14.04.2014 17:10 |

Der zerstörte Traum

Nur Militär ist für Brasiliens WM-Spektakel bereit

Der Mix aus Misswirtschaft, Korruption und Überforderung raubt den fußballverrückten Brasilianern die Lust auf die WM im eigenen Land. Ein Volk fühlt sich verraten, weil Milliarden in die Stadien fließen, während das Geld für bessere Infrastruktur, Schulen und Krankenhäuser fehlt.

Es hatte etwas von einem Elfmeter ohne Tormann. Das größte Fußball-Ereignis des Planeten im fußballverrücktesten Land der Welt. Samba, Begeisterung, Fußball als Religion. Da fühlte sich die FIFA auf der sicheren Seite, verkündete am 30. Oktober 2007 nach einer Bewerbung ohne Gegenkandidaten Brasilien als Austragungsort der Weltmeisterschaft 2014. Zu diesem Zeitpunkt erfüllte kein einziges Stadion die FIFA-Anforderungen für die WM. Doch der Ball war freigegeben, das Land mit seinen knapp 200 Millionen Einwohnern durfte einen fast sieben Jahre langen Anlauf bis zur einmonatigen Party ab dem 12. Juni nehmen.

Zahl der WM-Gegner auf 38% gestiegen
Nur kam der Kater nicht am Tag danach, sondern schon lange davor. Verursacht durch einen Mix aus Misswirtschaft, Korruption und Überforderung. Bauverzögerungen in den Stadien, Kostenexplosion und das Streichen oder Verschieben vieler Infrastruktur- und Verkehrsprojekte raubte den Brasilianern langsam, aber stetig die Lust auf das Spektakel. So fand das Turnier im November 2008 noch bei 79 Prozent der Bevölkerung im Land des fünffachen Weltmeisters Zustimmung, heute sind es nur noch 52 (!). Die Zahl der WM-Gegner kletterte in derselben Zeit von zehn auf 38 Prozent.

Großaufgebot an Sicherheitskräften
Nachdem man die eigenen Leute täuschte und enttäuschte, soll zumindest bei der Außendarstellung gepunktet werden. Etwa mit dem Thema Sicherheit. Zuletzt hatten 1.300 Polizisten, unterstützt von Helikoptern und gepanzerten Fahrzeugen, die Kontrolle über die Favelas der Maré-Siedlung übernommen. Dieser Stadtteil in Rio gilt als Hochburg der Drogenkriminalität – bis zum Ende der WM werden über 2.000 Fallschirmjäger, 450 Marinesoldaten und 200 Militärpolizisten zur Absicherung des Armenviertels nahe dem Flughafen abgestellt.

"Bei Bedarf" sind auch Luftstreitkräfte einsatzbereit. Die Siedlung mit 130.000 Einwohnern liegt zwischen mehreren Verkehrsachsen, die das Zentrum Rios mit den Vororten verbinden und über die Zehntausende Fußballfans fahren sollen – insgesamt erhofft man sich 600.000 WM-Touristen.

Romario: "Größter Raub in der Geschichte Brasiliens"
Die sich vor Ort überzeugen können, dass die rund 40 Milliarden US-Dollar, die Staat und Privatwirtschaft in die WM pumpen, weit bessere Verwendung hätten finden können. Romario, Weltmeister von 1994 und inzwischen sozialistischer Abgeordneter im Bundesparlament, spricht vom "größten Raub in der Geschichte Brasiliens". Gespielt werde, wo das meiste Schmiergeld an den Fußballverband CBF gezahlt worden sei, und profitieren würde am Ende neben den Eliten bloß die FIFA.

"Sie kommt hierher, installiert einen Staat im Staat und wird am Ende mit zwei bis drei Milliarden Dollar Gewinn wieder abziehen. Und was dann? Was passiert mit diesen Stadien, in die Milliarden gesteckt wurden? Das hätte man für Erziehung und Gesundheit ausgeben können, Dinge, die viel wichtiger für unser Land sind." Zuletzt bekamen FIFA-Boss Sepp Blatter und sein Generalsekretär Jérome Valcke ihr Fett ab: "Sie sind die größten Diebe des Weltsports, diese beiden Onkels machen sich auf Kosten Brasiliens zu Millionären."

Infrastruktur "besorgniserregend"
Die Infrastruktur bezeichnet Romário als "besorgniserregend". Als Beispiel nennt er das Stadion in Brasilia: "Es tropft durchs Dach, es gibt kein Internet und keine Klimaanlage in den Logen", so der Weltfußballer von 1994. Der ehemalige Deutschland-Legionär Giovane Elber prangert vor allem die Korruption in seiner Heimat an: "Viel Geld wird nicht in bessere Krankenhäuser oder in bessere Flugplätze gesteckt, es geht in andere, falsche Kanäle, leider. Das muss man ändern, aber unsere Politiker gehen fast nie ins Gefängnis, sind spätestens nach ein paar Monaten wieder draußen."

Zico: "Die Bevölkerung distanziert sich von der WM"
Über 70 Prozent der Bevölkerung sind sicher, dass große Teile der Milliardeninvestitionen auf privaten Konten landen. In Brasília wurde etwa der Bau einer Schnellbahnlinie wegen Betrugsverdacht schon vor Beginn der Arbeiten abgesagt. "Die Bevölkerung distanziert sich von der WM", hat Ex-Star Zico beobachtet. "Wegen dem, was die Leute als Korruption wahrnehmen, verlieren sie den Glauben und denken, die WM ist nur ein Weg für gewisse Leute, sich die Taschen vollzustopfen." Wer kann, nimmt einen Teil vom Kuchen. Wie jene 59 Polizisten, die schon vor Monaten wegen Bestechlichkeit und Entführung verhaftet worden waren

Dazu gibt es viele andere Zwischenfälle, wie den umgestürzten 500-Tonnen-Kran beim Bau der Itaquerao-Arena in São Paulo, der zwei Arbeiter das Leben kostete. Oder die chaotischen Zustände auf dem Flughafen von Fortaleza. Dort werden die WM-Gäste in einem provisorischen Zelt abgefertigt, weil die Renovierungsarbeiten viel zu langsam vorangegangen waren. Was die Bevölkerung aber viel härter trifft: Von 42 städtischen Verkehrsprojekten ist ein Dutzend nicht fertiggestellt, vieles wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

WM-Gesetz sorgt für Aufregung
Für Aufregung sorgt auch das eigens erlassene "WM-Gesetz" – sollte der FIFA mit der WM ein Verlust entstehen, werden weitere Gelder der öffentlichen Hand benötigt, um diesen zu decken. Eine Gefahr – wie die Sonderzonen von zwei Kilometern rund um die FIFA-Bereiche. Zu diesen gehören Stadien, Mannschaftshotels und die Fanzonen. Hier dürfen keine Produkte gehandelt werden, die nicht in einem Sponsoring-Verhältnis zum Fußball-Weltverband stehen. Damit wird der Straßenhandel, der in Brasilien große Tradition hat, massiv eingeschränkt, den Kleinhändlern wird die Grundlage ihres Lebensunterhalts entzogen.

250.000 Menschen von Zwangsumsiedlungen betroffen
Während Teilen der ärmsten Bevölkerungsschichten sogar der Lebensraum entzogen wurde: Laut einem Bericht der WM-kritischen Organisation "Nationale Artikulation", die sich als Sprachrohr der brasilianischen Protestbewegung sieht, sind mehr als 250.000 Menschen wegen Bauarbeiten vor der WM und den Olympischen Sommerspielen 2016 von Zwangsumsiedlungen betroffen. "Es gibt eine soziale Säuberung", sagt Nelma Gusmao de Oliveira von der Universität UES. Ziel der Maßnahmen sei es, ärmere soziale Schichten aus dem Umfeld der neuen Sportarenen zu entfernen.

Die Wut ist daher groß, Demonstrationen wie beim CONFED-Cup im Vorjahr sind wahrscheinlich. Weil der Traum der Brasilianer von einem Aufschwung im Land durch das Fußball-Spektakel geplatzt ist. Da wäre sogar der WM-Pokal am Ende nur ein schwacher Trost.

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