nur prächtig an seinen Rechenzentren, sondern vor allem auch an der Infrastruktur zur Bitcoin-Erzeugung. Denn während Bitcoins noch bis Ende 2013 mit Heimcomputern und Grafikkarten erzeugt werden konnten, ist das Schürfen der digitalen Währung mittlerweile längst ein hochspezialisiertes Geschäft. Wer ernsthaft Geld mit Bitcoins verdienen will, braucht spezielle Mining-Rechner mit eigens an den Bitcoin angepassten Chips. Und hier ist Bitmain einer der Weltmarktführer.

Das Unternehmen baut Bitcoin-Erzeuger namens "Antminer". Im Modell S9 finden beispielsweise 189 hochspezialisierte Chips Platz, jeder davon mit mehr als hundert nur für die Bitcoin-Erzeugung erdachten Rechenkernen ausgestattet. Diese Mining-Hardware verkauft Bitmain gewinnbringend in die ganze Welt. Ein guter Teil davon bleibt aber auch in China, um in den Rechenzentren der Inneren Mongolei Bitcoins zu erzeugen. Es ist der perfekte Standort, immerhin berechnet sich der Gewinn von Bitmain fast direkt aus der Differenz zwischen den erzeugten Bitcoins und den dafür aufgewendeten Stromkosten.

Raue Bedingungen für die Bitcoin-Erzeugung
Neben dem Strom ist die Schürf-Infrastruktur selbst der größte Kostenfaktor. Die Innere Mongolei ist zwar in puncto Stromkosten ein guter Standort, klimatisch ist Nordchina aber nicht ganz optimal. Die Region wird von staubigen Winden heimgesucht, im Sommer steigt die Temperatur auf bis zu 40, im Winter sinkt sie auf 20 Grad Minus.

Entsprechend viel muss eine Bitcoin-Mine der Witterung entgegen setzen: Feinmaschige Textilien fangen den Staub ab, bevor er in die Datenzentren dringt. Mächtige Ventilatoren kühlen die heiß laufende Hardware und führen die Hitze im Rechenzentrum ins Freie ab. Im Winter verhindert eine Isolierung Frostschäden. Die Personalkosten sind überschaubar: Eine ganze Bitcoin-Mine kann von wenigen Dutzend Mitarbeitern betrieben und gewartet werden.

Bitcoin-Mine kann Dutzende Millionen Euro erzeugen
Die potenziellen Gewinne sind gewaltig. Im Schnitt errechnet ein Antminer am Tag Bitcoins im Wert von zehn US-Dollar pro Tag, schreibt "IEEE Spectrum". Bedenkt man, dass in der Bitcoin-Mine in Nordchina rund 20.000 Rechner rund um die Uhr Bitcoins erzeugen, sind jährliche Gewinne von Dutzenden Millionen US-Dollar erzielbar - freilich abhängig vom schwankenden Kurs der digitalen Währung. Der lag Anfang September bei einem Hoch von 5000 US-Dollar, fiel zwischenzeitlich auf 3000 US-Dollar und steht mittlerweile wieder bei rund 4300 US-Dollar pro Bitcoin. Wie viel genau Bitmain mit seiner Mine verdient, lässt sich da schwer abschätzen.

Bitcoin-Schürferei ist hochkomplexes Glücksspiel
Auch, weil die Bitcoin-Erzeugung selbst eine Art hochkomplexes Glücksspiel ist: Wer Bitcoins errechnet, muss dafür sogenannte Hashes - lange Ketten aus Zahlen und Buchstaben - produzieren, die auf Basis neuer Transaktionen in der im Hintergrund der Digitalwährung laufenden dezentralen Blockchain-Datenbank, den neuesten Einträge in der Blockchain, und einer zufälligen Zahl errechnet werden. Kommt am Ende ein Hash mit einer vorgegebenen Zahl von Nullen am Anfang heraus, ist ein neuer Bitcoin entstanden.

Die Zahl der von einem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto agierenden Programmierer erdachten Bitcoins ist außerdem auf 21 Millionen - bisher sind 16,6 Millionen davon erzeugt worden - begrenzt. Und je mehr erzeugt wurden, umso schwerer wird es, neue zu errechnen. Das ist der Grund, wieso sich noch vor vier Jahren Bitcoin-Schürferei mit PCs und Grafikkarten lohnte, heute aber nur mehr große Rechenzentren nennenswerte Bitcoin-Gewinne abwerfen. Je mehr sich die Menge der Bitcoins diesen 21 Millionen annähert, umso schwieriger wird es selbst mit Spezial-Hardware, neue Bitcoins zu erzeugen.

Bitmain sieht sich nach anderen Standbeinen um
Nur so viel ist im Bitcoin-Geschäft fix: Solange der Strom im Norden Chinas billig bleibt und es sich lohnt, dort Lagerhäuser mit Mining-Hardware in digitale Minen zu verwandeln, werden Unternehmen wie Bitmain es auch weiter tun. Doch selbst sie bereiten sich auf die Zeit vor, in der sich die Bitcoin-Erzeugung auch mit Spezial-Hardware nicht mehr rentiert.

Obwohl man mit Bitcoin-Chips groß geworden ist, forschte Bitmain zuletzt auch in anderen Disziplinen der IT - etwa Künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennungs-Hardware, die man an die chinesische Regierung verkaufen will. Damit könnte das Unternehmen auch dann noch florieren, wenn in einem seiner Rechenzentren der letzte Bitcoin erzeugt wurde.

Dominik Erlinger
Redakteur
Dominik Erlinger
Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden