28 Beschuldigte, elf Verhaftungen – mit der spektakulären Aktion „Bogota“ legten Europol und die heimische Polizei einem internationalen Menschenhändlerring das schmutzige Handwerk. Am Dienstag reiste sogar der Minister nach Innsbruck, um weitere Details bekannt zu geben.
Wie berichtet, begannen die umfangreichen Ermittlungen bereits im September 2022. Wegen der Verbindung nach Kolumbien wurde die staatenübergreifende Arbeitsgruppe nach der Hauptstadt des südamerikanischen Landes, Bogota, benannt.
Ein guter Tag für die Polizei und ein schwerer Schlag gegen den Menschenhandel.

Innenminister Gerhard Karner
Bild: Christof Birbaumer
45 Frauen aus den Fängen der Kriminellen gerettet
Innenminister Gerhard Karner verwies vor allem auf die 45 geretteten Frauen: „Ein guter Tag für unsere Polizei und ein schwerer Schlag gegen den Menschenhandel und die organisierte Kriminalität.“ Der Erfolg gelang durch engste internationale Vernetzung, auch mit der Polizei in Kolumbien. Diese Art von Menschenhandel, wo Menschen als „Ware“ gehandelt werden, sei besonders brutal, ergänzte der Minister.
Seit 2016 existiert Kontaktbüro in Wien
Bereits 2016 wurde in Wien ein Kontaktbüro zur Koordination von Schwerpunktaktionen gegen Schlepperei und Menschenhandel eingerichtet. „Der Fall ist ein Vorzeigebeispiel für die internationale Zusammenarbeit“, betonte Karner.
Andreas Holzer, Direktor des Bundeskriminalamtes, schilderte die Anfänge: Bei einer Rotlichtkontrolle in Ischgl im Jahr 2022 wurden zwei Frauen aufgegriffen. Die Anwerbung hatte zuvor in Kolumbien auf Social Media stattgefunden. Schon bei der Ankunft hatten die Frauen 10.000 Euro „Schulden“ bei der Bande.
Die Hauptbeschuldigten flüchteten dann, über Strohmänner ging das Ganze aber weiter. Am 25. Jänner 2024 kam es sogar zur Ermordung eines Mitgliedes der Bande in Kolumbien. Die Arbeitsgemeinschaft Bogota nahm dann die Arbeit auf, auch mit drei Landeskriminalämtern und Europol. In Kolumbien wurde daraufhin ein eigenes Verfahren eröffnet. Die Federführung hatte die Staatsanwaltschaft Salzburg.
Türkischer Hauptverdächtiger in Heimat untergetaucht
Der mutmaßliche Hauptverdächtige, ein Türke (39), ist in seiner Heimat aufhältig und konnte noch nicht gefasst werden. Identifiziert wurden jedoch 28 Beschuldigte und 45 Opfer. Elf internationale und drei nationale Haftbefehle wurden ausgestellt. „Drei Personen sind in Österreich in U-Haft. Zwei Beschuldigte sind in Spanien inhaftiert, das Auslieferungsverfahren läuft. Fünf Beschuldigte sind in Kolumbien in Haft“, ergänzte Holzer.
Mindestens zwei Millionen Euro Gewinn
Der Umsatz der Bande soll zwei Millionen Euro betragen haben, der Reingewinn rund 1,6 Millionen Euro. Die Dunkelziffer dürfte aber höher sein. Beschlagnahmt wurden etliche Beweismittel, etwa Handys. Ebenso wurde ein fünfstelliger Bargeldbetrag gefunden. Der Fall sei beispielgebend, wie aus einem regionalen Fall ein internationaler Fall geworden sei.
Katja Tersch, Leiterin des LKA Tirol, verwies auf eine Kontrolle eines „Rotlicht-Sachbearbeiters“. Zwei Kolumbianerinnen wurden dabei in Ischgl befragt. Sie sagten aus, dass sie einen Großteil des Geldes an einen Mann weitergeben müssen. „Die Ermittlungen gingen dann in die Tiefe“, so Tersch.
Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern
Bereits im Dezember 2022 wurden weitere Opfer identifiziert, es fanden Hausdurchsuchungen auch in Salzburg und Vorarlberg statt. „Rasch ergab sich dann ein Bild, wie die Organisation arbeitet“, ergänzte die Ermittlerin.
Durch Strohmänner gingen die illegalen Aktivitäten dann weiter. In der zweiten Jahreshälfte 2024 wurde die Arbeitsgruppe Bogota gegründet. „Informationen wurden direkt ausgetauscht. In Innsbruck fand ein Treffen aller Ermittler statt“, schilderte Tersch.
Im September wurden in Medellin (Kolumbien) fünf Beschuldigte festgenommen. 45 Opfer im Alter von 19 bis 53 Jahren wurden identifiziert. An der Spitze stand der Türke (39), ihm zur Seite eine Österreicherin (32) und eine Rumänin (31). Der Flug der Frauen nach Österreich erfolgte über Istanbul. „Auf Verstoß gegen Regeln wurde mit Bestrafung reagiert. Man kann von einer massiven Ausbeutung sprechen.“ Drohungen erfolgten auch insofern, als die Verdächtigen mit der Verstümmelung von Angehörigen der Frauen drohten.
Kommunikation wurde verschleiert
Untergebracht wurden die Frauen in Wohnungen der Beschuldigten oder in billigen Hotels. Von dort wurden sie zu Hotels bzw. zu den Freiern gebracht. Die Kommunikation der Gruppe erfolgte teils über selbst löschende Messengerdienste.
Hinter jedem erfolgreichen Fall stehen andere noch ungelöste.
Nenad Naca, Leiter des Bereichs Menschenhandel bei Europol
Landespolizeidirektor Helmut Tomac zeigte sich zufrieden: „Hier wurde sichtbar, was moderne Polizeiarbeit bedeutet.“ Wichtig sei das nötige Werkzeug für die Ermittler – Ausbildung, Technik, Infrastruktur. Dazu gehören auch Rotlicht-Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen selbst in den Bezirken, insgesamt sind es 23 Polizeikräfte für diese Aufgabe. Insgesamt sei in Tirol festzustellen, dass 90 Prozent der Sexdienstleisterinnen aus Rumänien stammen. „Häufig üben sie das nicht freiwillig aus bzw. werden dazu gezwungen“, sagte Tomac.
Gewalt angewendet, oft versteckt
Nenad Naca, Leiter des Bereichs Menschenhandel bei Europol, nahm ebenfalls am Podium Platz. „Hinter jedem erfolgreichen Fall stehen andere noch ungelöste“, betonte Naca. Die Frauen seien manipuliert worden, aber auch Gewalt – oft versteckt – sei in solchen Fällen im Spiel. Man sei dankbar, dass die heimische Polizei alle Informationen teilte und es so zum internationalen Erfolg gekommen sei.
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