Minisex-Frontmann

„Wer jung bleiben will, muss jung sterben“

In den 1980er Jahren lieferte Rudi Nemeczek mit Minisex zahlreiche Hits. Warum er dem wilden Leben den Rücken zugekehrt hat, sein Sündenregister nicht voll ist, und er noch lange kein Abschiedskonzert plant, das hat er uns im persönlichen Gespräch verraten.

„Krone“: Herr Nemeczek, herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit.
Rudi Nemeczek: Vielen Dank. Wir sind zwar mittlerweile schon seit knapp einem Jahr verheiratet, aber wegen Corona haben wir erst jetzt unsere Hochzeit gefeiert. Die Hochzeit vergangenes Jahr fand im „Motto am Fluss“ statt. Gefeiert haben wir jetzt auf der „Summerstage“, also wieder am Donaukanal. Es war eine tolle Feier. Das ist das wichtigste Minikonzert, das wir je gespielt haben. Wir spielten es für meine große Liebe Dagmar und unsere beiden Söhne Dennis und Fabio.

Apropos wichtiges Konzert. Sie waren gerade mit Opus und Reinhold Bilgeri auf Abschiedstour. Ist das Kapitel Minisex damit beendet?
Absolut nicht. Das war ein Freundschaftsdienst. Wir haben Opus einfach unterstützt. Minisex wird so lange spielen, wie es möglich ist. Man kann heute aber auch mit 75 oder 80 noch auf der Bühne stehen.

Was treibt Sie dann zum Weitermachen an?
Wir haben jetzt gerade wieder im Chelsea ein Konzert gespielt. Richtig coole Show. Und das größte Kompliment: Die Hälfte der Zuschauer war jung, hat uns also nicht von früher gekannt. Alleine die Energie, die man bei einem Live-Auftritt zurückbekommt, hält einen aktiv.

An was liegt das?
Wir hatten das Glück, unsere Musik in den frühen 1980ern zu machen. Wir konnten viel ausprobieren, auch auf Deutsch. Und in dieser Zeit sind Songs entstanden, die im positiven Sinn heute einen Evergreen-Charakter haben. Das wirkt immer noch nach und wird von der Jugend immer wieder neu entdeckt. Diese New-Wave-Zeit hatte sicher eine gewisse Eloquenz, Frische und Unfrisiertheit, obwohl wir sicher auch kommerziell waren. Ich glaube, dass wir einfach moderne Musik gemacht haben, die die Zeit auch überdauert hat. Außerdem sind unsere Live-Auftritte auch – sehr frisch.

Wie halten Sie sich dafür in Form?
Naja, ich trink heute vor dem Auftritt halt einfach nur mehr zwei Achterl. Das waren früher eventuell auch mehr. Und während dem Konzert nur mehr Wasser. Unser Motto: „Famoser Krach und unvergessliche Melodien“. Das zeichnet Minisex aus.

Profitiert Ihr auch vom Trend zu deutschsprachiger Musik?
Absolut. Jetzt gibt es ja wieder sehr viele österreichische Musikerinnen und Musiker, die auch deutschsprachig sehr erfolgreich sind. Im Gegensatz zu den vergangenen zwei Jahrzehnten kann man jetzt bei aktueller Musik auch wieder mitsingen. Das hat auch unsere Musik ausgezeichnet, auch wenn es nur ein paar Zeilen sind.

War das Eure Erfolgsformel mit Minisex?
Also sicher nicht als universelle Formel. Aber wir haben frisch geklungen, hatten Erfolg und waren Teil der Szene. Unser Weg war, dass wir Hits und ein junges Publikum hatten. Unsere erste Tournee mit Falco hat sicher auch nicht geschadet. Das ist aber gleichzeitig der schwere Rucksack, den man immer herumträgt. Das war auch der Grund warum wir dann aufgehört haben. Es wurde uns irgendwann bewusst, dass wir es nicht schaffen werden, permanent Hits zu produzieren. Wir wollten einfach nicht in dieser Angst leben. Dann hab ich 15 Jahre eigentlich keine Musik gemacht und bin in die Werbung gegangen. Sicher nicht die schlechteste Entscheidung. Heute unterrichte ich Werbung und gebe mein Wissen an die Jugend weiter. So in der Art: Der alte Indianer erklärt, wie man das Lagerfeuer entfacht.

Aber es gibt ja jetzt auch wieder neue Musik.
Ja, seit zehn Jahren treten wir mit Minisex wieder auf. Ein paar Konzerte pro Jahr. Das reicht schon. Außerdem haben wir vor einigen Jahren auch neue Lieder veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit jungen Kollegen aus dem Bereich der Elektromusik. Witzig ist: Wenn ich das meinen Studenten erzähle, lachen immer alle. Denn die Kollegen, die ich als jung bezeichne, sind jetzt auch schon 50 Jahre alt.

Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Überhaupt nicht. Ich sag immer: Kampf dem Altersrassismus. Ich finde, auf das Alter kann man stolz sein. Natürlich hofft man, dass man möglichst gesund bleibt. Ich finde das Jammern über das Älterwerden entbehrlich. Wenn man ein Leben lang jung bleiben will, muss man jung sterben. Ich halte das eigentlich für wenig günstig. Ich finde das Leben und das Älterwerden großartig. Das heißt, dass man ja noch dabei ist. Man kann bei allem dabei sein. Man muss aber natürlich seinen Lifestyle so planen, dass man auch körperlich in der Lage ist. Ich hab leider viele Kollegen, wo das nicht so war. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und stehe dazu. Ich mach auch nicht diesen Selbstoptmierungswahn mit. Leute, die permanent zum Chirurgen laufen, sind vermutlich nicht glücklich. Man soll aufs Leben nicht vergessen.

Viele Ihrer Wegbegleiter werden uns also für immer jung in Erinnerung bleiben. Ihr habt mit Minisex in den 1980ern große Erfolge gefeiert. Jetzt war dieses Jahrzehnt nicht gerade für seinen verantwortungsvollen Umgang mit Rauschmittel bekannt. Waren Sie selbst nie in Versuchung?
Sagen wir mal so. Man hat viele Sünden begangen, aber ich habe zum Glück nicht alle begangen. Mein Sündenregister ist insofern nicht so gefüllt worden, als dass mein ganzer Body, meine Knochen und auch mein Mind nicht mehr intakt wären. Das finde ich schon sehr gut.

War das ein Lernprozess?
Wenn man jung ist, dann geht man natürlich Risiken ein. Wenn man aber merkt, dass es körperlich oder in der Psyche wehtut, dann sollte man vielleicht etwas kürzer treten. Man muss ja nicht alles sofort einstellen, aber mal den Schnaps wegzulassen, kostet nicht viel. So habe ich es auch mit dem Rauchen gehalten. Ich habe viel geraucht. Aber irgendwann einmal habe ich gesagt, eigentlich mag ich nicht mehr. Dann hab ich vor knapp 20 Jahren von einem auf den anderen Tag aufgehört zu rauchen. Es war eine Entscheidung für die Gesundheit.

Ist das auch der Grund, warum Sie sich von Social Media oder dergleichen fernhalten?
Ich halte diese oberflächliche Welt für wenig charmant. Das gaukelt den Menschen ein Ideal vor, dass unrealistisch ist. Die ganzen Influencer sind ja wandelnde Shopping-Kanäle. Das brauche ich nicht, außerdem kenn ich mich nicht so gut damit aus. Von mir wird man also kein TikTok-Video bekommen. Aber ich bin kein Digital-Verweigerer. Ich sehe das aber differenzierter. Ich sehe es als Lebensqualität, wenn ich bewusst auf digitale Dinge verzichten kann, der Weg zur Bank entspannt mich. Es ist mein Luxus, den ich mir gönne, wenn ich manchmal bewusst auf analoge Mittel zurückgreife. Ich muss nicht überall dabei sein, dennoch weiß ich, dass es gerade für viele junge Musiker ganz essenziell ist, auf diesen Plattformen dabei zu sein.

Haben sich die Prioritäten geändert?
Natürlich. Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, also meine Frau, unsere Söhne und Enkel. Dann kommen die Musik und die Natur. Das ist mein Beziehungsdreieck. Wenn dann auch noch die Menschen auf dieser Welt ein wenig netter zueinander wären und sich weniger den Kopf einhauen und Gier an den Tag legen würden – dann wäre ich total glücklich. Davon sind wir aber vermutlich noch weit entfernt.

Setzen Sie sich daher auch immer wieder für karitative Zwecke wie das Hilfswerk ein?
Diese Nähe gibt es schon lange. Die Menschen dort leisten extrem wichtige Arbeit, wie natürlich auch die vielen anderen Institutionen. Das muss man einfach unterstützen. Am 16. November treten wir zum Beispiel mit Christoph & Lollo im Metropol auf. Der Erlös des Konzerts kommt sozialen Projekten der Wiener Hilfswerk-Nachbarschaftszentren zugute. Würde mich freuen, wenn ich dort viele alte und neue Fans sehen würde.

Von
Philipp Stewart
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Sonntag, 05. Dezember 2021
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