Sa, 22. September 2018

"Zeuge" sagte aus

26.12.2014 15:07

Flug MH17: Moskau verdächtigt ukrainischen Piloten

Die Hinterbliebenen der Opfer des Absturzes von Flug MH17 über der Ostukraine erleben derzeit ihr erstes Weihnachtsfest ohne ihre Angehörigen. Während die Trauer groß ist, präsentierte nun in Russland ein "Zeuge" aus heiterem Himmel erstmals einen mutmaßlichen Täter: einen ukrainischen Piloten. Die Regierung in Kiew weist den Vorwurf entschieden zurück und ortet eine "russische Propaganda-Lüge".

Hat ein ukrainischer Pilot mit einem Kampfjet vom Typ Su-25 vor fünf Monaten die malaysische Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord über dem Konfliktgebiet Donbass abgeschossen? Die oberste Ermittlungsbehörde in Moskau hält das für möglich. Und sie sieht dafür erstmals Beweise: einen "Zeugen", der auch den Namen des mutmaßlichen Schützen nennt.

"Zeuge" kommt Russen wie gerufen
Seit Tagen berichten russische Medien unter Berufung auf den "Zeugen" über den Piloten W. W., der die Boeing 777 am 17. Juli abgeschossen haben soll. Für die Russen kommt der angeblich von den ukrainischen Streitkräften desertierte Mann wie gerufen. Sie versuchen schon lange, die Schuldvorwürfe des Westens an Russland zu erschüttern.

Die Identität des "Zeugen" ist öffentlich zwar nicht bekannt. Aber der Sprecher der obersten Ermittlungsbehörde in Moskau, Wladimir Markin, versicherte, der Mann sei nach einem Lügendetektortest glaubwürdig. Er solle nun in das staatliche Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden - und den Ermittlern in den Niederlanden dabei helfen, die Tragödie aufzuklären.

Widerspricht offiziellem Ermittlungsstand
Was der "Zeuge" zu sagen hat, widerspricht dem bisher öffentlich bekannten Ermittlungsstand - etwa, dass in der Nähe der MH17 noch ein Flugzeug gewesen sein soll. Zwar ist die Schuldfrage ungeklärt, doch haben nicht nur die Ukraine, sondern etwa auch Australiens Regierungschef Tony Abbott immer wieder die prorussischen Separatisten für den Abschuss verantwortlich gemacht.

Demnach sollen die Aufständischen von einer aus Russland gelieferten Luftabwehranlage vom Typ "Buk" eine Boden-Luft-Rakete auf die MH17 abgefeuert haben. Die Aufständischen wiesen das nun erneut zurück.

"MH17 zur falschen Zeit am falschen Ort"
Die in Russland jetzt verbreitete Version geht so: Der Kampfpilot soll mit zwei Raketen an Bord gestartet sein. Das berichtet der "Zeuge". Bei seiner Rückkehr habe der Pilot dann gesagt: Das Flugzeug (MH17) sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Der ukrainische Geheimdienst SBU reagierte prompt, tat die Vorwürfe als "russische Propaganda-Lüge" ab, machte dann aber zumindest Angaben zu dem Piloten. "Sein Flugzeug befand sich in Reparatur, weil es bei einer Landung am 16. Juli beschädigt worden war", hieß es. Am 17. Juli habe es jedenfalls gar keinen Einsatz der Luftwaffe gegeben.

Ukraine weist weiter jede Schuld von sich
Eine Beteiligung ihrer Streitkräfte an der Tragödie hatte die Ukraine stets kategorisch ausgeschlossen. Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wiederholte zuletzt ungewöhnlich deutlich, es gebe Beweise dafür, dass die prorussischen Separatisten die Maschine über dem von ihnen kontrollierten Gebiet abgeschossen hätten. Öffentlich bekannt sind die Beweise jedoch nicht.

Die Version von einer Schuld Russlands sei schon verbreitet worden, als die MH17-Trümmer noch nicht einmal den Boden berührt hätten, ärgerte sich Moskaus Ermittler Markin. Dass die Ukraine zugebe, es gebe den Piloten W. W. in der von dem "Zeugen" genannten Einheit in Dnjepropetrowsk, "ist schon eine Errungenschaft", meinte er.

Es sei ein Leichtes, nun festzustellen, ob der Pilot an dem Tag geflogen sei, sagte Markin. Dazu sollten die internationalen Ermittler die Bücher über die Kampfflugeinsätze und die Funksprüche der Dispatcher in der Flugleitzentrale prüfen.

Moskau kritisiert einseitige Ermittlungen
Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow schaltete sich ein. Er warf der internationalen Untersuchungskommission vor, einseitig zu ermitteln und sich die Richtung von den ukrainischen Behörden diktieren zu lassen. Es müssten alle Versionen geprüft werden. In Interviews kritisierte der Chefdiplomat mehrfach die Vorverurteilung Russlands durch den Westen nach dem Absturz. Die USA hätten ohne Beweise einen Schuldigen bestimmt und die Tragödie für "geopolitischen Machtspiele" genutzt, um Russland mit Sanktionen zu belegen, meinte Lawrow.

Moskaus Staatsmedien, die immer für Verschwörungstheorien zu haben sind, fragten gleich nach dem MH17-Absturz nach einem Motiv. Ihre Antwort schon damals: ein Werk Kiews, um Russland als Aggressor darzustellen - und womöglich für den Westen einen Vorwand zu liefern, wegen der internationalen Opfer endlich militärisch von außen in den Konflikt einzugreifen.

Nicht zuletzt erinnerte auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB erneut an den Oktober 2001. Damals hatte die ukrainische Luftwaffe eine russische Passagiermaschine mit 78 Menschen an Bord über dem Schwarzen Meer abgeschossen.

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