17.01.2022 10:55 |

Wochen vor Drogentod

Von Einrichtung abgelehnt: „Rauswurf vorhersehbar“

Der „Tiroler Krone“ liegt der Situationsbericht von jener Sozialarbeiterin vor, die mit der 13-jährigen Tirolerin - sie starb im August 2020 an einer Überdosis - in engem Kontakt stand. Nach Auszügen aus dem ersten Teil, zitieren wir nun aus dem zweiten Teil, der folgenden Zeitrahmen beleuchtet: 17. Juli bis 12. August 2020, dem Todestag der Tirolerin.

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17.7.2020: Einen Tag vorher kam es zu einer Überstellung von Melina (Name von der Redaktion geändert) nach Hall. Erneut habe es laut Klinik keine Voraussetzungen dafür gegeben, sie gegen ihren Willen festzuhalten. Angebote im offenen Bereich wurden unterbreitet. Dort könne die Minderjährige bis zu fünf Nächte sein, um „zur Ruhe zu kommen“. Zusätzlich bestehe auch die Möglichkeit einer freiwilligen, stationären Aufnahme im Suchtbereich von bis zu acht Wochen. Von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe wurde eine Entlassung von Melina nicht befürwortet, denn eine Stabilisierung der 13-Jährigen auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde als notwendig angesehen. Es kam schließlich zur Entlassung von Melina.

Die Sozialarbeiterin kontaktierte die Kriseneinrichtungen „KIZ“ und „Turntable“. Dort äußerte man bezüglich einer Aufnahme der 13-Jährigen jeweils Bedenken - man glaube nicht daran, dass sie sich an die Regelungen halten würde und somit ein „Rauswurf“ schon vorhersehbar sei.

Statt Wohnangebot gab es offenes Beratungsangebot
21.7. bis 3.8.2020: Laut der Mutter sei Melina am Bauch komplett blau, da sie auf der Erwachsenen-Psychiatrie festgehalten und niedergespritzt worden sei. Seitens der Kinder- und Jugendhilfe wurde empfohlen, dass sie sich mit Fotos von den Verletzungen an die Volksanwaltschaft wenden soll. Das „Chillout“ unterbreitete anstelle eines Wohnangebotes ein offenes Beratungsangebot. Doch die 13-Jährige wohnte in der Zwischenzeit wieder bei ihrem Vater. Auch ihre Freundin durfte dort übernachten.

Die Sozialarbeiterin kontaktierte die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall und bat die zuständigen Ärzte um eine Helferkonferenz aufgrund der Vorfälle der vergangenen Tage bezüglich Melina. Die Wohngemeinschaft TUPO bot Melina eine Aufnahme an, diese wurde in der Mentlgasse von der Polizei aufgegriffen und erhielt eine Anzeige wegen Bedrohung und Waffenbesitz. Die Polizei berichtete der Betreuerin, dass Melina bereits so viele Vorstrafen habe, dass es nach ihrem 14. Geburtstag lediglich noch eine kleine Straftat bräuchte, um sie sofort inhaftieren zu können. Die Betreuerin teilte mit, dass die Minderjährige für sie mittlerweile kaum mehr greifbar sei.

Mit einer Überdosis auf der Straße aufgefunden
3.8. und 5.8.2020: Melina wurde mit einer Überdosis in die Klinik Innsbruck eingeliefert. Sie spritzte sich das Substitutionsmedikament „Subutex“ und wurde auf der Straße aufgefunden. Sie kam nach Hall. Laut Bericht hat die Klinik dort angegeben, die Minderjährige noch am selben Tag entlassen zu wollen. Weder die Betreuerin noch die Eltern von Melina wollten dafür jedoch die Verantwortung übernehmen. Die Sozialarbeiterin bat die Kinder- und Jugendpsychiatrie, den Schritt der Entlassung nochmals zu überdenken und versuchte, Kontakt zu den leitenden Ärzten aufzunehmen, um zudem noch einmal auf eine benötigte Helferkonferenz aufmerksam zu machen. Laut dem Sozialarbeiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei Melina mittlerweile aus dem Wartebereich der Ambulanz davon gelaufen. Eine Abgängigkeitsanzeige wurde gemacht. Die Polizei meldete, dass die junge Tirolerin bei ihrer Tante sei.

In der Zwischenzeit wurde eine Fremdunterbringung der 13-Jährigen auf den Kanaren besprochen, bei der „Cranach-WG“ sowie auch im SOS-Kinderdorf Imst stand Melina auf der Warteliste. Die Betreuerin berichtete der Sozialarbeiterin von ihrer Sorge, dass Melina nicht überleben würde. Sie habe die 13-Jährige kürzlich gefragt, was sie noch am Leben halte. Die Minderjährige habe ihr darauf keine Antwort geben können.

Ersuchen, die 13-Jährige stationär zu behalten
Am 4. August wurde Melina erneut mit Einstichstellen und Verletzungen am Arm nach Hall eingeliefert. Ein zuständiger Arzt konnte nicht erreicht werden, da die Aufnahme noch nicht elektronisch erfasst war. Am Folgetag informierte die Betreuerin die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall über die bestehende akute Lebensgefahr von Melina und ersuchte dringend, sie auf der geschlossenen Station zu behalten, um sie vor sich selbst zu schützen. Melina wurde jedoch ohne Begleitung entlassen und war ab diesem Zeitpunkt abgängig.

12.8.2020: Die Familie von Melina informierte die Betreuerin darüber, dass die junge Tirolerin in einer Wohnung in Telfs sei. In den sozialen Netzwerken entdeckten sie ein Foto von der 13-Jährigen, worauf sie mit zwei Männern aus der Mentlvilla zu sehen sei, einen von ihnen küsse Melina auf die Wange. Die Betreuerin gab dies an die Polizei weiter, diese konnte nichts unternehmen, da keine Abgängigkeitsanzeige gemacht wurde. Die Sozialarbeiterin versuchte, das zu klären. Doch dann kam die Meldung des Drogentodes von Melina ...

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