20.08.2012 14:08 |

Heikle Mission

Afghanistan: ISAF-Soldatinnen dringen in Frauenwelt vor

Im Feldlager im afghanischen Mazar-i-Sharif bringt Leutnant Imelda Rodriguez gerade einer Gruppe Soldatinnen bei, wie sie voll verschleierte Afghaninnen mit möglichst wenig Risiko kontrollieren können. Denn in Zukunft werden die Schützlinge der resoluten US-Soldatin sehr eng mit den einheimischen Frauen zu tun haben. Ihre Aufgabe: mit ihnen reden und sie über ihre Wünsche und Probleme befragen - aber auch sie bei Kontrollen abtasten oder die ihnen vorbehaltenen Bereiche der Häuser durchsuchen.

Denn für die am Hindukusch sonst fast allmächtigen Männer ist das unmöglich - und dementsprechend auch für die meist männlichen Soldaten der NATO-Truppe ISAF oder der afghanischen Armee. Gerade auf dem Land bleiben die einheimischen Frauen für sie oft unsichtbar: Nähert sich eine Patrouille fremder Soldaten, sorgt der Dorfälteste dafür, dass die Frauen rasch in den Häusern verschwinden.

Zugleich stellen die unförmigen Burkas, unter denen sich allerlei verbergen lässt, auch ein Sicherheitsrisiko dar: Erst Anfang August verhinderte der afghanische Geheimdienst nach eigenen Angaben einen schweren Anschlag in Kabul, den Selbstmordattentäter in Burkas verüben wollten. Amerikaner und Briten setzen deshalb schon länger auf den Einsatz von Soldatinnen, um in die verbotene Welt der afghanischen Frauen vorzudringen: "Female Engagement Teams" (FETs) heißen die Gruppen der Spezialistinnen bei ihnen.

Gefährlicher Nebenjob
Oberleutnant Elke Post ist die erste und bisher einzige deutsche Soldatin, die das FET-Training absolviert hat. Jetzt hilft sie bei der Ausbildung weiterer Soldatinnen aus Schweden und Finnland in Mazar-i-Sharif. "Die meisten ISAF-Soldaten sind nun mal Männer", sagt Post. Wegen der strengen religiösen Tradition werde es schon nicht gerne gesehen, wenn sie afghanische Frauen auch nur anschauten. "Frauen dürfen nicht angesprochen, nicht angegriffen, nicht angesehen werden", fasst Post die Liste der Tabus zusammen. Mit dem neuen Kurs stehen der FET-Koordinatorin für den Norden des Landes insgesamt zehn Soldatinnen zur Verfügung, die sie mit den ansonsten weitgehend männlichen Patrouillen in den Einsatz schicken kann. Für die Soldatinnen ist es ein gefährlicher Nebenjob, den sie freiwillig neben ihrer eigentlichen Aufgabe erledigen.

Erst einmal sterben die angehenden FET-Experten jedoch in Mazar-i-Sharif den Übungstod. "Wir sind tot", flucht die schwedische Soldatin Madeleine Brändström etwas entnervt, als neben ihrem Trupp eine Sprengfalle explodiert. Längst sind die Frauen nass geschwitzt, wie auf einer echten Patrouille tragen sie schwere Schutzwesten und schleppen ihre Waffen in der Gluthitze. Für Brändström ist die größte Herausforderung des Trainings, ruhig zu bleiben und im Gespräch mit den afghanischen Frauen und deren Männern die richtigen Dinge zu sagen, um ihr Ziel zu erreichen. "Jeder sollte seine eigene Meinung vertreten dürfen, ich habe auch eine sehr klare eigene Meinung", sagt die Schwedin. "Wo ich herkomme, kann ich sagen, was ich will, und man hört mir zu. Ich will dabei helfen, dass das hier auch einmal so ist".

Unberechenbare Situationen
Gelernt habe sie in der insgesamt einwöchigen Ausbildung vor allem, dass sich eine Situation nicht vorher berechnen lasse. "Es wird sich nie alles so entwickeln, wie man es plant, sondern es kommt immer etwas dazwischen - ein Mann zum Beispiel, der dich einfach abblockt", sagt Brändström. "Das muss man immer wieder üben, damit man dann aus dem Nichts einen neuen Plan entwickeln kann." Neben den praktischen Übungen erhalten die Soldatinnen Unterricht in Gesprächstaktik, afghanischer Geschichte und Selbstverteidigung.

Ein paar Schritte weiter ringen die Soldatinnen bereits mit ihrem nächsten Fall: Ein Afghane hat seine Frau auf offener Straße zu Boden geworfen und beschimpft sie, die Frau kauert sichtlich verschreckt im Staub. Doch in Fällen häuslicher Gewalt dürfen sich die FET-Teams eigentlich nicht einmischen. "Was wir tun können, ist, uns auf andere Art um die Frau zu kümmern", sagt Rodriguez. Tatsächlich wirkt eine der Soldatinnen auf den Mann ein und überredet ihn schließlich, seiner Frau einen Nähkurs zu erlauben - eine Geldquelle für die Familie und ein wenig Freiheit für die Frau.

"Gut gemacht", lobt Rodriguez. Die Amerikanerin hält es nur für fair, wenn sich das Militär mit dem FET-Projekt verstärkt den Frauen zuwendet. Frauen stellten immerhin knapp die Hälfte der afghanischen Bevölkerung, würden aber kaum wahrgenommen: "Frauen sind so lange vernachlässigt worden, und wir haben immer nur den Standpunkt der Männer gehört - jetzt liegt es an uns, für ein vollständiges Bild der Dinge zu sorgen", betont Rodriguez.

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