Tote und Verletzte
Mubarak-Mob mischt in Kairo Regimegegner auf
Laut dem Gesundheitsministerium kamen bei den blutigen Auseinandersetzungen in der Nacht fünf Menschen offenbar durch Schüsse ums Leben. Die Armee hat am Donnerstag versucht, die andauernden Straßenschlachten in Kairo zu beenden. Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren schoben sich zwischen beide Gruppen und versuchten, eine Pufferzone zu schaffen. Damit gab das Militär erstmals seit dem Ausbruch der Gewalt seine passive Haltung auf.
Trotzdem lieferten sich im Zentrum der Hauptstadt Anhänger und Gegner Mubaraks erneut heftige Auseinandersetzungen. Zu den Zusammenstößen kam es in einer Seitenstraße des Tahrir-Platzes. Die Mubarak-Anhänger hatten Säcke mit Steinen herangeschafft, um die Regierungsgegner damit zu attackieren.
Überall Verwundete
Am Mittwochabend waren Augenzeugen zufolge auf der Oktober-Brücke in der Nähe des Tahrir-Platzes, wo Mubaraks Anhänger versammelt waren, Schüsse zu hören. Der US-Sender CNN berichtete, dass dabei auch schwere Maschinengewehre verwendet wurden. Überall gab es demnach Verwundete. Ein Reporter sagte, Ärzte behandelten Verletzte direkt auf der Straße, nähten ihre Wunden.
Bereits zuvor hatte es erbitterte Straßenschlachten gegeben, nachdem Schlägertrupps und knüppelschwingende Reiter auf Kamelen und Pferden in die zunächst friedlich demonstrierende Menge gestürmt waren. Mubarak-Anhänger und Regierungskritiker lieferten sich daraufhin, bewaffnet mit Molotow-Cocktails, Steinen und anderen Gegenständen, blutige Kämpfe. Das Militär setzte schließlich Wasserwerfer ein, um das Treiben zu beenden.
Amnesty International: Gewalt ist inszeniert
Schwere Vorwürfe hat Amnesty International am Donnerstag gegen die ägyptischen Behörden erhoben. Die Menschenrechtsorganisation wirft diesen vor, die Gewalt zu inszenieren, "um ein Ende der Proteste gegen die Regierung zu erreichen" und wieder die Kontrolle übernehmen zu können. Die Zusammenstöße der Protestierenden passe demnach in ein geläufiges Schema politischer Gewalt in Ägypten. Schon in der Vergangenheit seien Demonstrationen auf ähnliche Weise unterdrückt und aufgelöst worden. Bei früheren Wahlen hatte die Organisation dokumentiert, wie "angeheuerte Schläger von den ägyptischen Behörden genutzt wurden, um Wähler einzuschüchtern und die Versammlungen politischer Gegner aufzulösen".
ElBaradei-Appell an Armee
Angesichts der Exzesse forderte Oppositions-Vertreter und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei die Armee auf, weitere Angriffe der Mubarak-Anhänger auf die Demonstranten zu unterbinden. Die Armee müsse eingreifen, um das Leben ägyptischer Bürger zu schützen, sagte ElBaradei in einem TV-Interview. "Es gibt eindeutige Beweise, dass die Polizei ihre Männer in Zivilkleidung auf die Demonstranten gehetzt hat", sagte der Friedensnobelpreisträger.
USA versuchen zu vermitteln
Inmitten der Krise suchen die USA weiter Einfluss auf die Regierung in Kairo zu nehmen. Am Mittwoch telefonierte US-Außenministerin Hillary Clinton mit dem neuen ägyptischen Vizepräsidenten Omar Suleiman, Verteidigungsminister Robert Gates sprach mit seinem Amtskollegen in Kairo. Es sei der dritte Kontakt des Pentagon-Chefs mit Mohammed Hussein Tantawi innerhalb weniger Tage gewesen, hieß es. Clinton habe indes von Suleiman eine Untersuchung der Übergriffe in Kairo verlangt.
Die Außenministerin habe dabei abermals die Gewalt verurteilt und die Verantwortung der ägyptischen Regierung betont, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sagte Außenamtssprecher Philip Crowley. Er wiederholte den Standpunkt der US-Regierung, wonach der politische Übergangsprozess sofort beginnen müsse. "Morgen ist nicht gut genug", sagte Crowley. Es müssten "sobald wir möglich" Wahlen stattfinden. "Wir wollen einen glaubwürdigen Prozess sehen, der zu freien, fairen und legitimen Wahlen führt."
Indes trat Frank Wisner, der Sondergesandte von Präsident Barack Obama und früherer US-Botschafter in Ägypten, wieder die Heimreise an. Wisner war am Wochenende nach Kairo geschickt worden, um Mubarak die Erwartung Washingtons zu unterbreiten, dass er sich nicht um eine weitere Amtszeit bewerben sollte. Obama drängte Mubarak in einem Gespräch zum sofortigen Rückzug. Das Außenministerium in Kairo entgegnete darauf, es sei "nicht akzeptabel, dass ausländische Offizielle den sofortigen Beginn der Übergangsphase fordern".
Große internationale Besorgnis
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief beide Seiten zur Zurückhaltung auf. Er sei über die anhaltende Gewalt zutiefst besorgt, sagte Ban in London. "Jeder Angriff auf friedliche Demonstranten ist nicht hinnehmbar, und ich verurteile ihn auf das Schärfste."
Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte die ägyptische Regierung auf, die Verantwortlichen der Gewaltorgien vor Gericht zu stellen. Sie rief die Führung in Kairo erneut auf, rasch den Weg zu demokratischen Reformen und einem politischen Wechsel mittels freier Wahlen zu beschreiten. Auch die fünf großen EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien äußerten sich in einer gemeinsamen Erklärung dahingehend.
Weitere Österreicher evakuiert
Unterdessen hat das österreichische Bundesheer wieder Touristen aus Ägypten ausgeflogen. Eine Transportmaschine vom Typ C-130-Hercules aus Luxor kommend landete um 23 Uhr am Mittwochabend am Wiener Flughafen. An Bord der Maschine waren 62 Passagiere - 59 Österreicher, zwei Australier und ein Deutscher.
Nun sollen die restlichen ausreisewilligen Staatsbürger auf fünf Flügen untergebracht werden. Die Zahl der in Ägypten verbliebenen österreichischen Touristen bezifferte Außenamtssprecher Peter Launksy-Tieffenthal am Donnerstag mit 1.000 Personen, knapp 100 davon seien "ausreisewillig". Man bemühe sich, diese auf einem Linienflug der AUA von Kairo nach Wien und insgesamt vier Charter-Flügen, durchgeführt von Lauda Air, Flyniki und der AUA, von Hurghada, Sharm-el-Sheik und Luxor nach Wien, unterzubringen.
Nachdem diese Flüge wieder in Österreich gelandet seien, werde man entscheiden, ob es notwendig sei, ein "eigenes Flugzeug zu schicken" oder ob die restlichen zur Ausreise bereiten Urlauber mit fünf weiteren, für Samstag geplanten Flügen evakuiert werden könnten, erklärte Launsky-Tieffenthal. Ein Flieger des Bundesheeres stehe zudem auf "Stand-by". Ob die Hercules C-130 ein drittes Mal nach Ägypten aufbrechen wird, soll erst entschieden werden.











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