Mi, 14. November 2018

Aguilera in Wien

18.12.2006 13:33

Das war Christina Aguilera in der Wiener Stadthalle

Mit einem riesigen Schrank voll Kleider und einer mörderisch guten Band im Gepäck hat Christina Aguilera am Samstagabend die Wiener Stadthalle beehrt. Vor 10.000 Fans begeisterte der Superstar mit einer perfekt inszenierten Show, die neben musikalischen Reizen auch die Erotik nicht zu kurz kommen ließ. Oh ja.

Es war aber eines der wenigen Konzerte, bei dem man im Vorhinein ausnahmsweise auch über die Vorgruppe sprach – kein Geringerer als Jan Delay heizte die Meute für Miss Aguilera an. „Ihr seit heute hier für Christina – und es ist nicht Christina Stürmer. Und ich bin hier um euch für sie scharf zu machen!“, begrüßt der deutsche Ex-Hip-Hopper gegen 19.40 Uhr die bereits zahlreich versammelten Fans. Eh klar, wenn so ein ungewöhnliches Vorprogramm ruft, kommt man gern früher.

Und ungewöhnlich war diese Mischung auf jeden Fall. Es wurde fast skurril, als Jan Delay sein Cover von „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ zum Besten gab. Die Zuschauer wackelten gemütlich im Reggae-Beat hin und her – ein krasser Gegensatz zu Christina Aguileras Neun-Mann-und-drei-Backgroundsängerinnen-Beat-Maschinerie. „Und weil wir ja heute für die Queen of Reggae spielen“, sagte Jan mit einem Augenzwinkern, „machen wir noch eins.“

Nach „Vergiftet“ kam eine kleine „Ruft mir zu“-Einlage, in der Manier eines Magic-Life-Animateurs. Und als dann die extra funkige Version von „’Türlich, ’türlich“ und Jans Hitsingle „Klar“ verklungen waren, konnte sich Christina auf eine optimale Ausgangslage freuen – die Leute waren heiß, mission accomplished.

Ain’t No Other Woman...
Knisterstimmung kehrte ein und Christina begann mit einem nerven-aufreibendem Intro – zwei Minuten lang sang sie im Off, während ihr digitales Ich in freizügigen Videoclips über die Leinwand flimmerte. Dann fuhr sie auf einer hell erleuchteten Showtreppe, in strahlendes Weiß gekleidet, auf die Bühne. „Ain’t No Other Man“ sang Christina und tanzte die Showtreppe herunter, ließ sich ganz Diva-like das Sakko ausziehen und flanierte mit Tänzern, Musikern und Background-Sängerinnen lässig über die Bühne.

Die Gesichter der Christina Aguilera sind vielseitig: Als Marylin Monroe streift sie lasziv um ihre Musiker. Dann schießt sie als Latin-Showgirl aus dem Boden und beginnt eine schnelle Rumba-Version von „All I Want is You“, die am Ende in einen waschechten Big-Band-Marsch mündet. Mit ihren beiden männlichen Tänzern vollführt sie dann zu „Slow Down Baby“ einen Paarungstanz erster Güte. Ob diese Herren für solch charmante Extrabehandlungen tatsächlich Geld nehmen?

Dass sie „still nasty“ ist, bewies Christina mit Nachdruck: Im ultraknappen Kleid hockte sie sich auf einen Sessel und spreizte die Beine fürs Publikum, das mit Stielaugen überprüfte, ob da eh nichts verrutscht war. Nicht mehr schmuddelig-„dirrrty“, aber kalt ließ das trotzdem niemanden. Auch nicht das danach per Video eingespielte „I Got Trouble“, das Christina als laszive Straps-Lady im Stil der 20er-Jahre zeigte. Mit einer Prise Jazz spielt sich die Erotik eben weitaus sinnlicher als mit Hip-Hop und grimmigen Gangsta-Typen...

Szenenwechsel, Themenwechsel - perfekt berechnete Show
Danach die erste Totaltransformation. Ihre zwölfköpfige Band fährt auf einem Podest im Holzkisten-Look aus dem hinteren Teil der Bühne bis zur Mitte. Christina kommt auf einem alten, verschrammten Piano sitzend aus dem Boden. „Makes Me Wanna Pray“ singt sie im rot-glitzernden Paillettenkleid, das ihr Roberto Cavalli auf jede Kurve geschneidert hat. Das Publikum ist so gebannt und kann der bis ins kleinste Detail inszenierten Show, die sich vor ihnen abspielt, nur mehr still und starr sitzend folgen. Erst am Ende des Songs kommt wieder Leben in die Glieder und 20.000 Handflächen finden für einen tosenden Applaus zueinander.

Die karibische Offbeat-Version von „What A Girl Wants“ ist angesichts der ruhigen Strophe fast schon zu leichter Tobak und bringt Zeit zum Aufatmen. Jan Delay kommt einem noch kurz in Erinnerung, bevor sich Christina mit „Oh Mother“ mutterseelenallein in der Mitte der Bühne einer stimmgewaltigen Hommage an ihre Mutter hingibt. Die Gewaltszenen, die im Hintergrund über die Leinwand flimmern, machen den Song zu einem geöffneten Zeitfenster mit Panorama-Blick in ihre Seele. Christina gewährt ihren Fans die Einsicht aber nur für kurze Zeit.

Zirkus „Aguilera“ mit Publikumsbeteiligung
Plötzlich verwandelt sich die Bühne in eine Manege. Feuerspucker, Schlangenmensch und Konkubine kommen zum Glockenklang-Walzer „Enter The Circus“ hereingestürmt. Christina erscheint im Dompteurs-Kostüm, an eine gut fünf Meter hohe Zielscheibe geheftet. Als wieder alles finster ist, stecken die Bühnenarbeiter fünf gut vier Meter hohe Messingstangen in den Boden und jeder weiß, was nun kommen wird. Für „Dirrrty“ setzt sich Christina aufs Karussellpony und gibt dem rosa Plastik-Gaul die Sporen. Ihre vier gut gebauten und erfreulich leicht bekleideten Tänzerinnen winden sich derweil ums Gestänge und vollführen eine Pole-Dance-Variation nach der anderen. Den Dompteursrock hat Christina abgeworfen – sie tollt in schwarz-roten Straps-Dessous über ihren sündigen Spielplatz.

Es ist inzwischen so verdammt heiß in der Stadthalle, wie man es höchstens im Hochsommer erlebt. Als betrunkene Matrosen verkleidet stürmen eine Handvoll männlicher Tänzer die Bühne und Christina kommt als All-American-Showgirl verkleidet zurück, um das Publikum mit „Candyman“ zu verzaubern. Eine eher mittelmäßige Showeinlage – im Vergleich zu dem, was danach kommen sollte.

Ein unschuldiger Herr aus dem Publikum muss für „Nasty Naughty Boy“ herhalten und wird an die Zielscheibe, die inzwischen wieder hereingerollt wurde, gefesselt. Sebastian mit der Rolling-Stones-Zunge am T-Shirt wird von Christina höchstpersönlich umgarnt. Sie nennt ihn „Bad Boy“ und fragt ihn: „Voulez-vous couchez avec moi?“ Er nickt noch relativ selbstsicher, bevor die Zielscheibe in die Waagrechte gekippt wird und Christina über ihn steigt und ihn auspeitscht. Sebastian wird es für diesen Abend an nichts mehr fehlen...

16 Konzerte in 30 Tagen - die Stimme hält
Die ganze aufgestaute Hitze kühlt Christina jetzt mit „Hurt“, ihrer aktuellen Single. In einen monströsen Federbusch gekleidet singt sie sich die Seele aus dem Leib. Die Feuerzeuge gehen an und nicht wenige Hände zittern. Diesen Song von der leibhaftigen Aguilera vorgesungen zu bekommen, treibt einem die Gänsehaut ins Genick - egal ob man will, oder nicht. Ihre ausdrucksstarke Stimme, die auch nach 16 Konzerten in knapp einem Monat nicht im Geringsten an Fülle eingebüßt hat, macht die Performance, die zuvor doch zum Großteil aus optischen Reizen bestand, auch akustisch perfekt.

Es singt sich auch ganz gut auf einem rosaroten Barock-Divan. Genau auf dem sich lässt Christina im kleinen Schwarzen mit feuerroten Federschweif für „Lady Marmelade“ nieder. Im Publikum macht sich erneut die Reizüberflutung breit – nur die ersten Reihen rocken mit der formvollendeten Gestalt da vorne, die sich mit vollem Einsatz auf ihre Zehntausend-Dollar-Knie wirft. Der Rest starrt gebannt auf die kreisenden Bewegungen der Tänzerinnen und lauscht den stimmlichen Höhenflügen ihrer Oberbefehlshaberin.

„I love you Vienna“
Bei „Beautiful“, dem vorletzten Song, erhält Christina tatkräftige Unterstützung vom Publikum, das zuerst zaghaft, dann vollen Halses den Text mit ihr singt. Jetzt hat sie alle Hände unter Kontrolle. Kein Stehplatz, der nicht die Arme im Takt schwingt. Als sie der lauteste Applaus des Abends und die Trampelei aus den Sitzreihen beim Schlusston hoffnungslos zum Stoppen zwingen, huscht ihr ein gerührtes Lächeln über die Lippen. „I love you Vienna“, haucht sie.

Mit einem Knall eröffnet die Band dann das Finale. „Fighter“ schießt mit einem Röhren aus den Lautsprechern, gleich einem Jumbo beim Abheben. Die Band gibt noch einmal alles und das Publikum ballt die Fäuste, als würden da oben Metallica eine Gitarrensalve loslassen. Ein ohrenbetäubender Applaus verabschiedet Miss Aguilera, die begleitet vom herabprasselnden Silber-Confetti winkend die Bühne verlässt. Oh ja, sie hat’s uns gegeben...

Christoph Andert

Fotos: Andreas Graf

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