10.07.2021 10:30 |

Arbeit,Psyche & Corona

Digitale Anstrengung für Körper und Geist

Online macht irrsinnig müde. Ob Videocalls, Webinare oder Yogasessions: Seit Corona verbringen wir noch mehr Zeit vor dem Bildschirm. Warum uns das massiv erschöpft und was wir dagegen tun können.

Seit über einem Jahr nehmen wir an unzähligen Webinars, Online-Konferenzen, virtuellen Kaffeezimmern oder Yogastunden teil. Mittlerweile aber landen Einladungen zu solchen Events oft auch im Papierkorb. Kein Wunder: Schließlich haben viele von uns die vergangenen Monate fast ausschließlich im Homeoffice verbracht. Und wenngleich sich wieder eine Art Normalität breitmacht, die sogenannte „Zoom-Fatigue“ ist geblieben. Fatigue ist der medizinische Fachausdruck für das chronische Ermüdungssyndrom - wobei Zoom-Fatigue nicht mit dem Erschöpfungssyndrom nach Corona zu verwechseln ist. Es sei auch erwähnt, dass es nicht nur nach einem Online-Meeting der Konferenz-Plattform „Zoom“ zu einer andauernden Müdigkeit kommt, sondern dass sie generell durch die vielen Stunden vor dem Bildschirm auftritt.

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Online fixiert man immer den Bildschirm, weil man ansonsten als unaufmerksam gelten könnte. Das ist anstrengend und erzeugt im Übrigen auch eine Nähe, die man beim persönlichen Face-to-Face-Kontakt niemals hat

Maria Rehberger

Prof. Jeremy Bailenson vom Virtual Human Interaction Lab der Stanfort University (USA) hat sich mit dieser Problematik in seiner Studie „Nonverbal Overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue“ eingehend auseinandergesetzt und vier mögliche Gründe herausgefunden: So halten wir während eines Online-Meetings beispielsweise stets Augenkontakt. Dass dies ein enormer Stressfaktor sein kann, weiß auch Arbeitspsychologin Dr. Maria Rehberger: „Bei einer Besprechung im Büro wandert der Blick hin und wieder im Raum umher, man schaut aus dem Fenster oder auf seine Notizen. Online fixiert man immer den Bildschirm, weil man ansonsten als unaufmerksam gelten könnte. Das ist anstrengend und erzeugt im Übrigen auch eine Nähe, die man beim persönlichen Face-to-Face-Kontakt niemals hat.“

„Spiegelangst“
Damit nicht genug sehen wir uns bei Videocalls ständig selbst, was laut Bailenson ebenfalls Stress erzeugt. Laut einer weiteren Studie, die die Stanfort University zusammen mit der schwedischen Universität Göteborg durchgeführt hat, haben vor allem Frauen ein Problem mit der sogenannten „Spiegelangst“. Laut den Wissenschaftlern hat das kleine Fenster im Videocall einen ähnlichen Effekt wie ein Spiegel und kann mitunter dazu führen, dass Frauen negative Gedanken entwickeln, während sie sich ständig selbst sehen müssen.

Hinzukommt, dass wir uns bei Online-Meetings kaum bewegen - man könnte ja aus dem Bild fallen. Last but not least fehlt die nonverbale Kommunikation komplett, sodass man sich diverser Gesten bedienen muss: vom Daumen hoch oder runter bis zum fast schon übertriebenen Kopfnicken. All das führt dazu, dass wir uns nicht ausschließlich auf die eigentliche Arbeit bzw. den Inhalt des Meetings konzentrieren können. In der Folge erhöht sich die kognitive Leistung und es wird eine überaus intensive Aufmerksamkeits- sowie Erregungssituation erzeugt, die bei einem normalen Meeting nie erreicht wird.

Beanspruchung für Körper und Geist
Dass im vergangenen Jahr nur wenige Wege an Videocall, Online-Meeting und Co. vorbeigeführt haben und dies durchaus auch Vorteile hat, ändert nichts an der Tatsache, dass Körper und Geist erheblich beansprucht werden. Und da wir trotz „neuer Normalität“ künftig viel Zeit online verbringen werden, braucht es in jedem Fall Wege, deren ermüdende Faktoren zu minimieren.

Entsprechend sollte man beispielsweise das Konferenz-Fenster nicht auf komplette Bildschirmgröße stellen, um die virtuelle Nähe zu verringern. Zusätzlich kann man so viel Abstand wie möglich zum Bildschirm halten. Überdies gilt die aktive Sprecheransicht im Vergleich zur Kachelansicht, wo man mehreren bzw. allen Gesichtern gleichzeitig gegenübersitzt, als weniger ermüdend. Wer sich selbst nicht andauernd sehen möchte, soll jenes Fenster verbergen. Und Psychotherapeutin Rehberger rät außerdem, „sich während eines Online-Meetings regelmäßig zu bewegen, die Sitzposition zu ändern oder auch einmal aufzustehen. Und schalten Sie, wenn erlaubt, hin und wieder die Kamera aus oder sich selbst auf stumm.“

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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