19.01.2013 14:16 |

Nach Säureanschlag

Bolschoi-Ballettchef operiert, Polizei vermutet Intrige

Sergej Filin, der bei einem Säureanschlag schwer verätzte Ballettchef des Moskauer Bolschoi-Theaters, hat eine erste Augen-Operation gut überstanden. Der Zustand des Patienten sei stabil, er müsse jedoch in einigen Tagen erneut operiert werden, sagte der behandelnde Chefarzt am Samstag gegenüber der Agentur Interfax. Die Polizei vermutet eine Intrige in der Moskauer Kulturszene als Hintergrund für das rätselhafte Attentat.
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Nach dem Säureanschlag am Donnerstag wurde Filin zunächst an den schwer verätzten Augen operiert. Die Operation sei zufriedenstellend verlaufen, erklärte Chefarzt Alexander Mititschkin gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Der Zustand des 42-Jährigen sei "stabil", er liege mittlerweile nicht mehr auf der Intensivstation.

Kampf um Augenlicht geht weiter
Ob Filin seine volle Sehkraft wiedererlange, könne noch nicht gesagt werden, so Mititschkin weiter. In einigen Tagen müsse der hochrangige Patient erneut an der Hornhaut operiert werden, danach soll er in einem belgischen Militärspital versorgt werden. Dort soll Filins Kopfhaut behandelt werden, die bei dem Attentat ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden war. Erst in etwa zwei Wochen könne man sagen, ob die Augen des Ballettchefs wieder vollständig genesen.

Erste Hinweise auf Täter
Die Ermittlungen haben unterdessen erste Hinweise auf den unbekannten Täter gebracht. Laut der Moskauer Polizei sei jenes Gefäß gefunden worden, mit dem der maskierte Mann die Säure transportiert hatte. Der Unbekannte habe Filin am Donnerstagabend vor dessen Haus aufgelauert und ihm dort die Säure ins Gesicht geschüttet.

Behörden glauben an Intrige
Wie die Moskauer Behörden mitteilten, habe Vize-Regierungschefin Olga Golodez persönlich die Kontrolle über den Fall übernommen. Das sei in Absprache mit dem Kreml geschehen. Als Motiv vermutet die Polizei einen Konkurrenzkampf in der Kulturszene der russischen Hauptstadt. Auch Filins Angehörige gehen offenbar von einem derartigen Hintergrund aus: "Irgendjemand will sich dafür rächen, dass Sergej im Bolschoi-Theater etwas aufbauen will", sagte der Schwiegervater des Opfers, Alexander Prorowitsch.

Posten einflussreich und umkämpft
Der 42-jährige Filin steht seit knapp zwei Jahren an der Spitze der weltweit größten und berühmtesten Balletttruppe. Sein Posten gehört zu den einflussreichsten der Tanzwelt – und zu den umkämpftesten. "Es gab gegen Sergej ständig Drohungen, seit er diese Position übernommen hat", sagte die Sprecherin des Theaters, Katja Nowikowa.

Filin hat russischen Medien zufolge viele Neider. Er bestimmt die Tänzer für die Ballettrollen, was immer wieder zu Konflikten innerhalb der Truppe führt. "Wir hätten nie gedacht, dass dieser Krieg um die Rollen solch ein kriminelles Niveau erreichen kann", so Nowikowa weiter. Zuletzt sei auch Filins Internetseite gehackt und mit Beleidigungen übersät worden. Zudem seien seine Autoreifen zerstochen worden.

Bolschoi-Intendant Anatoli Iksanow verurteilte den Anschlag: "Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass dies mit Filins beruflicher Tätigkeit zu tun hat", sagte Iksanow dem russischen Staatsfernsehen. "Er ist ein prinzipienfester Mensch und geht keine Zugeständnisse ein. Wenn er den einen oder anderen Künstler für nicht reif für eine Partie hält, verwehrt er ihm den Auftritt." Vor seiner Beförderung zum Ballettchef war Filin selbst ein Tänzer von Weltrang im Bolschoi-Ensemble. Als Solist absolvierte er auch einige Gastauftritte an der Wiener Staatsoper.

Bolschoi-Theater als Wiege des klassischen Balletts
Die Geschichte des Bolschoi-Theaters reicht rund 200 Jahre zurück. 2011 wurde der historische Säulenbau am Moskauer Theaterplatz nach sechsjähriger Totalsanierung im alten Zarenglanz wieder eröffnet. Das Haus gilt als Wiege des klassischen Balletts mit makellosem Spitzentanz, athletischer Sprungkraft und streng synchronen Bewegungen. Die Balletttruppe hat mehr als 200 Tänzer und damit so viele wie keine andere der Welt.

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