Überdreht und toll gespielt: Robert Meyer inszeniert Johann Nestroys „Lumpazivagabundus“ bei den Festspielen in Reichenau – und spielt selbst auch einen charismatischen Knierim.
Es gab Zeiten, da eiferten „Burg“, Volkstheater und die abgeschlagene „Josefstadt“ um den einst spielentscheidenden Nestroy. Heute spielt ihn kaum einer. Warum? Angeblich kann man ihn nicht mehr besetzen. Klar, eine Quote von Österreichern, die selbstverständlich alles spielen konnten, war früher für jedes Ensemble obligat. Heute folgt man kunstfernen Diversitätsdiktaten oder implantiert deutsche Provinzensembles.
So staunt man in Reichenau über einen „Lumpazivagabundus“ wie aus der Vorzeit: ein paar Drehungen Klamauk zu viel, aber ganz auf die herrliche Sprache und das idiomkundige Ensemble konzentriert.
Vieles gelingt dank Besetzungskunst. Der als fad verrufene Tischler Leim ist dem elementaren Kraftlackl Thomas Frank anvertraut – diesem Biedermann begegnet man besser nicht im Dunkeln. Florian Caroves Zwirn ist kein Feschak, sondern ein monströser Exzentriker.
Und Robert Meyer, der Regisseur, als Knieriem: welch diskrete Hochpräsenz und Textgenauigkeit! Brigitte Kren und Sebastian Wendelin demonstrieren die hohe Kunst des zweiten Fachs.
Die Zwirn-Szene trägt, wie immer, ihre Länge nicht und leidet unter der unverzichtbaren, weil aktschließenden Opernparodie. Aber behaupte nie wieder jemand, dass man Nestroy nicht spielen kann
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