29.11.2021 16:35 |

Starke Preissprünge

Deutsche Inflation erreicht Höchstwert seit 1992

Die Verbraucherpreise in Deutschland sind auf das höchste Niveau seit 1992 gestiegen. Preistreiber sind vor allem Tanken und Heizen, aber nicht nur die Energiepreise legen kräftig zu. Damit liegt die Inflationsrate erstmals seit fast 30 Jahren über der Marke von fünf Prozent. Waren und Dienstleistungen kosteten 5,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Montag in einer ersten Schätzung mitteilte. Ökonomen hatten nur einen Anstieg auf 5,0 Prozent vorhergesagt.

Im Oktober hatte die Inflationsrate noch bei 4,5 Prozent gelegen, im September bei 4,1 Prozent. Während die Europäische Zentralbank (EZB) den Höhepunkt damit erreicht und daher keinen Grund für schnell steigende Zinsen sieht, warnen manche Ökonomen wegen der extrem lockeren Geldpolitik vor einem dauerhaft hohen Preisniveau.

Energie um 22 Prozent teurer
„Deutschland erlebt den stärksten Inflationsschub seit drei Jahrzehnten“, fasste der Experte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann, die Entwicklung zusammen. Das liegt vor allem an der immer teurer werdenden Energie: Sie kostete 22,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, weil Verbraucher etwa für Tanken und Heizen viel mehr berappen mussten. Nahrungsmittel verteuerten sich mit 4,5 Prozent ebenfalls stark. Bei Dienstleistungen lag das Plus bei 2,8 Prozent, wobei die Wohnungsmieten um 1,4 Prozent anzogen.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer „legen die Preise mittlerweile auf breiterer Front zu, es geht nicht mehr nur um Energie und einige besonders von Corona betroffene Güter“. Wegen der hohen Haushaltsdefizite in den Euro-Staaten und der Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) gelange weiter zu viel Geld in Umlauf. „Die EZB sollte den Fuß vom Gas nehmen, ihre Anleihekäufe einstellen und die Negativzinspolitik beenden“, forderte Krämer.

EZB erwartet baldige Entspannung
EZB-Direktorin Isabel Schnabel erwartet künftig wieder niedrigere Werte und sieht daher keinen Grund zu einem raschen Kurswechsel in der Geldpolitik. „Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist“, sagte die Währungshüterin im ZDF. Die Teuerungsrate dürfte 2022 wieder allmählich in Richtung zwei Prozent sinken, der EZB-Zielmarke.

Nach europäischer Berechnungsweise lag die deutsche Inflationsrate im laufenden Monat sogar auf dem Rekordhoch von 6,0 Prozent und damit dreimal so hoch wie der Zielwert. Sondereffekte wie etwa die zeitweise Mehrwertsteuersenkung im vergangenen Jahr würden ab Jänner aus der Statistik fallen. „Auch die Energiepreise werden nicht mit dem gleichen Tempo weiter steigen“, sagte Schnabel. Die pandemiebedingten Lieferengpässe in der Wirtschaft dürften sich zudem allmählich auflösen.

Sollte sich die Inflation dauerhaft auf einem höheren Niveau als zwei Prozent festsetzen, werde die EZB entschlossen reagieren. „Aber im Moment wäre es eben ein Fehler, die Zinsen frühzeitig zu erhöhen und damit den Aufschwung zu bremsen, denn das würde im Wesentlichen zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führen und würde an der aktuell sehr, sehr hohen Inflation gar nichts mehr ändern können“, sagte Schnabel.

Vierte Corona-Welle könnte Preise dämpfen
Die aktuelle Abwärtskorrektur bei den Ölpreisen und die unausweichlichen neuen Kontakt-Einschränkungen in der vierten Corona-Welle dürften schon rasch preisdämpfend wirken, erwartet auch ZEW-Experte Heinemann. Ab Jahresbeginn 2022 geselle sich ein statistischer Bremseffekt hinzu, weil dann die Erhöhung der Mehrwertsteuer aus der Berechnung herausfalle. „So sicher das Absacken der Inflationsrate ab Jänner ist, so unklar bleibt, ob Deutschland in den kommenden zwei Jahren wieder mit Inflationsraten in einem Bereich von zwei Prozent rechnen kann“, sagte Heinemann. Das entscheide sich auch in den kommenden Tarifverhandlungen.

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