Do, 22. Februar 2018

„Krone“-Interview

07.02.2018 07:00

Glen Matlock: Schwere Last der Vergangenheit

Er war der erste Bassist der Sex Pistols, bevor sein Nachfolger Sid Vicious das gesamte Punk-Genre revolutionierte. Glen Matlock war aber auch Songwriter der wichtigsten Pistols-Nummern und lebt noch heute heute vom Kult seiner frühen Jahre. Wir trafen uns mit dem 61-Jährigen Briten vor seinem Auftritt in der Wiener Stadthalle bei Capuccino und Espresso zum gemütlichen Plausch über Fluch und Segen seiner Vergangenheit, warum er heute kein Fan lauter Gitarren ist und weshalb er vor Gigs noch immer Nervosität verspürt.

Als sich der Punk in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre seinen Weg bahnte, war er selbst für die darin befindlichen Musiker ein Schlachtfeld der permanenten Unkontrollierbarkeit. Vor mittlerweile 41 Jahren veröffentlichten die Sex Pistols mit „Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols“ eines der wichtigsten Tondokumente der Populärmusikkulturgeschichte und verpufften ähnlich schnell, wie sie auf der Bildfläche auftauchten. Frontmann Johnny Rotten verstörte das britische Establishment mit seiner rotzigen Attitüde und, wie man heute längst weiß, oftmals bewusst inszenierter Ruppigkeit, Bassist Sid Vicious, der vielleicht schlechteste Musiker, der jemals einen derart hohen Bekanntheitsgrad erhielt, versank in einem Sumpf aus Drogen und Gewalt. Bevor Kultmanager Malcolm McLaren die Skandalnudel mit der Igelfrisur als Teil der gefährlichsten Band Englands installierte, verdankte die Band einen erklecklichen Teil des großen Ruhms ihrem Bassisten Glen Matlock.

Unergründete Wahrheit
Der wurde bei zehn der zwölf Songs auf dem Album als Co-Autor angegeben und hat dies auch in seiner Autobiografie „I Was A Teenage Sex Pistol“ hinlänglich ausgebreitet. Wie so oft bei hässlich beendeten Beziehungen lässt sich die endgültige Wahrheit über die Trennung nicht mehr so ganz verifizieren. Stimmt nun die Aussage seiner ehemaligen Bandkollegen, dass man Matlock aufgrund seiner Vorliebe für die Beatles, seines unspektakulären Looks oder der Angewohnheit, sich ständig die Füße zu waschen aus der Band geworfen hat, oder aber war es tatsächlich Matlocks freie Entscheidung, weil er mit dem rasant wachsenden Egos Rottens nicht mehr klarkam? Aufgrund der Tatsache, dass sich die beiden Streithähne für diverse Reunions immer wieder zusammengestritten haben (zuletzt 2008, wo beim Nova Rock auch der letzte Österreich-Auftritt über die Bühne ging), ist eine weitere Spurenverfolgung müßig. Die Zeit heilt alle Wunden – oder zumindest das Geld.

Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass Matlocks erster Österreich-Gig seit zehn Jahren ausgerechnet am Geburtstag seines alten Intimfeindes Rotten stattfindet. Vor einer fast ausverkauften Wiener Stadthalle durfte er, nur mit Gitarre und seiner Stimme bewaffnet, die Show vor den Dropkick Murphys und Flogging Molly eröffnen. Zwei Bands, die den Spirit der Sex Pistols im groben Geiste weitertragen und längst mehr Menschen für sich vereinen können, als es ihr vermeintliches Vorbild je schaffen wird. „Ich bin verdammt nervös“, gibt er am Ende des Gesprächs vor dem Gig mit der „Krone“ zu. Wen wundert es, denn trotz seiner musikhistorischen Bedeutung ist Matlock solche Kulissen nicht gewohnt. Er ist der unbesungene Held des Punk und nimmt diese Rolle als Steilvorlage zur Selbstbestätigung. „Natürlich bin ich das. Die Leute kennen mich als Bassisten einer Band, die es schon ewig nicht mehr gibt. Ich versuche mein Bestes, um das zu verändern und mich als Sänger meines eigenen Projekts zu etablieren. Der Kult um meine Vergangenheit gibt mir gleichzeitig die Chance, in der Gegenwart von Bedeutung zu sein.“

Mannigfaltig unterwegs
Der 61-Jährige lebt mit seinem eigenen Vermächtnis in einer Spirale der Hassliebe. Ohne das eine hätte es alles andere nie geben können, das ist ihm bewusst. Doch das Freistrampeln von alten Dogmen, Vorurteilen und Zuschreibungen ist im gnadenlosen Bereich der breiten Öffentlichkeit ein schwieriges, wenn nicht sogar unmögliches Unterfangen. Dabei hat Matlock in den letzten 40 Jahren des Öfteren für große Aufmerksamkeit gesorgt. Nach den Pistols war er elementarer Teil der Rich Kids rund um Ultravox-Sänger Midge Ure und veröffentlichte dort 1978 das im New Wave- und Dark Romantic-Bereich revolutionäre Album „Ghosts Of Princes In Towers“, war auf Iggy Pops „Soldier“ zu hören, verstärkte 1995 The Damned auf ihrem Werk „Not Of This Earth“ und erfüllte sich bei den Faces zwischen 2009 und 2015 den Traum, bei seiner ewigen Lieblingsband Bass zu spielen. „Ich habe gehofft, dass sie mehr Shows spielen werden. Wäre das passiert, dann würde ich dir jetzt nicht als Solomusiker gegenübersitzen.“

Als solcher hat er die Nase von lauten Gitarren voll, wie er in Interviews mit gebetsmühlenartiger Geduld erklärt. Im Frühling soll ein neues Album erscheinen und in Richtung Rockabilly und Swing tendieren. Aber nicht als Ein-Mann-Armee, sondern mit einer richtigen Band – etwa mit Earl Slick, der schon mit David Bowie zusammenspielte. Auch wenn der 61-Jährige gerne in der Gegenwart lebt, lassen ihn weder Engel, noch Dämonen der Vergangenheit los. Vor allem die unmittelbare Zeit nach den Sex Pistols hat Matlock als Musiker geformt, schließlich umgab er sich im Londoner Kreativbiotop mit Größen wie David Bowie, Lou Reed und Mick Ronson, der ihn von all seinen Arbeitspartnern am Nachhaltigsten beeindruckte. „Es ging nie um den Berühmtheitsgrad, sondern um die Fähigkeiten der Musiker. Mick war ein herausragender Musiker, extrem witzig und zugleich ein sehr bescheidener Typ. Das Lou-Reed-Album „Transformer“ hat er mindestens genauso stark mit seiner Arbeit veredelt wie David Bowie, auch wenn er dafür nie die nötige Anerkennung bekam.“

Bodenständiger Weltenbummler
Wenn Matlock sich nach anfänglichem Unwillen doch in seine Vergangenheit zurückkatapultiert, dann sprudeln die Geschichten nur so aus ihm raus. Etwa jene über Transgender-Begriffserklärungsmissverständnisse zwischen Bowie, Reed und Ronson, fast in den Fluss Mersey geworfene Tote in Liverpool, weil die Totengräber streikten oder die Tatsache, dass er immer noch fleißig Autogramme schreiben und für Selfies parat stehen muss, wenn ihn sein Sohn auf ein Green-Day-Konzert verschleppt. Von Rockstar-Allüren ist bei Matlock nichts zu spüren. Auf Tour mit den Dropkick Murphys und Flogging Molly ist der Londoner selbst mit dem Auto unterwegs. Nur er, seine Gitarre und Ehefrau Claire, die den immer noch vitalen Traum des bedingungslosen Künstlers nach Kräften unterstützt. Matlock blieb in Musikerkreisen stets gut vernetzt, spielte zuletzt etwa zur 60er-Feier des legendären The-Pogues-Sängers Shane MacGowan und jammt immer wieder mit Social-Distortion-Kopf Mike Ness. „Vor Weihnachten habe ich mit der Band in Australien gespielt, dann folgten Solokonzerte in Neuseeland und den USA. Mir macht all das irrsinnig viel Spaß und als Künstler musst du ohnehin am Ball bleiben.“

Dass der Ball am Ende des Tages doch immer wieder zu den Sex Pistols zurückrollt, nimmt Matlock je nach Tagesverfassung mal besser und mal schlechter auf. Dass es 2017, zum 40-Jahre-Jubiläum des vielleicht wichtigsten Punk-Albums, keine besonderen Konzerte gab, ist für ihn hingegen nachvollziehbar. „Das wäre gegen alle Prinzipien und die Geschichte der Sex Pistols gegangen. Wir machen solche Sachen zum 42. oder zum 33 ½. Geburtstag – immer dann, wenn es niemand von uns erwartet.“ Obwohl das Zerwürfnis mit Johnny Rotten evident ist und man die Reunion-Shows nur aus Geld- und Nostalgiegründen spielt, wäre Matlock einem weiteren Comeback nicht abgeneigt. „Ich bin immer offen für Gespräche, sollte das wieder einmal zum Thema werden. Ich wache aber nicht täglich in der Früh auf und denke darüber nach.“ Bis es soweit ist, wird zumindest das angekündigte Soloalbum für Kurzweil sorgen. Der alte Punk ist heute längst zum nachdenklichen Elder Statesman gereift.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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