Besuch in Sozialmarkt

Armut steigt! Einkaufen mit gewisser Hemmschwelle

Tirol
08.03.2024 18:00
Porträt von Roland Mühlanger
Von Roland Mühlanger

Sie sind die neuen „Diskonter“ in Tirol und werden bis hin zur mittlerweile schwindenden Mittelschicht dankbar angenommen. Die Rede ist von Sozialmärkten. Die „Krone“ besuchte kürzlich jenen in Kufstein.

Der Vergleich liegt nahe: In der ehemaligen „Huber-Bäckerei“ neben dem Einkaufszentrum „Kufstein Galerien“ werden kleine Brötchen gebacken. Darin ist – auf etwa 70 Quadratmetern – der Sozialmarkt der Festungsstadt eingemietet, einer von neun landesweit. Eine „Lebensader“ für jene, die, aus welchen Umständen auch immer, von der Hand in den Mund leben müssen.

Breites Sortiment zu wahrlich kleinen Preisen
Heinrich K., 54 Jahre alt, lebt von Sozialhilfe. Alkohol und Drogen waren nicht der Grund, es war eine Kette von persönlichen Schicksalsschlägen. Er steht auf der anderen Straßenseite des Sozialmarktes, dessen Front mit Milchglas anonym gehalten wird. Dennoch blickt er links und rechts, ob ihn ja keine Bekannten beim Betreten des Ladens sehen.

Die Scham ist groß, der Preis im Markt klein. Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis und Milch kosten hier um mehr als die Hälfte weniger. Bereitgestellt (nicht abgelaufen) von den großen Ketten, auch von privaten Gönnern. Knapp 60 Cent pro Packung Mehl sind leistbar. Alle Produkte werden geprüft, etikettiert, fein säuberlich ins Regal gestellt. Die Palette reicht bis zu Obst, frischem Gemüse, Süßem und Teigwaren. Auf Würde wird von den zwölf Mitarbeiterinnen geachtet.

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Wir haben ein breites Sortiment, vor allem an Grundnahrungsmitteln.

Robert Wehr, Obmann des Trägervereins

„Das Doppelte wäre leider realistisch“
Alles wird genau berechnet: Wer in Notlage gerät, zu wenig fürs Leben hat, erhält einen Ausweis für den Sozialmarkt, der grundsätzlich drei Monate gültig ist. „Damit können die Menschen für 30 Euro pro Woche einkaufen. Wir haben ein breites Sortiment, vor allem an Grundnahrungsmitteln. Etliche Gönner stellen die Waren zur Abholung bereit. Ein täglicher Lieferdienst von uns holt die Lebensmittel ab“, erklärt Robert Wehr, von Beruf ÖGB-Sekretär in Kufstein und Obmann des Trägervereins.

Rund 700 Menschen allein in Kufstein nutzen die Möglichkeit des leistbaren Einkaufs. „Das Doppelte wäre leider realistisch in der zweitgrößten Stadt Tirols“, meint Wehr, der persönlich um Mithilfe bei den Märkten bittet.

Corona-Pandemie brachte deutlich mehr Kunden
Markt-Leiterin Franziska Lanner ortet eine erhebliche Steigerung an Kunden seit den ersten Corona-Fällen: „Vor allem bei Pensionisten stieg die Anzahl um 70 Prozent.“ Die Einrichtung sei so eine Art Seismograf, wie die tektonische Einkommensschere auseinanderklaffe. Die 70 Quadratmeter reichen nicht mehr aus. „Ab kommendem Jahr werden wir uns in einem Neubau wenige Meter entfernt auf rund 110 Quadratmetern einmieten“, schildert Wehr.

Jetzige Mitarbeiterin: „Bin hier aufgefangen worden“
Leopoldine – sie ist 83 Jahre alt – nutzte den Sozialmarkt fünf Jahre lang. Drei Todesfälle binnen kurzer Zeit hat sie in der Familie durchgemacht. Das war zu viel. Das Geld reichte nicht mehr aus. „Die Scham ist schon einige Zeit mitgegangen beim Einkaufen. Die Mitarbeiter nehmen sich aber einem an – und der Sozialmarkt ist nicht nur ein Ort, sich mit Lebenswichtigem zu versorgen, sondern auch des Gesprächs.“

Und jetzt? Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin geworden, weiß aus eigener schmerzlicher Erfahrung um den Gemüts- und Geldzustand. „Ich bin hier aufgefangen worden. Ich will das zurückgeben.“

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