„Krone“ in der Türkei

Überleben an der roten Linie nach Erdbebenunglück

Ausland
20.10.2024 16:50

Im vergangenen Jahr wurde die Türkei von einem Jahrhundertbeben heimgesucht. Wie geht es nach der Katastrophe weiter? Eine „Krone“-Spurensuche vor Ort bei Menschen in den Container-Städten.

Menschen laufen in Panik auf die Straße, Kinder weinen. Eineinhalb Jahre nach der verheerenden Katastrophe war am vergangenen Mittwoch erneut dieses Rütteln beim „Krone“-Lokalaugenschein mit dem Rotzen Kreuz im Südosten der Türkei zu spüren.

Ein Erdbeben der Stärke 5,9, dieses Mal ist nichts passiert. Doch es werden schlimme Erinnerungen an den 6. Februar 2023 wach.

Ein Leben auf 21 Quadratmetern
Die Gefahr an der roten Erdbebenlinie bleibt. Und es sind noch immer Zigtausende in Containern untergebracht, wie etwa in der Airport Container City in Kahramanmaraş. Hier sind 6500 Menschen untergebracht. Die 21 Quadratmeter Wohnraum unterteilen sich in zwei Zimmer.

Das Jahrhundertbeben

  • Am 6. Februar 2023 ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 7,8 im Südosten der Türkei und im Nordwesten Syriens – noch am selben Tag folgte ein weiteres mit einer Magnitude von 7,5.
  • Es gab 62.013 Todesopfer und 125.000 Verletzte. Gleich elf türkische Provinzen waren betroffen, darunter Kahramanmaraş, Gaziantep und Hatay.
  • Rotes Kreuz und Roter Halbmond haben mit Zelten und Containern 1,2 Millionen Menschen erreicht. Und rund 1,7 Millionen erhielten Nahrungsmittel.
  • Die Türkei befindet sich in einer der seismologisch aktivsten Regionen der Welt. Hier treffen die Arabische, die Eurasische und die Afrikanische Platte aufeinander.
  • Am 16. Oktober 2024 ereignete sich ein erneutes Beben der Stärke 5,9 in Malatya, das schon 2023 schwer betroffen war. Es liegen keine Meldungen von Verletzten vor. 

In einem solchen Zuhause lebt auch Sermin (38), neben dem Flughafen, wo sie früher Security war. Die dreifache Mutter ist froh, dass ihr Mann endlich einen Job in einem Elektronik-Geschäft gefunden hat. „Nach dem Erdbeben habe ich aufgehört zu träumen“, sagt sie unter Tränen. Ihr größter Wunsch: dass es die Kinder einmal besser haben!

Eine Mitarbeiterin vom Roten Halbmond schaut gerade vorbei. Sermins sechsjährige Tochter Ahsen umarmt die junge Frau innig. Berfin (25) ist Sozialarbeiterin und verhalf dem Mädchen zu einer Therapie, da es nicht mehr sprechen wollte.

Die kleine Aysen freut sich über den Besuch der Sozialarbeiterin.
Die kleine Aysen freut sich über den Besuch der Sozialarbeiterin.(Bild: Münzer)
Kübra in ihrer Miniküche
Kübra in ihrer Miniküche(Bild: Münzer)

Nachbarin Kübra (28) kocht indes in der kleinen Küche Tee, ihr Mann war vor der Katastrophe im Straßenbau. Er musste aus den Trümmern befreit werden, seitdem geht er auf Krücken. Die 28-Jährige wünscht sich, dass ihr Mann wieder arbeiten kann, er erhält eine Reha. Sie selbst war nur kurz im Spital, wurde dann von einer fremden Familie gesund gepflegt. Diese Leute sind extra in das Katastrophengebiet gefahren und haben ihre Hilfe angeboten.

In der Container-City gibt es sogar eine Schule und Gruppenarbeiten für Kinder und Erwachsene. Buglem und Talha, beide 10 Jahre alt, malen auf ihrem Arbeitsblatt jene Szenen aus, die mit Gewalt zu tun haben. Es geht um Mobbing.

Die Trümmer sind beseitigt. Heute entstehen hier neue Wohnungen.
Die Trümmer sind beseitigt. Heute entstehen hier neue Wohnungen.(Bild: Münzer)
Zehnjährige Kinder im Kurs gegen Mobbing
Zehnjährige Kinder im Kurs gegen Mobbing(Bild: Münzer)

Regierung greift unter die Arme
Die Regierung Erdoğan pumpt viel Geld in den Wiederaufbau. Elmas zum Beispiel hat einen Laden für Geschirr, Startkapital erhielt die 38-Jährige vom Roten Halbmond. „Vorher hatten wir Träume, sie wurden in den Trümmern begraben. Aber es geht wieder aufwärts“, ist sie zuversichtlich.

Dankbar für die zweite Chance ist auch der 28-jährige Burak. Er erhielt 1400 Euro aus dem „Cash Support“ vom Roten Halbmond und betreibt einen Laden für Putzmittel. Außerdem darf sich der Frischvermählte über eine Eigentumswohnung freuen, zur Verfügung gestellt vom Staat – abzahlen muss er sie später.

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