An internationalen Protesten und heftigster Fach-Kritik vorbei begann Stadträtin Ulli Sima mit der Michaelerplatz-Umgestaltung.
Die Wiener Stadträtin für Kultur, Veronica Kaup-Hasler, lässt via Festwochen „Die freie Republik Wien“ ausrufen. Als Plattform für „Künstler, intellektuelle, demokratische Befreiungsbewegungen“.
Ulli Sima, die Stadträtin für Innovation, Stadtplanung und Mobilität, schickt währenddessen in geradezu autokratischer Manier die Bagger auf den Michaelerplatz. Sima ignoriert einmal mehr die Meinung vieler hochkarätiger Fachleute.
Sie möchte auf einem der bedeutendsten Plätze Wiens Bäume pflanzen, Gräserbeete und ein Wasserspiel anlegen – und damit eines der weltweit einzigartigen, geschlossensten Ensembles, mit seinen Architektur-Ikonen wie Fischer von Erlachs Michaelertrakt und Loos-Haus, zerstören.
Dagegen regt sich heftigster Widerstand: „Die Mitglieder des Denkmalbeirats beim Bundesdenkmalamt sprechen sich hiermit mit aller gebotenen Deutlichkeit gegen die bevorstehende Umgestaltung des Wiener Michaelerplatzes aus“, steht im „Wahrnehmungsbericht“ des wichtigen Bundesgremiums. Man vermisst beim aktuellen Projekt die nötige „inhaltliche Reflexion und gestalterischer Sensibilität“.
Ulli Simas Pläne sind öffentlich nicht einsehbar
Der Denkmalbeirat, hervorragende Spezialisten, berät den Minister für Kunst und Kultur und das Bundesdenkmalamt. Wobei Letzteres wenig ausrichten kann. Denn in Österreich existiert kein „Ensembleschutz“.
Selbst das Protestschreiben von Architekten wie Mario Botta oder Boris Podrecca und internationalen Fachleuten an Bürgermeister Michael Ludwig blieb ungehört.
Ulli Simas Handeln erstaunt: Der Denkmalbeirat war offiziell nicht mit diesem Vorhaben befasst. Einige Mitglieder wurden zwar letzten Herbst informell informiert und protestierten. Sima versprach nachzudenken – und ließ jetzt einfach die Bagger auffahren.
Erst im März 2024 wurde die UNESCO mit dem Projekt konfrontiert. Die zeigt sich absolut nicht erfreut. Wiens Status als Weltkulturerbe scheint einmal mehr in Gefahr.
Selbst dem eigenen „Fachbeirat für Stadtgestaltung“ wurde das Projekt vorenthalten. Die Pläne sind bis heute nicht veröffentlicht. Dafür zeigt man nette Grafiken. Die architektonische Gestaltung wurde – absolut unüblich – ohne Wettbewerb vergeben. Demokratisches Agieren sieht anders aus!
Kommentar von Dr. Karlheinz Roschitz: Klimagerecht „behübschen“
Entsetzen, Aufregung, Empörung, was da klammheimlich gebuddelt wird! Es hagelt Angriffe. 100 internationale Architekturexperten protestieren in einem Brief an Bürgermeister Michael Ludwig: Der Michaelerplatz soll mit Bäumen, Wasserspielchen, Gras- und ein paar putzigen Blumenbeetchen neugestaltet werden.
Was die privaten Initiatoren als „notwendige klimagerechte Aktion“ feiern, die von Wien nur abgesegnet werden muss, nennen alle, die die historische Entwicklung des Platzes seit dem frühen 13. Jahrhundert interessiert, eine „geschmacklose Behübschung“ – so sie höflich sind!
Sonst ist vom Tiefschlag fürs Stadtbild und gegen den Ensembleschutz die Rede, von „spießbürgerlicher Behübschung“, die das Bild des seit etwa 1200gewachsenen Platzes zerstört. Oder können Sie sich vorstellen, dass dergleichen Pimperltheater vor der Hauptfassade des Pariser Louvre oder vor dem Dogenpalast in Venedig inszeniert wird?
Verantwortliche beteuern treuherzig, dass man die Sichtachsen auf Fischer von Erlachs Hofburgtrakt (begonnen 1729, vollendet 1893 von Ferdinand Kirschner) nicht stören werde. Aber jeder Baumeister bestätigt, dass Fassaden auch durch Rasenstreifen und Wasserspiele in ihrer Wirkung gestört werden.
Bezirksvorsteher Markus Figl warnte im Jänner, dass Wiens Weltkulturerbe-Status angeschlagen sei, ja, auf der „Roten Liste“ stehe. Nun warnt auch der Denkmalbeirat. Wenig verständlich, dass der Bezirksvorsteher sich beim Spatenstich auf dem Michaelerplatz sogar fotografieren ließ. Aber: Im Juli könnte der UNESCO-Entscheid ein bitteres Erwachen bescheren!
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