Sa, 18. August 2018

Armut in Wien

13.07.2017 17:06

Ist Urlaub für Familien unleistbar geworden?

Für immer mehr Familien ist der gemeinsame Urlaub kaum noch leistbar. Transport, Unterkunft und Verpflegung für eine vierköpfige Familie hinterlässt ein großes Loch im Haushaltsbudget. Der Staat scheint sich hierfür aber wenig zu interessieren. Urlaubsgruru Gründer Daniel Krahn hat hierfür kein Verständis. Laut ihm kann man sehr wohl sehr günstig in den Urlaub fahren.

Laut EuroStat kann sich jede 5. Deutsche Familie keinen Urlaub leisten. In Österreich sind es 325.000 Kinder, die aus finanziellen Gründen nicht auf Urlaub fahren können, 120.000 von ihnen leben, laut APA, in armutsgefährdeten Haushalten.

Der Staat? Der kürzt weiterhin die Fördergelder.
Für Familien, die sich keinen gemeinsamen Urlaub leisten können, oder wo die Eltern über den Sommer arbeiten müssen und dafür Betreuungsplätze für ihre Kinder brauchen, sind Feriencamps die einzige Lösung. Doch auch diese sind nicht günstig. Der Staat hat für solche Fälle kaum Fördermittel. So bleibt vielen Familien nur eines übrig: Den Sommer zuhause verbringen.

"Einerseits verlangt die öffentliche Hand mehr Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen, andererseits stellt sie dafür weniger Geld zur Verfügung", sagte Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe in einer Pressekonferenz vom 11. Juli 2017 in Wien. Statistische Erhebungen, wie viele Familien aus finanziellen Gründen tatsächlich nicht in den Urlaub fahren können, gibt es Österreichweit nicht. Beispiele aus den Bundesländern zeigen allerdings, dass immer weniger Kinder auf Urlaub fahren können. In Oberösterreich stehen über 50 Kinder auf der Warteliste für einen Platz in der Ferienaktion. In Niederösterreich werden in diesem Jahr 94 Kindern Urlaubsaufenthalte von der Kinder- und Jugendhilfe bezahlt, 2013 waren es noch 263 Kinder. Wurden in der Steiermark im Jahr 2012 für 211 Kinder die Kosten für den Ferienaufenthalt bei den Kinderfreunden übernommen, waren es 2016 nur mehr 39 Kinder.

Wie sehen das Wiens Wunderweiber?
Dass sich immer weniger Österreicher einen Familienurlaub oder das Feriencamp für die Kinder leisten können, bestätigt auch Andrea Schaffar in der Gruppe Wiener Wunderweiber: "Wir hatten Jahre, als die Kinder klein waren und ich weniger verdient hab, da war an Urlaub nicht zu denken. Ging finanziell gar nicht. Einfach so Urlaub machen zu viert ist schon eine ordentliche finanzielle Anstrengung. Zwei Wochen nicht luxuriöser Griechenlandurlaub und ein paar tausend Euro sind weg. Was noch hinzukommt sind Betreuungskosten über die Sommerferien. Letztes Jahr waren das 2500 Euro bei zwei Kindern." Eva-Maria Resl, eine andere Userin der Facebook-Gruppe, ist derselben Ansicht: "Wir sind zu fünft. Urlaub ist da unleistbar! Wir müssten überall eine Suite buchen. Deshalb weichen wir meistens auf Selbstversorgerhäuser, zum Beispiel in Kroatien, aus. Wobei hier der Erholungswert für die Eltern dahingestellt wird! Wenn ich für eine Woche Urlaub 4.000 Euro bezahlen muss, stellt sich für mich die Preis-Leistungsfrage?"

Urlaubsguru versteht das nicht
Statistisch gesehen mögen die Behauptungen, dass jeder 5. Deutsche sich keinen Urlaub leisten kann stimmen, doch für Urlaubsguru-Gründer Daniel Krahn sind sie unverständliche. Laut ihm und der Recherche, die er und sein Unternehmen an den Tag legen, muss Urlaub nicht teuer sein und das Haushaltsbudget einer Familie sprengen. "Einwöchige Pauschalreisen für unter 200 Euro oder ein City-Trip mit Flügen und Unterkunft für weniger als 100 Euro - das gibt es nahezu täglich", erklärt er in einer Pressemitteilung.

Das Problem liegt hier aber nicht daran, dass es nicht ausreichend günstige Angebote gibt, sondern dass Familien im Gegensatz zu Einzelpersonen zeitlich unflexibel sind und somit meistens nur in den Sommermonaten, wenn die Kinder lange Schulferien haben, Urlaub machen können. In der Hochsaison ist es daher schwieriger günstige Pauschalangebote zu finden. Termine außerhalb der Schulferien sind bekannterweise weitaus billiger. Das bestätigt auch Krahn: "Wer genaue Vorstellungen von seinem Ziel, dem Abflughafen, dem Zeitraum, dem Hotel und der Verpflegung hat, der legt sich meist zu sehr fest. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass derjenige die besten Preise erzielt, der bei der Wahl des Urlaubs offen für Neues ist".

Politik kennt Armut nicht
Mag sein, dass es auf Urlaubsguru und anderen Portalen viele günstige Angebote gibt, wenn Familien aber zeitlich nicht flexibel sein können, bringen ihnen diese Angebote auch nicht viel. Eine weitere finanzielle Belastung ist die Betreuung der Kinder über den Sommer. Familien fahren im Sommer durchschnittlich zwei Wochen auf Urlaub. Den Rest der Sommerferien müssen die Kinder allerdings betreut werden. Viele Familien können sich nicht beides leisten.

Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe, erklärt, dass Kindern, die in sozial schwächeren Familien aufwachsen "nur eine kleine Welt" zur Verfügung stehe. Aus diesem Grund empfindet er Urlaub für diese Familien als enorm wichtig, da sie sonst einer ständigen Belastung ausgesetzt. Hier müsste laut Fenninger die Politik eingreifen, doch diese habe ihren Fokus verlegt. "Die Politik hat eine erschreckende Distanz zu armutsgefährdeten Familien, Politiker kennen diese Milieus nicht mehr", sagte er.

*(APA/Red.)

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