01.03.2011 09:33 |

Gegen Assimilation

Erdogan-Rede in Deutschland sorgt weiter für Wirbel

Nach der umstrittenen Rede des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan in Düsseldorf reißt die Kritik nicht ab. Erdogan hatte sich am Sonntag vor 10.000 Landsleuten für Integration, jedoch gegen Assimilation ausgesprochen. Niemand werde in der Lage sein, die Türken von ihrer Kultur loszureißen: "Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber zuerst müssen sie Türkisch lernen." Mit Martin Schulz kritisierte nun nach Union und FDP auch erstmals ein ranghoher SPD-Politiker Erdogan.

Erdogan hatte in seiner Rede zur Integration der in Deutschland lebenden Türken aufgerufen und Zuwanderer auch zum Erlernen der deutschen Sprache aufgefordert - zugleich wandte er sich aber erneut entschieden gegen eine Assimilation, also eine völlige Anpassung.

Erdogan: "Erst Türkisch, dann Deutsch"
Am Montag bekräftigte er in einem RTL-Interview seine Positionen. "Die Menschen aus meinem Land müssen sich in die deutsche Gesellschaft integrieren, das ist ein Muss", sagte Erdogan. Deutschland müsse aber auch Sprache, Religion und Kultur der hier lebenden Türken respektieren. Türkische Kinder in Deutschland müssten die Möglichkeiten haben, Türkisch zu lernen, um anschließend "gut Deutsch lernen zu können". "Also, erst die Muttersprache, dann die Zweitsprache, das ist der Weg", so Erdogan. Mit einer ähnlichen Position hatte er schon bei seinem Deutschlandbesuch vor drei Jahren Streit ausgelöst.

SPD: "Sicherlich kontraproduktiv"
"Was Erdogan macht, hat wenig mit Integration in Deutschland zu tun, aber viel mit Propaganda in der innertürkischen Debatte", sagte der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament und SPD-Vorstandmitglied Schulz am Dienstag. Erdogans Auftritt in Düsseldorf sei "unangemessen" gewesen. Es könne nicht sein, dass Erdogan Wahlkampf in Deutschland betreibe. "Für einen EU-Beitritt der Türkei ist Erdogans Politik sicherlich kontraproduktiv", sagte der Europa-Politiker.

Auch Schulz stellte sich gegen die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten, dass die Kinder türkischer Migranten in Deutschland zuerst die türkische und dann erst die deutsche Sprache lernen sollten: "Wer türkischen Kindern nicht empfiehlt, in dem Land heimisch zu werden, in dem sie leben, schadet ihnen."

Union: "Bemerkenswerter Vorgang"
Auch CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt kritisierte die Erdogan-Äußerungen scharf. Es sei ein "bemerkenswerter Vorgang", wenn ein ausländischer Staatschef nach Deutschland komme und die Gelegenheit wahrnehme, um seine Landsleute "aufzuwiegeln", sagte er am Montag. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Integration der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stefan Müller, warf Erdogan vor, er missbrauche die türkischstämmigen Menschen in Deutschland für seine eigenen Interessen. Bundeskanzlerin Angela Merkel bewertete die Aussagen Erdogans hingegen zurückhaltend.

FDP: "Empörend und inakzeptabel"
Weitere Kritik kam von FDP-Generalsekretär Christian Lindner. "Die deutsche Sprache ist die Geschäftsgrundlage für unser gemeinsames Miteinander in Deutschland", sagte Lindner am Dienstag. "Es ist empörend und inakzeptabel, dass Herr Erdogan die Souveränität unseres Landes und der Menschen, die hier leben, infrage stellt."

Türkische Gemeinde: "Nicht richtig"
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, distanzierte sich ebenfalls von Erdogan. "Ich finde es nicht glücklich und nicht richtig, dass Erdogan auf diese Weise Wahlkampf macht", sagte Kolat. Integrationsfragen würden in Deutschland mit den hier lebenden Türken entschieden und nicht in der Türkei.

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