Busfahrer am Limit

Prügel, Extremdienste, Geldrisiko: „Es reicht!“

Tirol
14.01.2026 18:00
Porträt von Claudia Thurner
Porträt von Anna Unterleitner
Von Claudia Thurner und Anna Unterleitner

Es sind beängstigende und zum Teil absurde Geschichten, die Busfahrer über ihren Arbeitsalltag berichten:  Prügelattacken, extreme Dienstzeiten und Geldverwaltung mittels Jutesack, der aus der Monarchie zu stammen scheint. In Tirol reicht es den Berufskraftfahrern jetzt. 

Michael Schöpf, Betriebsratsvorsitzender von ÖBB Postbus, hat einen Stoffsack mit Münzen in der Hand. Er erzählt, dass in der Branche Fahrer mit so einem Sack Geld am Weg sind, um die Tageslosung entweder an einem Ticketautomaten Münze für Münze „einzuzahlen“ oder über ihr Privatkonto an den Betrieb weiterzuleiten. Das könne es doch im Jahr 2026 nicht mehr geben, schüttelt Schöpf den Kopf.

Michael Schöpf mit dem Stoffsack voller Münzen, den die Fahrer verwalten müssen.
Michael Schöpf mit dem Stoffsack voller Münzen, den die Fahrer verwalten müssen.(Bild: Claudia Thurner)

Lenker wurde krankenhausreif geschlagen
Belegschaftsvertreter Schöpf sitzt mit zwei Kollegen anderer Verkehrsunternehmen bei der Gewerkschaft in Innsbruck und erzählt vom Leid der Busfahrerinnen und Busfahrer – allein in Tirol immerhin eine Gruppe von rund 1000 Personen. Probleme gebe es aber nicht nur in einem Bundesland, betonen die drei Herren. „Ein Kollege wurde im Vorjahr krankenhausreif geschlagen. Als er wieder im Dienst war, haben ihn die Täter neuerlich bedroht“, schildert Schöpf einen Vorfall. Körperliche Attacken seien früher vielleicht ein- bis zweimal im Jahr vorgekommen, mittlerweile mindestens einmal im Monat. Der Aggressionspegel steigt – das bestätigen alle. Besonders schlimm sei es etwa in Ballnächten und rund um Après-Ski-Lokale.

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Das Wechselgeld wird häufig nicht vom Unternehmen gestellt. Auch dafür müssen die Fahrer neben anderen Aufgaben selbst sorgen.

Georg Hantzsch, Betriebsratsvorsitzender Ledermair

„Stress pur“ rund um den Ticketverkauf im Bus
Große Probleme bereite mittlerweile auch der Ticketverkauf in Bussen. Die Innsbrucker Verkehrsbetriebe (IVB) haben das abgeschafft, doch am Land ist der Fahrer auch Geldverwalter. „Das ist Stress pur: du musst aufs Geld schauen, Tickets kontrollieren und den knappen Fahrplan einhalten“, berichtet Georg Hantzsch, Betriebsratsvorsitzender bei Ledermair. Die Berufsgruppenvertreter berichten von einem Extremfall, bei dem der Fahrer ausgeraubt wurde und den Verlust aus der eigenen Tasche zahlen musste.

Tricksereien bei den Dienstzeiten
Und dann sind da noch die Dienstzeiten! Unmengen Überstunden durch Personalmangel, trotz Fünf-Tage-Woche Einsätze am sechsten Tag, weil das Wochensoll noch nicht erfüllt ist und extrem kurze Pausen, in denen man es gerade noch schafft, zum neuen Einsatzort zu gelangen – davon berichten die Gewerkschafter. Aber nicht nur davon!

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Wir brauchen unbedingt Turnus-Dienste, auf die sich die Fahrer verlassen können. Dienstteilungen und ständige Änderungen müssen aufhören.

Richard Mair, Betriebsratsvorsitzender IVB

„Tagesdienste werden dreigeteilt“, schildert Richard Mair, IVB-Betriebsratsvorsitzender. Das habe zur Folge, dass Kollegen elf Stunden und mehr für den Betrieb unterwegs sind, aber durch die Pausen nur 8,5 Stunden bezahlt würden. Dass diese Praxis unzumutbar ist, zeigt das Beispiel Verkehrsverbund Tirol (VVT). Auch dort gab es Dreiteilungen der Dienste. Das Land hat darauf aber reagiert und dies zumindest für Neuausschreibungen verboten.

Was fordern Betriebsräte und ÖGB nun konkret: Mehr Schutz der Fahrer – vor allem in der Nacht und auf bestimmten Routen, bargeldlosen Ticketverkauf, mit einem für Fahrgäste und Lenker einfachen System, bessere Dienstzeiten und mehr Busspuren, um den engen Zeitplan einhalten zu können.

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Die Arbeitsbedingungen im Busverkehr sind vielfach nicht mehr tragbar. Die Unternehmen sind in der Pflicht, aber auch die öffentliche Hand als Auftraggeber.

Sonja Föger-Kalchschmied, ÖGB-Landesvorsitzende

ÖBB Postbus weist Kritik zurück
Was die Verantwortlichen sagen

Nachdem mehrere Busfahrer Alarm geschlagen haben, kommt Bewegung auf die andere Seite des Lenkrads: Die „Krone“ konfrontierte die Verkehrsunternehmen ÖBB Postbus, den Verkehrsverbund Tirol (VVT) und die IVB mit der genannten Kritik.

In Stellungnahmen betonen die Verantwortlichen, dass man die Sorgen ernst nehme, verweisen jedoch zugleich auf bestehende Maßnahmen und Zuständigkeiten. Der VVT erklärt, dass Buslenker nicht beim Verkehrsverbund selbst, sondern bei den jeweiligen Verkehrsunternehmen angestellt sind.

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Unsere Mitarbeiter sind für uns sehr wichtig, denn sie sind unser Gesicht nach außen und haben eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit.

ÖBB-Pressesprecher Christoph Gasser-Mair

„Es ist uns ein großes Anliegen, dass Lenker unter guten Bedingungen arbeiten und zufrieden sind“, sagt VVT-Pressesprecherin Karin Bachmann. Zudem verweist man auf Maßnahmen zur Stärkung von Respekt im öffentlichen Verkehr sowie auf Sicherheitskonzepte für das Fahrpersonal.

Der ÖBB Postbus weist die Kritik zurück. Die Mitarbeiter seien „für uns sehr wichtig, sie sind unser Gesicht nach außen und haben eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit“, sagt Pressesprecher Gasser-Mair. Postbus sehe sich als verlässlicher Arbeitgeber, die Dienstpläne seien „ausgewogen und sozial“ sowie kollektivvertragskonform. Geteilte Dienste beträfen im Durchschnitt nur einen kleinen Teil der Belegschaft – 30 von rund 450 Lenkern in Tirol – und fielen im Schnitt nur alle zwei Wochen mit Ruhezeit an.

Die Sicherheit von Mitarbeitern und Fahrgästen stehe an „oberster Stelle“. Man setze unter anderem auf umfassende Schulungen im Bereich „Umgang mit aggressiven Fahrgästen“, bauliche Trennwände in Bussen und Videoüberwachung. Bargeldloses Bezahlen könne nur „gemeinsam mit dem VVT umgesetzt werden“.

Die Innsbrucker Verkehrsbetriebe gaben an, keinen Mitarbeitermangel zu haben und konnten keinen Anstieg an Gewaltvorfällen feststellen.

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