Caritas-Präsident:

"Möchte hartnäckig, irritierend und mutig sein"

Österreich
13.11.2013 16:38
Der Priester Michael Landau (53) ist seit Mittwoch neuer Präsident der österreichischen Caritas: Er will "hartnäckig, irritierend und mutig" sein, sagt er Conny Bischofberger nach seiner Wahl.

Mittwoch 12.25 Uhr: Im Bildungshaus Batschuns über dem Vorarlberger Rheintal wird das Ergebnis der Wahl zum österreichischen Caritas-Präsidenten bekannt gegeben. Nicht überraschend folgt auf Franz Küberl der Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien, Michael Landau. 50 Minuten später meldet sich Landau an seinem Handy, wir haben 15 Minuten Zeit. "Ich sitze am Fenster mit Blick auf die angezuckerten Berge", erzählt er. "Das hier ist ein Ort, an dem man staunt, wie schön Gott die Welt gemacht hat." Ein Priester und Spätberufener (Landau trat erst mit 20 in die Kirche ein) steht jetzt an der Spitze von Österreichs größter Hilfsorganisation.

"Krone": Soll man jetzt "Herr Präsident" zu Ihnen sagen?
Michael Landau: Aber nein. Landau reicht vollkommen.

"Krone": Ihr Vorgänger hat gemeint, Sie sollen "frischen Wind" in die Caritas bringen. Wie wird der aussehen?
Landau: Zunächst fühle ich mich sehr geehrt, dass mich Franz Küberl als Nachfolger vorgeschlagen hat... Wir stehen vor großen Herausforderungen, die nächsten Jahre werden nicht einfach, weil wir die sozialen Auswirkungen der Wirtschaftskrise schmerzlich spüren werden. Aber ich bin überzeugt, wir werden den Weg bewältigen, auch wenn er steiler wird. Der Wind der Caritas, um bei dem Bild zu bleiben, wird aber noch viel stärker wehen müssen.

"Krone": Was unterscheidet Michael Landau als Priester von Franz Küberl als Laie an der Spitze der Caritas?
Landau: Caritas heißt Nächstenliebe ohne Wenn und Aber. Dieser Auftrag gilt für Frauen und Männer, für Priester und Laien. Insofern unterscheidet mich gar nicht so viel. Auch ich werde unbequem sein, den Finger in Wunden legen. Hartnäckig, irritierend und hoffentlich mutig.

"Krone": Wie ist es für Sie, das Feigenblatt für eine doch sehr reiche Kirche zu sein? So unter dem Motto: Um die Armen kümmert sich eh die Caritas...
Landau: Papst Franziskus ist da eine ungeheure Ermutigung, wenn er sagt, dass die Kirche auf die Seite der Armen gehört. An Orte wie Lampedusa, überall dorthin, wo den Menschen Unrecht geschieht, ob das auf den Philippinen ist oder im Wiener Stadtpark. So gesehen ist das nicht nur der Auftrag der Caritas, sondern der gesamten Kirche. Die Caritas ist vielleicht der Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen.

"Krone": Stichwort Wiener Stadtpark: Dort wurden vor vier Wochen 25 Obdachlose vertrieben – wegen Verstößen gegen das Kampiergesetz. Was sagen Sie jenen, die das begrüßen?
Landau: Ich gebe ihnen recht, dass wir das Problem der Wohnungslosigkeit in der Slowakei nicht in Wien lösen können. Genauso wenig kann nur die Caritas das Obdachlosenproblem lösen, das ist auch eine Aufgabe für die Gemeinden, für das Land und den Bund. Aber auf der anderen Seite war das, was im Wiener Stadtpark passiert ist, ein Symptom für vorhandene Not. Und da hin- und nicht wegzuschauen ist und bleibt unser Auftrag. Die Caritas fragt nicht, woher der Mensch kommt. Weil die Menschenwürde bekanntlich unteilbar ist.

"Krone": Sie haben sich auch bei Ihrem Engagement für die Flüchtlinge in der Votivkirche Feinde gemacht. Wie politisch muss die Caritas sein?
Landau: Ich habe nicht alle Forderungen der Flüchtlinge unterstützt. Aber sie haben den Finger auf vorhandene Wunden gelegt. Wenn ich mir vorstelle, dass Menschen jahrelang auf Bescheide warten müssen und in dieser Zeit nicht einmal arbeiten dürfen, dann ist das unerträglich. Wir sind keine politische Partei, wir machen unsere Arbeit unabhängig von allen Parteien, wir stehen auf der Seite der Armen, für die ergreifen wir Partei. Da gibt uns das Konzil eine klare Vorgabe.

"Krone": Glauben Sie, dass bei den laufenden Regierungsverhandlungen, bei der Suche nach den Milliardenlöchern, die Armen in der Gesellschaft tatsächlich eine Rolle spielen?
Landau: Da werden wir sehr genau aufpassen. Es kann nicht sein, dass für eine Kärntner Pleitebank Milliarden aufgebracht werden und gleichzeitig der Versuch unternommen wird, bei den Schwächsten der Gesellschaft zu sparen. Sonst werden die unschuldigen Opfer der Wirtschaftskrise ein zweites Mal zu Opfern gemacht. Auf ihrem Rücken dürfen sicher keine Sparpakete geschnürt werden.

"Krone": Derzeit ruft die Caritas auf, für die Taifun-Opfer auf den Philippinen zu spenden. Überfordert man die Leute damit nicht ein bisschen?
Landau: Ich glaube nicht. Österreich hat ein sehr dichtes Netz der Solidarität, gerade in den Pfarren geschieht sehr viel für Menschen in Not. Der Papst hat vor einer Globalisierung der Gleichgültigkeit gewarnt und er hat recht: Die Not der Menschen geht uns immer etwas an, wir tragen als Menschen einfach Verantwortung füreinander. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man hört: "Ich bin ja ned die Caritas."

"Krone": Klingt, als wäre Ihre neue Aufgabe sowas wie ein Traumjob für Sie...
Landau: Ich glaube, das große Privileg des Caritas-Präsidenten ist, an ganz vielen unterschiedlichen Orten der Gesellschaft tätig sein zu dürfen. Sozusagen mitten in der Kirche und mitten in der Welt. Es ist eine wunderschöne Aufgabe, wahrscheinlich die schönste in der Kirche.

"Krone": Was soll man am Ende Ihrer Amtszeit über Sie sagen?
Landau: Vielleicht diesen Satz: Unter seiner Präsidentschaft ist Österreich ein Stückchen fairer, gerechter und menschlicher geworden.

Der Monsignore
Geboren am 22. Mai 1960 als Sohn eines Juden und einer Katholikin in Wien; sein jüngerer Bruder Daniel ist Lehrer. Landau studiert zunächst Biochemie, später Theologie und Kirchenrecht in Rom. Mit 20 lässt er sich taufen, mit 32 wird er zum Priester geweiht. Seit 1995 ist er Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien und Seelsorger im "St. Klemens-Haus", einem Senioren- und Pflegehaus der Caritas. Seit 2006 ist er Monsignore.

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