Mo, 10. Dezember 2018

krone.at in Sizilien

08.07.2017 07:12

US-Militärbasis wurde zur "Stadt der Flüchtlinge"

Tausende Menschen wurden in den vergangenen Tagen wieder mit Schlauchbooten vor die Küsten Italiens geschleppt. Besonders dramatisch ist die Situation auf Sizilien. Die "Krone" und krone.at waren vor Ort. Ein Lokalaugenschein (siehe auch Video oben) im größten Flüchtlingslager des Landes, wo 4000 Asylwerber auf ein Leben in Europa hoffen.

Mineo auf Sizilien. Eine kleine, malerische Ortschaft mit Schule, Kindergarten, ein paar Gemischtwarenläden und gemütlichen Trattorien. Rundum: weitläufige Ebenen, begrenzt von sanften Hügeln. Orangen- und Olivenplantagen. Steppe. Dazwischen halb verfallene Häuser. In der Ferne ist der Ätna zu sehen.

Schwer bewacht im Niemandsland
Irgendwo in diesem Niemandsland, 70 Kilometer südwestlich von Catania, steht das größte Flüchtlingslager Europas. Die Casa Mineo. Umgrenzt von dicken Stacheldrahtzäunen. Bewacht von mit Maschinenpistolen bewaffneten Militärpolizisten.

4000 Menschen - beinahe genauso viele wie die Gemeinde Einwohner hat - leben mittlerweile auf dem Areal, in 400 zweistöckigen Siedlungsgebäuden. Menschen aus Gambia, Nigeria, Mali, Eritrea, Somalia, Senegal, Bangladesch. Wenige Frauen und Kinder, viele Männer. Die meisten von ihnen sind unter 30.

"Wir wurden inhaftiert und ausgebeutet"
Wie Adnan, Nazmul und Shamin; 20, 22 und 23 Jahre alt. Alle drei stammen aus Bangladesch, alle drei waren einst nach Libyen gegangen, "weil wir dort arbeiten wollten. Aber wir wurden inhaftiert und so lange ausgebeutet, bis wir endlich genug Geld gespart hatten, um eine Schlepperorganisation bezahlen zu können."

2000 Euro habe jeder von ihnen an "Vermittler" bezahlt, dann saßen sie bald auf einem Schlauchboot. Nach zwei Tagen auf dem Meer seien sie von Helfern "aufgefischt" und zum Hafen von Catania gebracht worden. Völlig entkräftet, dehydriert. Ohne Papiere.

"Vielleicht als Erntehelfer arbeiten"
"Seitdem sind wir da." In der Casa Mineo. Ihr Alltag? "Warten." Darauf, dass ihre Asylanträge bewilligt werden. Und dann? "Wir wissen nicht, was sein wird." Adnan würde "gerne irgendwann später" in Deutschland unterkommen und eine Ausbildung zum Elektriker machen, "denn das ist ein angesehener Beruf". Nazmul und Shamin möchten in Italien bleiben, "vielleicht als Erntehelfer".

Heute war für drei Männer ein guter Tag, ein Landwirt gab ihnen Arbeit: "Wir pflückten sechs Stunden lang Orangen von Bäumen." Ihr Lohn? "Zusammen bekamen wir 30 Euro."

"Unsere Dealer sind eingetroffen"
Die Dämmerung bricht an. Die Gegend um das Flüchtlingslager wirkt plötzlich belebt. Dutzende Kastenwagen parken vor den Absperrungen. "Unsere Dealer sind eingetroffen." Es wird mit Brot gehandelt, mit Gemüse, mit Telefonwertkarten, billigen T-Shirts, Jeans, Seifenstücken und Zigaretten. Ein mit Schwarzafrikanern voll besetzter Bus fährt langsam durch das Tor zur Casa. In eine Welt, in der eigene Gesetze herrschen - die Stärksten die am wenigsten durchgelegenen Matratzen bekommen.

Ein junger Mann, ein Eritreer namens Tesfay, geht aus dem Lager. Mit Reisegepäck und einem Plastiksack, in dem eine Packung Kartoffelchips und zwei Flaschen Wasser verstaut sind. Ein Jahr war er in dem Heim, nun wartet er auf einen Freund, der ihn nach Rom bringen soll. "Ich darf dort in einer Fabrik arbeiten", erzählt er. Sein Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Martina Prewein und Alexander Bischofberger-Mahr, Kronen Zeitung/krone.at

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