„The Comeback Special“

The The: Das Comeback der Underground-Legende

Musik
03.11.2021 06:00

Im Frühjahr 2020 wäre Matt Johnson zwar nicht an Corona, aber beinahe an einer Racheinfektion gestorben. Eineinhalb Jahre später ist der Frontmann und Chef der britischen Kultband The The 60 geworden, bei bester Gesundheit und wild bestrebt, seine ehemalige Truppe nach fast zwei Dekaden Pause mit Liveshows und einem Studioalbum wiederzubeleben. Bis es soweit ist veröffentlicht er mit „The Comeback Special“ ein würdiges Package und rekapituliert mit uns im Gespräch noch einmal Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Londoner Truppe, die niemals den Ruhm bekam, den sie früher eigentlich verdient hätte.

kmm

Mit dem Scheitern hochtalentierter britischer Musiker und Songwriter könnte man mehrere Bücher füllen. Etwa Fischer-Z aka John Watts, der sich trotz gegebener Möglichkeiten nichts vom kommerziellen Markt diktieren lassen wollte und lieber zu einer ewigen Underground-Perle gedieh. Oder Matt Johnson, der mit seinem Ein-Mann-plus-unterschiedliche-Mitstreiter-Projekt The The zwischen den 80er- und 90er-Jahren zu einem der profundesten und systemkritischsten Kreativen der britischen Insel gedieh. Der in East London aufgewachsene Querkopf trieb sich in seinen jungen Jahren hauptsächlich im mehr als 40 Jahre Familienbetrieb geführten Pub „The Two Puddings“ herum und bekam früh ein Gefühl für die Sorgen des Volkes und der Arbeiterklasse. Lange vor Brexit- und kruden Corona-Entscheidungsquerelen stand Großbritannien in den 80er-Jahren in der Thatcher-Ära vor einer tiefgreifenden Bevölkerungsspaltung, die Johnson auf Alben wie „Infected“, „Mind Bomb“ oder „Dusk“ schonungslos und ehrlich projizierte.

Irgendwo dazwischen
„Es ist schon interessant, wie sich die Regierungen von Thatcher und Boris Johnson in vielen Bereichen gleichen“, schlägt Johnson im „Krone“-Gespräch die Brücke in die Gegenwart, „so sehr ich Thatchers Politik immer verachtete, aber bei ihr war wenigstens klar, wohin die Reise geht. Johnson und sein Team bestehen aus inkompetenten Lügnern, Opportunisten. Die Reichen werden immer reicher, die Korruption ist schlimmer als je zuvor und die Menschen da draußen sind schon so abgestumpft, dass all das keinen mehr wirklich schockiert.“ Der 60-Jährige hat im gesetzteren Alter nichts von seiner Kritikfähigkeit und Meinungsstärke verloren und bedauert im Prinzip, dass die alten The-The-Alben im Prinzip auch nach mehr als 30 Jahren noch immer von zeitloser Relevanz sind. „Für ,Mind Bomb‘ musste ich extrem viel Kritik einstecken, weil die Leute in mir den allergrößten Verschwörungstheoretiker des Landes sahen“, lacht er, „heute nennen sie mich einen Propheten. Doch weder das eine, noch das andere stimmt. Ich habe meine Quellen schon damals außerhalb der breiten Masse gesucht und Themen aufgegriffen, die der Mainstream gerne ignoriert. Dahingehend hat sich bei mir absolut gar nichts verändert.“

Dass es The The anno 2021 überhaupt wieder gibt, ist ein mittelschweres Wunder. Nach dem eher ambivalent aufgenommenen 2000er-Album „NakedSelf“ hatte Johnson erst einmal alles gesagt und seine „Band“, die eigentlich eh immer ein Soloprojekt mit mehr oder weniger prominenten Mitstreitern war, auf Eis gelegt. Inzwischen lancierte er seine eigene Radioshow, verarbeitete den tragischen Tod seines älteren Bruders in der Dokumentation „The Inertia Documentations“ und half seinem anderen Bruder mittels Songwriting zum Soundtrack für dessen Filme. „In erster Linie bin ich ein Einzelgänger, das war schon beim 1981 erschienenen, allerersten Album ,Burning Blue Soul‘ so. Bei Filmen und Soundtracks muss man die Musik zur richtigen Stimmung oder der richtigen Szene kreieren, das ist auch eine einsame Arbeit. Ich habe mich dabei wohlgefühlt und nicht wirklich über The The nachgedacht.“ 2017 roch er dann Lunte. Zuerst kreierte er eine Single mit seinem langjährigen Kumpel und einstigem The-The-Teilzeitgitarrist Johnny Marr (The Smiths), dann trommelte er 2018 ein paar alte Weggefährten für drei Gigs in der Londoner Royal Albert Hall und Festivalauftritte zusammen.

Ein Herz für die Gegenwart
„Der Zeitpunkt war der richtige. In meinem Leben sind über die knapp zwei Jahrzehnte davor viele Dinge passiert und ich hatte nie wirklich Lust auf die Bühne. Viele Künstler touren, weil sie überleben müssen und nichts anderes mit sich anzufangen wissen. Für mich war das nie ein Thema. Ich musste erst wieder die Leidenschaft für meine Songs finden, um damit loslegen zu können.“ Gerade das Musikbusiness hat sich zwischen 2000 und 2018 fundamental verändert. Spotify statt Napster, Playlists statt gebrannter CDs, Touren statt physischer Albenverkäufe. Den „guten alten Zeiten“ jammert Johnson aber keineswegs nach. „Für einen unabhängigen Musiker wie mich, der sein eigenes Label und sein eigenes Studio hat, sind die Zeiten heute gut. Ich kann die Dinge lenken, wie ich es für richtig halte und bin auf keine große Plattenfirma angewiesen. Mit meinen derzeitigen drei Mitstreitern DC Collard, James Eller und Earl Harvin habe ich schon früher gearbeitet und wir verstehen uns prächtig. Es ist doch gut, mit der Zeit zu gehen und die Dinge zu verändern.“

Mit den Mitstreitern von The The über die letzten 40 Jahre könnte man mehrere Fußballmannschaften füllen, doch Johnson hat mit so gut wie allen ein wunderbares Auskommen. „Es gab selten böses Blut, aber ich wollte immer Veränderung. Die Leute wissen, worum es bei mir geht und haben das auch immer hingenommen.“ Neben Johnny Marr kooperierte Johnson unter anderem mit Neneh Cherry oder Sinéad O’Connor, doch der Boss war immer der stille Londoner mit dem Hang zum Eigenbrötlertum. Covid sei Dank wurde es dann doch nichts mit dem Schwung des Kurzzeitcomebacks, für anstehende Live-Shows von The The rüstet Johnson seine Fans jetzt aber mit einem ganzen Berg an Material. Auf „The Comeback Special“ kann man sich noch einmal am triumphalen Royal-Albert-Hall-Konzert aus 2018 laben, dazu gibt es einen Konzertfilm, diverse Outtakes und ein 136 Seiten starkes Art-Book, das wirklich keine Fragen offenlassen sollte. „Dieses Buch zusammenzustellen hat ordentlich Zeit veranschlagt“, lacht Johnson, „all die Arbeit hat sich aber mehr als ausgezahlt, weil so viele Menschen in dem Projekt involviert waren und alles gegeben haben.“

Viel zu sagen
Mit dem großen Projekt und einem amtlichen Comeback in der Hinterhand, hat Johnson wieder Lunte gerochen und ist bereit, The The zu einem zweiten Karrierestart zu verhelfen. „Für 2022 würde ich mit dem derzeitigen Line-Up gerne ein Studioalbum aufnehmen, das wäre zumindest der Plan. Ich bin extrem aufgeregt und motiviert, mit den Jungs zu arbeiten.“ Mit The The würde der politisch motivierte Musiker auch gerne wieder ein bisschen „Old School Musikfeeling“ zurückholen. „Ich finde die Gegenwart in der Musikindustrie ganz okay, was mich aber stört, ist das Nebenbeihören. Man hört heute Musik im Auto, beim Laufen und in jedem Shop eines Einkaufszentrums. Als ich jung war, musste man für jede Art von Musik Geld ausgeben und hat sie dann geschätzt. Heute hörst du einen Song zehn Sekunden und skippst, wenn es dir reicht. Ich weiß nicht, ob es damals besser war, es war aber in jedem Fall mystischer und magischer.“ Stoff für weiteres Material liefert ihm die Welt genug. „Ich bin heiß darauf, neue Songs zu schreiben, weil es so viel zu sagen gibt. Allerdings wähle ich einen positiven Ansatz. Wir befinden uns in einem finsteren Zeitalter, in dem die Leute unsicher, gestresst und unentspannt sind. Meine Aufgabe ist es, kritisch zu sein, aber aus einem lebensbejahenden Betrachtungswinkel heraus.“

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