13.05.2013 16:54 |

Erneut vor Gericht

Ex-Terrorist 'Carlos' lehnt Verteidigung durch Anwälte ab

Ein Meister der Selbstinszenierung war der Ex-Top-Terrorist "Carlos" (Bild rechts) schon immer. Auch zum Auftakt eines Berufungsprozesses in Paris hat es sich der 63-jährige Venezolaner, der mit bürgerlichem Namen Ilich Ramirez Sanchez heißt, nicht nehmen lassen, sich eines Verfahrenstricks zu bedienen: "Carlos" lehnte es am Montag ab, sich von seinen Anwälten vertreten zu lassen, erklärte aber, dass er den Prozess durch die Beiziehung von Pflichtverteidigern keineswegs sabotieren wolle.

Der Grund sei die "Sabotage" seiner Verteidigung durch sein Heimatland Venezuela, das seit dem Tod des linksgerichteten Präsidenten Hugo Chavez nicht mehr für seine Anwaltskosten aufkommen wolle, begründete der Venezolaner seine Beweggründe.

Sollten nun Pflichtverteidiger die Aufgabe übernehmen, so müssten sich diese aber über Nacht in ein hochkomplexes Dossier einarbeiten, das Dutzende Aktenordner füllt und 30 Jahre zurückreicht: Es geht um vier Anschläge in Frankreich in den Jahren 1982 und 1983, bei denen elf Menschen getötet und 150 weitere verletzt worden waren. In erster Instanz war "Carlos" deshalb 2011 zu lebenslanger Haft mit 18-jähriger Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Das Gericht stützte sich auch auf Akten der DDR-Staatssicherheit. Der 63-Jährige legte gleich nach dem Ersturteil Berufung ein.

Bei dem Prozess im Jahr 2011 wurde die mitangeklagte Deutsche Christa Fröhlich freigesprochen, die an einem der Attentate beteiligt gewesen sein soll. Gegen diesen Freispruch hatte wiederum die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Die in Deutschland lebende Fröhlich hatte dem Sondergericht in Paris allerdings schon vor dem Berufungsprozess mitgeteilt, sie werde - wie schon beim ersten Verfahren 2011 - auch diesmal nicht zum Prozess erscheinen.

Angeklagter zu Pflichtverteidigern: "Blonde und Brünette bitte"
"Carlos" schien es am Montag keineswegs zu irritierten, dass er im Gerichtssaal auf sich allein gestellt war - ohne seine einstigen Mitstreiter und ohne seine Anwälte. Fröhlich verkündete er, seine Pflichtverteidiger würden zwar sein Dossier nicht kennen. "Aber ich kenne es, das wird die Verteidigung ein bisschen schwächen, aber wir werden das schon schaffen." Als angekündigt wurde, dass zwei junge Pflichtverteidiger antreten könnten, witzelte er: "Eine Blonde, eine Braunhaarige?"

Die Richter schien der Schachzug von Sanchez eher aus dem Konzept zu bringen. Das Sondergericht zog sich erst einmal zurück, um mit der Anwaltskammer zu beraten. Denn die Pflichtverteidiger müssen den Fall nicht übernehmen, sie können auch ablehnen. Dann müsste der Prozess womöglich verschoben werden.

"Carlos" als rhetorisch begabter "Berufsrevolutionär"
Dass der 63-Jährige sich auch sehr gut selbst verteidigen kann und nicht einmal auf Pflichtverteidiger angewiesen ist, hatte er bereits im ersten Verfahren 2011 unter Beweis gestellt. So hielt er noch kurz vor der Urteilsverkündung einen fünfstündigen Monolog, mit erhobener Faust rief er im Gerichtssaal: "Es lebe die Revolution!" Zuvor hatte er sich in einem Interview gebrüstet, er sei für rund hundert Anschläge mit "zwischen 1.500 und 2.000 Toten" verantwortlich.

Als Terrorist sah sich der Venezolaner, dem auch der Überfall auf die OPEC-Zentrale in Wien 1975 angelastet wird, allerdings nie - vielmehr als Freiheitskämpfer. Als der Vorsitzende Richter in Paris den Angeklagten nun zum Prozessauftakt nach seinem Beruf fragte, antwortete der fast beleidigt: "Sie wissen ganz genau, dass ich Berufsrevolutionär bin!"

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