13.04.2013 17:00 |

"Krone"-Interview

"Ich möchte lieber nicht Androsch heißen"

Der Sohn ist 15, der Vater wird kommenden Donnerstag 75: Mit Conny Bischofberger sprechen Gregor Rothschedl und Hannes Androsch über ihre ungewöhnliche Familienkonstellation, den Altersunterschied von 60 Jahren und wie eine schwere Krankheit sie noch enger zusammengeschweißt hat. Es ist ihr erstes gemeinsames Interview.

Eine schönbrunngelbe Villa in Graz-Geidorf. Vor dem Eingang parkt der Dienstmercedes von Androsch International Consulting, am Tor steht Hannes Androsch mit zwei freundlichen weißen Labrador-Hunden. Hier wohnt und ordiniert die Wirtschaftspsychologin Claudia Rothschedl.

Androsch war fast 60, als ihn die damals 34-jährige Grazerin noch einmal zum Vater machte. "Am Anfang lief das nicht problemfrei", gibt der Industrielle (verheiratet, zwei erwachsene Töchter) zu, mit den Jahren hätte man aber mit der ungewöhnlichen Familienkonstellation zu leben gelernt.

Auf der großzügigen Couch im Wohnzimmer der Villa machen es sich Vater und Sohn dann bequem. Gregor ("der Wachsame") trägt ein gestreiftes Hemd, Jeans und Socken, der Vater wie immer Anzug und Krawatte, dazu Hosenträger. Während des Gesprächs wandern ihre Blicke immer wieder zueinander, es wird viel gelacht, und manchmal klopft Gregor mit seinen Zehenspitzen an die Wildlederschuhe des Vaters. Als Androsch sein Handy einfach läuten lässt, fischt der 15-Jährige es aus dem Sakko und stellt es auf lautlos. Gregors Mutter betrachtet das Geschehen schmunzelnd aus dem Off.

"Krone": Sieht Gregor seinen Vater öfter in den Medien als im richtigen Leben?
Gregor Rothschedl: Da ich fast nie Zeitung lese - ich mag das Haptische nicht so -, sehe ich ihn öfter so. Aber Papas Sekretärin schickt mir immer ein Mail, wenn er im Fernsehen ist, und das schaue ich mir dann an.
Hannes Androsch: Eben erst hat sie ihm die Transkription einer amerikanischen Doku geschickt - "Weltgeschichte in zwei Stunden". 30 Maschinenschreibseiten, locker geschrieben. Da kriegt er einen guten Überblick.

"Krone": Legt der Vater großen Wert auf Wissen?
Gregor: Er erklärt mir beim Mittagessen immer Wirtschaftsthemen. Jetzt lese ich gerade ein Finanzbuch, das er mir in die Hand gedrückt hat. Er würde auch großen Wert auf gute Noten legen (grinst).
Androsch: Ein Streber ist er nicht. In der Schule gilt er als Minimalist.

"Krone": Also schlechte Noten?
Gregor: Einige Vierer. Wenn Papa sich aufregt, halte ich ihm vor, dass er selber Fünfer gehabt hat.
Androsch:(brummt) In den Nebenfächern Latein, Russisch und Mathematik. Aber ich hatte auch acht "Sehr gut"!

"Krone": Diskutiert der Sohn mit dem Vater manchmal die Finanzkrise? Oder die Offshore-Leaks?
Gregor: Ja. Ich kann ihn alles fragen, was ich nicht verstehe. Was die Geldverstecke in den Steueroasen betrifft, vertraue ich meinem Papa. Ich glaube nicht, dass er zu den Leuten gehört, die so etwas machen.

"Krone": Wie sieht's mit Politik aus? Dürfte der Sohn zum Beispiel ÖVP oder - noch schlimmer - FPÖ wählen?
Gregor: Ich darf ja bald wählen. Aber meiner Meinung nach wählt man heutzutage nicht die Politiker, die die Besten sind, sondern jene, die nicht die Schlechtesten sind. Also werde ich vermutlich ungültig wählen. Eltern steht es im Übrigen nicht zu, sich da einzumischen.
Androsch:(nickt) Das ist allein seine Sache. Aber die Politik muss sich den Kopf zerbrechen, was der Grund dafür ist, dass die Wahlbeteiligung immer stärker zurückgeht.

"Krone": Ist es Glück oder Pech, so einen berühmten Vater zu haben?
Gregor: Es kann beides sein. Ich lerne durch ihn viele wichtige Menschen kennen, die mir bei meiner künftigen Karriere vielleicht nützen. Aber ich trete auch, wie es so schön heißt, in große Fußstapfen.

"Krone": Wollten Sie nie seinen Namen annehmen?
Gregor: Als ich ganz klein war, hatte ich Angst, dass ich entführt werden würde, wenn ich Androsch heiße. Bei meiner Halbschwester gab es ja einmal eine Kidnapping-Drohung. Und da ich eine stärkere Bindung zur Familie der Mama habe, bin ich froh, dass ich ihren Namen trage. Ich möchte lieber nicht Androsch heißen.

"Krone": Wie ist das Verhältnis zur Ehefrau und den Töchtern Ihres Vaters?
Gregor: Wir haben nicht viel Kontakt. Ab und zu bin ich mit meinen Halbneffen zusammen (den Söhnen von Hannes Androschs Töchtern, Anm.). Ich würde sagen, das Verhältnis ist neutral. Nur zur Mummi (Lia Androsch, seine Großmutter, Anm.) hab' ich eine ganz enge Beziehung gehabt. Sie hat mir meinen ersten Ausseer-Hut geschenkt.

"Krone": Hat Sie das nie gestört, dass der Vater eine Zweitfamilie in Wien hat?
Gregor: Ich habe nie etwas anderes gekannt. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn der Papa die ganze Woche lang da wäre. Er ist ein Wochenend- und Urlaubspapa. Ich war schon in China, Botswana, Mauritius. Er zeigt mir mit Mama die ganze Welt.

"Krone": Würden Sie sich wünschen, dass Ihre Eltern heiraten?
Gregor: Ich hab es mir immer irgendwie gewünscht.
Androsch:(zitiert Shakespeare) Wir wissen wohl, wer wir sind, aber wir wissen nicht, was wir werden können. (kurze Nachdenkpause) Es gibt nur zwei Dinge im Leben, die man NICHT ändern kann: Sterben und Steuern zahlen.

"Krone": Und Geschwister?
Gregor: Wollte ich auch unbedingt. Mir wäre egal gewesen, ob es eine Schwester oder ein Bruder gewesen wäre. Stattdessen hab ich den James bekommen (streichelt den älteren der beiden Hunde, die ihm zu Füßen liegen und schnarchen).

"Krone": Ihr Vater hat einmal gesagt, "Liebe ist keine Bruchrechnung. Sie gehört allen meinen Kindern und Enkelkindern." Wie klingt das für Sie?
Gregor: Sehr poetisch. Aber es ist schon so, dass er nicht gleichzeitig in Graz und in Wien sein kann. Das haben wir zu Weihnachten immer wieder erlebt. Seit ein paar Jahren ist er Weihnachten bei uns, jetzt erleben es meine Halbschwestern. Ich glaube, man kann Zeit nie fair aufteilen.
Androsch: Aber es ist nicht eine Frage der Zeit, sondern der Zuneigung und Intensität.

"Krone": Sind schon einmal alle Androsch-Kinder und beide Mütter an einem Tisch gesessen?
Androsch: Bei meinem 70er haben wir's versucht, aber es war kein durchschlagender Erfolg. Also werden wir's zum 75er nicht wiederholen.

"Krone": Apropos 75er - wie ist es, wenn der Vater 60 Jahre älter ist?
Gregor: Es hat Vor- und Nachteile. Manchmal hab ich meine Freunde beneidet, wenn die Väter mit ihnen Baumhäuser gebaut haben. Ich lerne von meinem Papa dafür extrem viel.

"Krone": Tut er genug für seine Gesundheit?
Gregor: Ja, der Papa spielt Tennis, schwimmt und fährt vier-, fünfmal pro Jahr in ein Gesundheitshotel. Nur den Alkohol könnte man immer wieder ein bisschen reduzieren (alle lachen).

"Krone": Was hat Sie am meisten zusammengeschweißt?
Gregor: Meine Krankheit. Als ich 13 war, bestand der Verdacht auf Leukämie. Ich bin kurz vor einer Knochenmarktransplantation gestanden. Meine Mama sagt, ich hätte ausgeschaut wie der Tod und immer nach dem Papa gerufen. Ich hätte seine Kraft und Ruhe gebraucht...
Androsch: Ich war eh schon unterwegs! Schlussendlich hat sich die Trivialität bestätigt, dass Gesundheit alles bedeutet. Das war auch meine größte Sorge vor seiner Geburt: Was ist, wenn mein Kind behindert ist? Und: Was ist, wenn seiner Mutter etwas passiert? Dem Schicksal kann man nicht unter die Räder greifen.

Erziehung und was Gregor vom Vater gelernt hat
Als Gregor geboren wurde...
...kam der Vater am 13. Mai 1997 sechs Stunden zu spät ins Grazer Sanatorium St. Leonhard. "Weil der Herr sich im letzten Moment noch gedreht und die Nabelschnur ums Bein gewickelt hat, wurde es ein völlig ungeplanter Kaiser... Gregor litt als Baby an einem gefährlichen Reflux. Als er größer wurde, kannte er von jedem seiner kleinen Spielzeugautos Namen und Marke. Er hat diese Autos genau hintereinander in Reihen aufgestellt, und wehe, jemand hat das durcheinandergebracht. Er hat seine Ordnung gebraucht."

Seine erste Erinnerung an den Vater?
"Als wir am Wörther See auf der Couch zusammen den Anschlag auf das World Trade Center in New York angeschaut haben", weiß Gregor noch ganz genau. "Den Einschlag des zweiten Flugzeuges haben wir live miterlebt." Sein Vater habe ihm die Tragweite der Katastrophe begreiflich gemacht. "Das ist eine Zäsur in unserem Jahrhundert", sagte Androsch seinem damals vierjährigen Sohn. Gregor erinnert sich, dass er danach große Angst um seinen Vater hatte, wenn dieser nach Amerika flog.

Wie wurde er erzogen?
"Streng von der Mutter, weniger streng von mir", lacht Androsch. "Wenn ich mir etwas gewünscht habe, dann ging ich immer zuerst zum Papa", nickt der Sohn.

Wer hat ihn aufgeklärt?
"Ich glaube, das war umgekehrt", lacht der Vater. Gregor kann es bestätigen. "Ich wusste längst Bescheid, als meine Eltern mit mir über Sexualität sprechen wollten. Vom Vater meines Freundes, der Arzt ist, und aus dem Internet."

Was hat er vom Vater gelernt?
"Die großen wirtschaftlichen und historischen Zusammenhänge", sagt Gregor.

Und was hat am meisten genervt?
"Er neigt dazu zu referieren. Da muss ich ihn manchmal stoppen."

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