Sexuelle Gewalt und Isolation: Ein Schicksal zeigt, wie tief die Wunden bei Vergehen an Kindern reichen – und warum viele Opfer als Erwachsene täglich weiterkämpfen müssen.
Nach außen hin wirkte die Kindheit von Elisabeth (Name geändert) völlig normal. Ein ordentliches Zuhause, Schule, Freunde, Alltag wie bei vielen anderen Kindern. Doch hinter verschlossenen Türen lebte die Salzburgerin ein Albtraum, der ihr ganzes Leben prägen sollte. Heute ist sie 34 Jahre alt, schwer traumatisiert und kämpft jeden Tag, um überhaupt am Leben teilnehmen zu können.
„Nicht aus Familie genommen“
Schon als kleines Mädchen war Elisabeth Gewalt, emotionaler Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Mit nur zehn Jahren entwickelte sie eine Essstörung, erste schwere Traumafolgen wurden sichtbar. Eine Lehrerin organisierte ihr damals einen Therapieplatz – doch das volle Ausmaß ihres Leidens erkannte leider niemand. „Ich wurde nicht aus der Familie genommen“, sagt sie im Gespräch mit der „Krone“.
Später musste sie das Gymnasium abbrechen und verbrachte ihr Schuljahr in der Psychiatrie. Ihren 18. Geburtstag feierte sie in der Klinik. Es folgen Jahre zwischen Krankenhäusern und betreuten Wohngruppen. Doch auch dort findet Elisabeth keine Sicherheit. In einer Einrichtung wird sie erneut Opfer von Gewalt. Freunde gehen verloren, Kontakte brechen ab, Arbeit oder Ausbildung wegen der schweren Symptome unmöglich.
Alltag kaum zu bewältigen
Heute leidet Elisabeth als Resultat der Gräueltaten, die ihr angetan wurden, an einer schweren Traumafolgestörung. Selbstverständliche Dinge sind kaum zu bewältigen. Einkaufen, Arzttermine, außer Haus gehen, schafft sie nur mit Begleitung – wenn überhaupt. Geräusche, Gerüche, Berührungen, die „kleinsten“ Dinge können Flashbacks auslösen. Dann fühlt es sich für die Salzburgerin so an, als würde das Trauma wieder passieren. „Ich verliere den Bezug zum Hier und Jetzt“, erzählt sie.
Während andere mit Freunden ins Kino gehen, Kaffee trinken oder eine Familie gründen, lebt Elisabeth isoliert. „Ich habe kaum Freunde, keine Familie. Das tut oft besonders weh“. Und trotzdem: Sie gibt nicht auf. Mit enormer Kraft kämpft sie sich zurück, holt die Matura nach. Schließlich beginnt sie sogar ein Studium. Doch genau dieser Erfolg zurück ins Leben steht wieder auf der Kippe. Denn Elisabeth benötigt dringend einen Assistenzhund.
Ein speziell ausgebildeter Hund könnte ihr Sicherheit geben, sie im Alltag begleiten, bei Flashbacks helfen und im Notfall reagieren. Vor allem aber könnte er der 34-Jährigen Freiheit zurückgeben. Ihr größter Wunsch? Das Studium abschließen, arbeiten, nicht mehr isoliert sein. Einfach ein bisschen Normalität. „Ich will leben.“
Der sexuelle Missbrauch und die sexualisierte Gewalt gehören zu den schwersten Formen der Kindeswohlgefährdung, die erhebliche Folgen für das Kind haben können.
Petra Birchbauer, Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren
Sexuelle Gewalt an Kindern als Tabuthema
Der Fall zeigt ein gesellschaftliches Problem auf. Experten warnen seit Jahren, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder massiv unterschätzt wird. Laut aktuellen Zahlen sind in Österreich 7,1 Prozent der Mädchen unter 15 Jahren betroffen. Erste Übergriffe passieren meist schon im frühen Kindesalter. Petra Birchbauer vom Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren: „Der sexuelle Missbrauch und die sexualisierte Gewalt an Kindern sind einer der schwersten Formen der Kindeswohlgefährdung, die erhebliche Folgen für das Kind haben können.“
Rund 75 Prozent der Taten passieren dort, wo Kinder eigentlich Schutz und Sicherheit erwarten sollten – im familiären Umfeld oder bei vertrauten Personen. Gleichzeitig suchen nur rund fünf Prozent der Betroffenen Hilfe. Aus Scham, Schuldgefühlen, Angst oder einer Abhängigkeit von Tätern.
Zurzeit sammelt die Salzburgerin Spenden für einen Assistenzhund – und hofft auf das große Herz der „Krone“-Leserschaft.
Wer spenden möchte, kann das hier tun.
Kinderschutz-Experten fordern mehr Aufklärung, verpflichtende Schulungen für Fachkräfte sowie einen massiven Ausbau therapeutischer Angebote. Viele Opfer leiden auch Jahrzehnte später unter der Gewalt und dem Missbrauch, der ihnen widerfahren ist. Elisabeth ist kein Einzelfall. Ihr Schicksal steht für die vielen Menschen, deren Wunden niemand sieht.
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