Anna Klimovitskaya und Regisseur Dominik Puhl bringen „Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux erfolgreich als Solo auf die kleine Bühne im Schauspielhaus Graz.
Ein französisches Ferienlager 1958 und eine Partynacht in Berlin 2011: Anna Klimovitskaya ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch Leserin – und offensichtlich eine große Liebhaberin von „Erinnerungen eines Mädchens“. In dem autofiktionalen Roman der französischen Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, der 2016 im Original erschienen ist, blickt die Autorin auf ihr 18-jähriges Selbst zurück – auf Begierden, den Kampf um sexuelle Selbstbestimmung, auf Scham und sozialen Druck.
In seiner ersten Regiearbeit bringt Ensemble-Mitglied Dominik Puhl diesen Text nun auf die Bühne im Schauraum im Schauspielhaus Graz. Anna Klimovitskaya verwebt ihre eigenen Erfahrungen mit jenen von Ernaux: Sie wechselt geschickt zwischen der Rolle der Erzählerin und jener des Mädchens. Bühnenbildnerin Mara Madeleine Pieler schafft dafür einen zeitlosen Erinnerungsraum mit Dia-Projektoren und langen Stoffbahnen.
Stellt sich hier etwa jemand auf die gleiche Stufe wie die große Annie Ernaux? Man könnte diesen Zugriff so missverstehen. Vielmehr geht es aber um das, was ihr Werk ausmacht: Dass aus Individuellem nämlich Universelles wird, dass aus einer Geschichte eines Mädchens, oder vielmehr aus der Reflexion und Erinnerung darüber, Weltliteratur wird. Dass es Geschichten wie diese wert sind, erzählt zu werden. Den Brief von Annie Ernaux – sei er nun echt oder nicht – hätte man dafür gar nicht vorlesen müssen.
An die Tiefe und Komplexität des Romans reicht diese Dramatisierung nicht annähernd heran. Dennoch sind persönliche Betroffenheit und Begeisterung nicht die schlechteste Voraussetzung, sich mit einem Stoff künstlerisch auseinanderzusetzen. Ja, die Gefahr, ins Schwärmen zu geraten, ist da. Klimovitskaya und Puhl schaffen es aber, die Ergriffenheit nicht überhandnehmen zu lassen, zumindest bis zu den letzten Momenten vor dem langen und verdienten Applaus. Ein ehrliches Denkmal für Annie Ernaux.
Weitere Termine: 14., 27., 28.2.; 5./21.3., jeweils 20 Uhr, im Schauraum im Schauspielhaus Graz.
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