Amoklauf in Stiwoll

4 Jahre danach: „Fall Felzmann ist ein Mysterium“

Steiermark
29.10.2021 06:01

Heute vor vier Jahren tötete Friedrich Felzmann im beschaulichen Stiwoll in der Weststeiermark zwei Nachbarn aus dem Hinterhalt. Der Steirer floh, sein Verschwinden ist bis heute ein großes Mysterium. Ein Polizist, der damals rasch vor Ort war, erinnert sich an den Fall.

Für Kontrollinspektor Erich Harrer von der Polizeiinspektion Hitzendorf ist der Vormittag des 29. Oktober 2017 ein normaler Arbeitstag, bis ihn und seinen Kollegen um 9.25 Uhr ein Funkspruch der Bezirksleitstelle erreicht. „Schüsse und Verletzte in Stiwoll Nr. 8!“

Harrer kennt die Adresse. Es ist die von Friedrich Felzmann. „Felzmann war ein schwieriger Charakter, aber bei meinen Amtshandlungen immer korrekt. Allerdings gab es auch immer wieder grenzwertige Äußerungen.“

Der Tatort des Amoklaufs von Stiwoll (Bild: Christian Jauschowetz)
Der Tatort des Amoklaufs von Stiwoll

Rasch war klar: Ein Amoklauf!
Harrer erkennt intuitiv aufgrund der Vorgeschichte und des Inhalts des Funkspruchs sofort den Ernst der Lage. Er und sein Kollege fahren sofort Richtung Stiwoll, wo sie sich am Hauptplatz mit drei ebenfalls alarmierten Kollegen treffen. Nach einer kurzen Besprechung wird die Situation als „besondere Lage“ eingestuft: Amoklauf! Die fünf Polizisten legen ihre schusssicheren Westen an und formieren sich vor der Einfahrt.

Kontrollinspektor Erich Harrer (Bild: Thomas Neffe)
Kontrollinspektor Erich Harrer

„Rechneten damit, unter Beschuss zu geraten“
Die Aufgabe der Einsatzkräfte ist es, so rasch wie möglich, aber gesichert vorzugehen. Behutsam tasten sich die Polizisten nach taktischen Vorgaben zum Gehöft der Familie Felzmann vor. Eigenschutz hat Priorität. Das gefährlichste Wegstück ist eine Senke vor dem Gehöft, die keine Möglichkeiten bietet, in Deckung zu gehen. Harrer und seine Kollegen rechnen jederzeit damit, selbst unter Beschuss zu geraten. „Das schärft natürlich die Sinne, man ist absolut fokussiert, gleichzeitig verliert man jedes Gefühl für Zeit.“

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Der Stresslevel ist so hoch, dass man das Umfeld komplett ausblendet, man arbeitet hochkonzentriert.

Erich Harrer

Ziel ist es, weitere Opfer zu verhindern und den Täter einzugrenzen oder zu verhaften. „In diesen Momenten hat man keine Zeit für Angst“, erklärt Harrer. „Der Stresslevel ist so hoch, dass man das Umfeld komplett ausblendet, man arbeitet hochkonzentriert.“

„Wir haben einfach nur unsere Arbeit gemacht“
Im vorderen Bereich des Areals finden die Polizisten zwei Personen reglos auf dem Boden. „Sie waren leider bereits tot.“ Die Beamten durchsuchen und sichern unter höchster Anspannung das Areal. Von Felzmann keine Spur. Dann folgt die Kontaktaufnahme mit der Familie, die den Hinweis auf das dritte Opfer gibt. Weitere Einsatzkräfte treffen ein, kümmern sich um die angeschossene Frau.

(Bild: APA/SIEGFRIED ULLRICH)

Was geht Harrer am vierten Jahrestag der Bluttat durch den Kopf? „Es war natürlich ein besonderer Einsatz, aber wir haben einfach nur unsere Arbeit gemacht.“

Nur wenige Stunden nach der Bluttat wird in der Gemeinde ein Einsatzstab eingerichtet. Führungskräfte aus allen Bereichen der Polizei beraten über die weitere Vorgehensweise. Generalmajor Manfred Komericky, stellvertretender Polizeidirektor und ehemaliger Cobra-Chef, ist einer davon: „Seit dem Amoklauf von Annaberg mit vier Toten (Niederösterreich, 2013, Anm.) ist die Polizei enorm sensibilisiert. In Annaberg hat der Schütze ja aktiv die Polizei bekämpft. Von einer ähnlichen Situation mussten wir auch in Stiwoll ausgehen.“

Der stellvertretende Landespolizeidirektor Manfred Komericky (Bild: Thomas Neffe)
Der stellvertretende Landespolizeidirektor Manfred Komericky

Die Ausgangslage ist schwierig. Die letzte verifizierte Sichtung von Felzmann war auf der Ausfahrtsstraße des Gehöftes. Danach verlieren sich die Spuren, Hinweise fehlen.

„Ortskenntnisse machten ihn brandgefährlich“
„Unser stärkster Verbündeter, der Hubschrauber, konnte wetterbedingt nicht starten, das hat wertvolle Zeit gekostet“, erinnert sich Komericky. Als der Hubschrauber am nächsten Tag aufsteigen kann, wird das Fluchtfahrzeug gefunden. Erschwerend für die Einsatzkräfte sind bei der Suche die hohen Sicherheitsvorkehrungen. Felzmanns Überlebenstraining im Wald und seine Ortskenntnisse machen ihn brandgefährlich. „Wir mussten mit allem rechnen, auch, dass er sich in einem Erdloch vergraben hat und jederzeit das Feuer auf die Einsatzkräfte eröffnen könnte.“

Das gesuchte Fahrzeug des mutmaßlichen Schützen von Stiwoll wenige Kilometer vom Tatort entfernt (Bild: APA/LPD STEIERMARK)
Das gesuchte Fahrzeug des mutmaßlichen Schützen von Stiwoll wenige Kilometer vom Tatort entfernt

Viele solcher Überlegungen flossen in die Fahndung ein, was den Einsatz natürlich träger erscheinen ließ. „Man sucht nach einem bewaffneten, gefährlichen Mann, nicht nach einem Abgängigen, von dem keine Gefahr ausgeht“, erklärt Komericky. Doch Felzmann bleibt bis heute spurlos verschwunden.

„Das Thema beschäftigt mich nach wie vor“
Die Polizei nimmt den Amoklauf zum Anlass, verbesserte Drohnen und mobile Einheiten mit spezieller Ausbildung und Bewaffnung für lebensgefährliche Gefahrenlagen zu entwickeln. Was Komericky über Felzmanns Verbleiben denkt? „Solange wir keine Leiche finden, gilt er als flüchtend und lebend. Aber auch für mich ist das Verschwinden ein Thema, das mich nach wie vor beschäftigt. In gewisser Weise ist es ja ein Mysterium.“

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