Mo, 18. Juni 2018

Im "Krone"-Interview

17.05.2012 14:59

Dalai Lama: "Mir ist Österreich ans Herz gewachsen"

Am Donnerstagnachmittag ist der Dalai Lama zu seinem Besuch in Österreich eingetroffen. Erste Station ist Kärnten, die engere Heimat seines väterlichen Freundes Heinrich Harrer (1912 – 2006). Vor seiner Ankunft sprach das Oberhaupt der Tibeter im "Krone"-Interview über seine Verbundenheit mit Österreich, über das Schicksal seiner Heimat, über Nachfolgeregelungen und über seine Hoffnung auf Änderungen in China.

"Krone": Eure Heiligkeit, die Österreicher sind durch das Wirken von Heinrich Harrer sehr emotionell mit Tibet verbunden. Ich habe den Eindruck, dass das auf Gegenseitigkeit beruht.
Dalai Lama: In der Tat ist mir Österreich ans Herz gewachsen. Mich verband eine tiefe Freundschaft mit Heinrich Harrer. Er hatte sein ganzes Leben dem tibetischen Volk gewidmet. Er hatte Tibets Sache in die Welt getragen, Tibet bekannt gemacht. Deshalb möchte ich mit diesem Besuch dem österreichischen Volk meine ganz speziellen Grüße und die wärmsten Gefühle ausdrücken. Ich erinnere mich an meinen ersten Aufenthalt 1973. Ich war überrascht, wie mich die sogenannten einfachen Leute freundlich wahrnahmen.

"Krone": Sie sind der erste globale Dalai Lama. Überall in der Welt haben Sie eine große Zuhörerschaft, will man Ihren Predigten folgen. Was ist das Geheimnis?
Dalai Lama: Ich rede zu den Menschen wie ein alter Freund; von gleich zu gleich. Ich fühle mich ihnen niemals fremd. Da springt der Funken über. Meine Motivation ist: Jeden Morgen, wenn ich aufwache, widme ich meinen Körper, meine Sprache, mein Denken dem Wohlbefinden der Mitmenschen.

"Krone": Was bereitet Ihnen in der Welt die größten Sorgen? Politik? Ökologie?
Dalai Lama: Grundsätzlich bin ich ein Optimist. Denken Sie nur an den Fall der Berliner Mauer oder an den Arabischen Frühling. Totalitäre Systeme können binnen Wochen fallen. Die Völker wollen totalitäre Systeme nicht länger hinnehmen. Auch in China wird der Ruf nach Freiheit und Demokratie immer lauter. Sorge bereitet mir, dass in der Welt Wirtschaft wichtiger ist als Moral und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Das kann man ändern, aber ökologische Schäden sind nur schwer wieder gut zu machen.

"Krone": Auch in Ihrer Heimat Tibet wird viel zerstört.
Dalai Lama: In der Tat bereiten mir die Zerstörungen besonders an der kulturellen Tradition große Sorge.

"Krone": Eure Heiligkeit, ich habe in Tibet selbst gesehen, wie die Menschen Sie vermissen. Ich habe Menschen beobachtet, wie sie Dalai-Lama-Bilder an der Innenseite der Kappe tragen. Je mehr die Menschen realisieren müssen, dass Sie möglicherweise niemals zurückkommen, desto tiefer fallen sie in Verzweiflung und es steigt die Zahl der Selbstverbrennungen. Chinas Führung beschuldigt Sie, diese blutigen Protestaktionen anzustacheln.
Dalai Lama: Im Jahre 2008 hat mich der als eher moderat geltende Ministerpräsident Wen Jiabao beschuldigt, die Krisenwelle gestartet zu haben. Ich antwortete dazu, sendet ein Untersuchungsteam zu mir nach Dharamsala (Dalai Lamas indische Exilresidenz, Anm.). Sie könnte alle Unterlagen und Tonbänder meiner Gespräche mit Tibetern prüfen. Wir haben nichts zu verbergen. Auch heute ist es leicht, uns zu Sündenböcken zu machen. Die chinesischen Behörden sollten lieber die wahren Ursachen der Proteste analysieren. Aber sie halten die Ursachen vor ihrem Volk geheim. Ich bewundere die Entschlossenheit der Opferbereiten. Das Ziel ist richtig, aber der Weg des Selbstmordes ist falsch.

"Krone": Als Sie 2011 in einem Dekret die Möglichkeit eines Endes der Dalai-Lama-Dynastie andeuteten, reagierte das kommunistische China empört und bestand groteskerweise auf einen Dalai Lama, also auf ein religiöses Oberhaupt in Tibet. Besteht die Gefahr von zwei Dalai Lamas, wie es jetzt schon zwei Panchen Lamas gibt? (Als 1989 der 10. Panchen Lama, das zweithöchste Oberhaupt, starb, verhinderten die chinesischen Behörden die vom Dalai Lama erkannte Wiedergeburt. Sie verschleppten das Seelenkind und dessen Eltern – bis heute unbekannten Schicksals – und ließen einen eigenen Panchen Lama küren. Er lebt in der chinesischen Hauptstadt, Anm.)
Dalai Lama: Ich werde alle Sektoren der Gesellschaft, das heißt Tibeter, Mongolen und Bewohner der Himalaya-Region konsultieren und dann entscheiden. Die Institution des Dalai Lama ist (erst) 600 Jahre alt. Das Volk soll entscheiden, ob sie fortgesetzt wird. Ein Nachfolger wird in althergebrachter Weise durch die Suche nach der Wiedergeburt bestimmt. Aber es muss nicht so sein. Es gab und gibt immer wieder Fälle, wo hohe Lamas ihre Nachfolger selbst bestimmten. Wie auch immer: Falls die Chinesen einen eigenen Dalai Lama bestimmen, was soll’s? Wir haben zwei Panchen Lamas und sogar Chinas Behörden halten nicht viel von ihrer in Tibet nicht akzeptierten Marionetten-Figur. Ich habe kürzlich mehreren Chinesen gesagt: Die tibetische Seele, die tibetische Entschlossenheit ist das buddhistische Dharma (Daseinsgesetz, Anm.). Die Lehre Buddhas ist 2.500 Jahre alt und überall auf dem Planeten wächst das Interesse am Buddhismus. Der Marxismus ist kaum 200 Jahre alt, aber dieses System verschwindet schon. Ich sagte ihnen: Die tibetische Entschlossenheit wird von Generation zu Generation weitergetragen und ihr seid bis dahin verschwunden.

"Krone": Eure Heiligkeit, ich habe in Tibet zu meiner Überraschung viele chinesische, junge Pilger getroffen, die dort ihre buddhistische Erfüllung suchen.
Dalai Lama: Wenn ich in Dharamsala buddhistische Unterweisungen abhalte vor Indern, Koreanern oder Japanern, sind immer auch viele Festlandchinesen darunter. Viele von ihnen haben Tränen in den Augen. Das zeigt, wie dieses Regime seine moralischen Werte verloren hat.

"Krone": Das kann doch für Tibet positiv sein?
Dalai Lama: China steht vor großen Veränderungen. Tibet ist für China keine Naturkatastrophe. Das Problem ist einzig, dass zu uns ein Gast ohne Einladung gekommen war und alles kontrollieren will. Wenn in China Freiheit einkehrt, kann die Tibetfrage binnen Wochen gelöst werden. Wir wollen keine Abspaltung, sondern Autonomie. Mehr und mehr Chinesen können sich heute die Wahrheit über die neuen elektronischen Kommunikationsmitteln holen, sie kann ihnen nicht mehr vorenthalten werden. 1,3 Milliarden Chinesen haben das Recht, die volle Wahrheit zu erfahren. Dann haben sie die Möglickeit zu entscheiden, was richtig oder falsch ist. Deshalb ist Zensur einfach unmoralisch.

"Krone": Bleibt Tibets Ringen um Autonomie gewaltlos?
Dalai Lama: Unser Kampf ist der Kampf zwischen der Macht der Wahrheit und der Macht der Gewehre. Die Macht der Gewehre - das war die großmächtige Sowjetunion. Sie ist verschwunden. Keine Macht kann auf Dauer Freiheit und Demokratie stoppen. Demokratie ist mächtiger. Das ist die Basis unseres Enthusiasmus. Schauen sie nach Indien. Ob Ost, West, Nord, Süd: dieses Land hat unterschiedliche Sprachen, aber es gibt keine Spaltungsgefahr. Die Demokratie und die Herrschaft des Gesetzes hält Indien zusammen. China geht den anderen Weg und versucht in Tibet, dessen Identität, besonders die Sprache, zu zerstören. Das ist sehr kurzsichtig.

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