Die Macht und unser Umgang mit ihr sind zentrale Themen im Jahresprogramm des Grazer Kunsthauses. Dessen Leiterin Andreja Hribernik widmet sich in der Herbst-Ausstellung eben dieser Jahreszeit, die der Philosoph Federico Campagnia als Zeitalter der Unsicherheit definiert.
Es ist die Verletzbarkeit in uns Menschen, die Andreja Hribernik in „Unseen Futures to Come. Fall“ interessiert. Dafür hat sie zwölf künstlerische Positionen zusammengeführt, die eine unglaublich dichte, emotionale und auch beängstigende Ausstellung ergeben. In ihrem kuratorischen Programm orientiert sie sich an Federico Campagna, der die Jahreszeiten als Metaphern für unsere Wahrnehmung der Welt sieht.
Im Herbst lösen sich laut Campagna die Gewissheiten auf, Wissen wird hinterfragt, die Angst vor dem Unbekannten nimmt zu. In der von ihm zusammengestellten Bibliothek mit 250 Büchern treffen rationales Denken auf alternative Weltanschauungen, Wissenschaft auf Okkultismus. Seine „Library of Twilight Worlds“ lädt nicht nur zum Verweilen und Schmökern ein, sie bildet auch die Klammer zwischen den Arbeiten, die hier die Ungewissheiten unserer Welt ausloten.
Schon der Travelator führt den Besucher vom Foyer direkt in die „Road to Nowhere“. Dabei handelt es sich um eine Arbeit des Duos zweintopf, die in einer Tiefgarage ein Fenster ins Ungewisse öffnet. Geradezu episch ist die Video- und Klanginstallation „The Raft“ des 2024 verstorbenen Künstlers Bill Viola. Eine klare Referenz für seine überwältigende Arbeit ist Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“, da wie dort geht es um die Widerstandskraft des Menschen.
Ruhig, beinahe meditativ wirken dagegen Christoph Grills analoge schwarz-weiße Fotoarbeiten, die das arktische Meer und kleine Inseln darauf zeigen. Eine unterschwellige Bedrohung aus dem Nebel ist hier aber ebenso präsent wie die Undefinierbarkeit der Zeit. Dass grauenhafte Dinge mit atemberaubender Schönheit thematisiert werden können, zeigt Yhonnie Scarce mit „Operation Buffalo“. Mehr als 1000 zarte Glastropfen, die von der Decke hängen, stehen sinnbildlich für den atomaren Regen, der nach nuklearen Tests der Briten die Ureinwohner Australiens nachhaltig geschädigt hat.
Spinnenhaft hingegen erobert Andrej Škufcas Skulptur „Black Market: 6GB Ending“ den Ausstellungsraum, ein schwarzes Monster, geboren aus Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit, das sich in unsere Alpträume schleichen wird. Auch das Gemälde „Liebe“ von Jože Tisnikar nährt entgegen seines Hoffnung gebenden Titels düstere Vorahnungen.
Für Alpträume ist auch das Video „I want you to panic“ von Marija Marković gut. 120 Bilder pro Minute (das entspricht dem Rhythmus unseres Herzschlags bei einer Panikattacke) zeigen die vom Menschen gemachte Umweltzerstörung. Wohingegen Vladimir Nikolić in seinem spektakulären Video „800M“ schwimmend die Grenzen der Technologie, in die wir so blind vertrauen, aufzeigt.
Zerstörte Traditionen und Angst vor dem Fremden
Beeindruckende Bilder für die Zerstörung von Traditionen zeigt Dana Awartani in ihrem Video, in dem sie ein überdimensionales Sandbild zusammenkehrt. Im Kunsthaus findet sich so ein Sandbild vor ihrer Arbeit wieder, auch sein Schicksal ist bestimmt. Rassismus, Faschismus und Ignoranz fremden Kulturen gegenüber bestimmen auch die Fotografien von Adelita Husni Bey, auf denen ein Frauen-Rugby-Club in Sizilien dagegen ankämpft.
Um doch noch ein wenig Hoffnung aufkommen zu lassen, endet der Rundgang mit Sophie Utikals textilen Arbeiten, die zwar auch von Einsamkeit und Zerstörung der Umwelt erzählen, aber auch Wege zeigen, gemeinsamen Verantwortung zu übernehmen.
Hoffnung auf einen neuen Frühling
Trotz all der Düsterkeit des Themas, und des abnehmenden Lichts des Herbstes ist Hribernik eine unglaublich beeindruckende Ausstellung gelungen, die mit nur wenigen Arbeiten ganz große Geschichten erzählt. Und die Hoffnung auf einen neuen Frühling aufrechterhält. Zu sehen bis 15. Februar 2026.
Am Samstag (20. September) ist zudem Federico Campagna für ein interessantes Gespräch im Kunsthaus zu Gast. Beginn ist um 16 Uhr.
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