Diesen Sonntag (20.15 Uhr, ORF 2) wird mit dem Wiener „Tatort: Der Elektriker“ der drittletzte mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser in den Hauptrollen ausgestrahlt. Regie führte Harald Sicheritz, der mit der „Krone“ über seinen „Kammerspiel-Tatort“, die Zukunft der Reihe und die Auswirkungen auf die Gesellschaft unterhielt.
„Krone“: Herr Sicheritz, am Tag unseres Gesprächs wurden Miriam Fussenegger und Laurence Rupp als neues Wiener „Tatort“-Team präsentiert. Wie sehen Sie die Entscheidung?
Harald Sicheritz: Die Entscheidung war naheliegend und ist richtig. Wir haben mit Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer noch ein ganzes Jahr lang das wunderbare etablierte Duo und dann werden sie durch zwei jüngere Gesichter ersetzt. Ich finde es gut, dass man einen größeren Alterssprung macht. Mit Miriam Fussenegger hatte ich noch nicht das Vergnügen, gemeinsam zu drehen – mit Laurence Rupp sehr wohl. Im „Tatort: Paradies“ hat er 2014 auch eine seiner früheren Rollen gespielt. Er ist ein großartiger Schauspieler und ich gratuliere ihm dazu, dass er das macht. Das ist keine leichte Entscheidung, weil sie langfristig ist. Aber es heißt ja auch nicht, dass man dabei in Zukunft nur „Tatort“-Kommissar ist.
Wären Sie auch schon bereit, mit den neuen jungen Kollegen einen „Tatort“ zu drehen?
Wenn man darauf Wert legt, einen alten Herrn für einen Kampf nochmal in den Ring zu schicken, dann wäre ich dabei. Ich bin noch einigermaßen fit. (lacht)
Es gibt bei allen möglichen „Tatort“-Teams gerade eine Verjüngungswelle. Ist das eine Panikreaktion der Fernsehanstalten oder teilweise gut und notwendig?
Panikreaktion würde ich das nicht nennen, weil ich ihnen gar nicht zutraue, in eine kollektive Panik zu verfallen – dazu müssten alle Beteiligten besser kommunizieren. Ich finde es sinnvoll und passend. Bei Krassnitzer und Neuhauser wurde schon vor etwa zwei Jahren angekündigt, dass sie aufhören werden. Ich habe es bewundert, wie lange und gut sie diese Rollen gemacht haben, aber schon aus Gründen der äußeren Glaubwürdigkeit muss man etwas jünger werden – das liegt in der Natur unseres Lebens. Die beiden bayrischen „Tatort“-Kommissare sind schon jenseits der Pension und irgendwann wird es beim Zusehen komisch. Man könnte sich überlegen, irgendwann einmal einen älteren Herrn oder eine ältere Dame in einem „Tatort“ zu bemühen, um nach einer Auskunft zu fragen. Das wird meiner Ansicht nach zu selten gemacht, aber vielleicht wird das noch.
Für Sie ist der aktuelle „Tatort“ der erste seit „Paradies“ aus dem Jahr 2014. Auch wenn seitdem elf Jahre vergangen sind, war es ein bisschen wie Heimkommen, den neuen „Tatort“ zu drehen?
Es ist immer schön, wenn man die Leute kennt, mit denen man arbeitet. Das war mein sechster „Tatort“, so wenige waren es über die Jahre gar nicht. Im Leben eines Filmschaffenden macht man mal mehr, mal weniger, das ist ganz normal. Ich muss gestehen, dass ich kein so großer Freund von Regelmäßigkeit bin. Hätte ich alle zwei Jahre einen „Tatort“ gedreht, wäre das schade gewesen, obwohl ich die beiden wirklich gern mag und sie im Duo super harmonieren.
„Der Elektriker“ greift gleich mehrere inhaltliche Stränge auf – der wichtigste ist die prekäre Situation in der Pflege und in Altersheimen. Ist das ein Thema, das leider immer zum richtigen Zeitpunkt kommt?
Das ist völlig richtig und für mich gehört das auch zum Wesen eines „Tatorts“. Er sollte immer irgendwelche tagesaktuellen Themen in der Gesellschaft behandeln, das war schon ganz am Anfang der Reihe wichtig. Das kann sich nicht immer ausgehen, in dem Fall hat es sich aber perfekt angeboten. Man kann gar nicht genug Filme machen, die darauf hinweisen, dass die Behandlung des Pflegepersonals in unserer Gesellschaft eigenartig ist – um es milde zu formulieren.
Was war bei der Inszenierung dieser Thematik besonders wichtig? Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Wesentlich ist natürlich, dass man mit Menschen, die in Heimen und Krankenhäusern arbeiten, direkt spricht und es ist oft erschütternd, was man da zu hören bekommen. Sie sagen dir, dass sie frühmorgens in die Arbeit gehen und wissen, dass es hauptsächlich um das Vermeiden schlimmer Fehler geht – das ist nicht die Schuld dieser Menschen, sondern des Systems. Mir war wichtig, das auch im Film zu zeigen. Ich weiß nicht, ob sie schon einmal „KRANK Berlin“ gesehen haben, da wird das Thema kriegsartig auf die Spitze getrieben – aber auch diesen Beitrag finde ich wertvoll. Es ist die Frage, wie wirksam solche Hinweise sind und wie schnell Menschen an verantwortlichen Stellen das verstehen würden.
Bleibt für Sie als Regisseur immer ein bisschen die Hoffnung, dass anhand solcher Filme und Projekte seitens der Politik ein bisschen genauer hingeschaut wird oder ist das schlichtweg naive Hoffnung?
Die Hoffnung darf man sowieso nie verlieren, aber die spezielle, die Sie ansprechen, halte ich für wesentlich, sonst hätte ich die letzten 35 Jahre nicht das gemacht, was ich gemacht habe. Man kann hoffentlich unterscheiden, wer die Guten und wer die Bösen in der Gesellschaft sind. Als Geschichtenerzähler kann man besser und plastischer erzählen, was das Problem ist. Das ist zumindest meine Wahrnehmung. Niemand will eine Geschichte aus nicht bewerteten Fakten hören, wo einfach sechs Leute am Tisch sitzen und diskutieren. Film ist auch emotionale Zuspitzung. Ich bin da in guter Gesellschaft von Kommunikationswissenschaftlern, die das genauso sehen. „24“ mit Kiefer Sutherland war die erste Serie, wo man einen schwarzen US-Präsidenten gezeigt hat und es ist relativ gut mit Daten gestützt, dass das den Einzug von Barack Obama ins Weiße Haus durchaus mit vorbereitet hat. Film und Fernsehen können schon was bewirken und ich hoffe, auch der „Tatort“ kann in die eine oder andere Richtung was bewirken.
Vielerorts kam die Diskussion auf, die neuen „Tatort“-Kommissare sollten migrantischen Hintergrund haben – auch für eine gewisse Vorbildwirkung. Stimmen Sie dem zu?
Wien besteht per definitionem aus Migranten. Ich habe in meinen 67 Lebensjahren ungefähr zwei Familien kennengelernt, die durchgängig Wienerisch-stämmig waren. Für mich als Harald Sicheritz stellt sich die Frage mit der Migration so gar nicht und noch weniger auf dieses Schlagwort verdichtet. Ich bin eher bei der Frage „Wie geht man mit Leuten um und wie werden sie repräsentiert?“ angelangt. Ich habe die Biografien von Fussenegger und Rupp nicht im Kopf, aber wenn man genauer reinschaut, wird man wahrscheinlich in einer übernächsten Generation jemanden mit Migrationshintergrund finden.
An der sehr wichtigen Migrationsdebatte sind für mich andere Aspekte interessant. Wie gehen Minderheiten miteinander um? Wie gehen schwächere Leute mit stärkeren um und vice versa? Es ist ein menschlicher Zug, dass man xenophob ist und Angst hat vor Leuten, die nicht von hier sind. Wenn man weiß, dass es beim Sapiens seit Millionen von Jahren so ist, kann man besser damit umgehen. Ich lese und höre viel zu selten, dass man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, es wird nur politisches Kapital daraus geschlagen. Politisch wird gesagt, wir hätten ein Migrationsproblem und würden überfremdet oder umgevolkt oder wie auch immer das genannt wird. Mit einem Schritt zurück betrachtet ist das lächerlich, aber leider wirksam. Man müsste sich viel stärker mit der Ursache auseinandersetzen.
Es wäre prinzipiell in vielen Bereichen gut, ein Problem bei der Wurzel zu packen. Im neuen „Tatort: Der Elektriker“ sind fast alle Beteiligten in irgendeiner Art und Weise Opfer und haben ihr Päckchen zu tragen. Es wird dadurch aber auch schwieriger, Sympathien zu vergeben.
Gerade das mochte ich besonders an dem Drehbuch. Es gibt im Film genügend Fläche und Platz, damit die wichtigen Figuren alle ihren Auftritt haben und ihre Facetten zeigen können. Man kann aber auch viele Sympathien vergeben, anstatt zu wenige – es von der anderen Seite betrachten. Mir war wichtig zu vermitteln, dass die meisten Dinge, die wir jeden Tag erleben, nicht eindimensional sind.
Der Film greift auch Tabuthemen wie Sex und Liebe im fortgeschrittenen Alter auf. Dinge, die immer noch gerne ausgeblendet oder verschwiegen werden.
Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, aber das ist auch ein Teil der gesellschaftlichen Veränderung. Wir alle werden immer älter und die Wirtschaft will Geld mit uns verdienen. Man wird zunehmend stillschweigend hinnehmen, dass Sexualität im fortgeschrittenen Alter ein Faktum ist. Das kommt im Leben genauso vor wie die Frage, wie man mit Behinderungen umgeht. Insofern hat mir die Inszenierung dieses Films große Freude bereitet. Als ich das Drehbuch bekam, habe ich schnell gesehen, dass es kein typischer „Tatort“ ist, weil er etwas Kammerspielartiges an sich hat. Das ist bei „Tatort“-Episoden selten der Fall. Wir hatten aber auch das unglaubliche Glück, dass die Eröffnung des Heimes, in dem wir gedreht haben, für uns um sechs Wochen verschoben wurde - es war in Wien-Penzing, im 14. Gemeindebezirk. Unsere Locationscouts haben alle Arbeit geleistet und wir hatten eine unglaubliche kooperative Heimleitung.
War es eine besondere Herausforderung, den „Tatort“ in dieser räumlichen Enge zu inszenieren?
Durchaus, aber mir ist die Besetzung wichtig und die hat perfekt gepasst. Ich durfte sagen, wen ich gerne dabei hätte und diese Leute wurden es dann auch. Ich finde auch, dass es ein ursächlicher und sympathischer Grundauftrag eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist, dass man verdiente Menschen wie Johannes Silberschneider oder Elfriede Schüsseleder vielfältig einsetzt und immer wieder mal sieht.
Herr Sicheritz, was steht bei Ihnen zukünftig noch so alles an?
Ich bin gerade insofern ein glücklicher Mann, als dass „Bruno – Der junge Kreisky“ nach siebenjährigem Kampf endlich ganz fertig ist und bald auf die Filmfestivals losgelassen wird. Im Herbst 2026 kommt er dann ins Kino. Das freut mich gerade am meisten, ansonsten schreibe ich immer an irgendwelchen Sachen herum. Durch die Fertigstellung von „Bruno“ kann ich in Ruhe ausatmen, mich zurücklehnen und daran denken, dass zwei Dinge in diesem Jahr fertig wurden. Ein „Tatort“, der jetzt ins Fernsehen kommt und ein Film, der bald im Kino ist.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.