13.06.2021 06:00 |

Trauer am Vatertag

Papa durch Corona verloren: „Er ist immer bei mir“

Für den 22-jährigen Lukas Mattei aus Vorarlberg ist am heutigen Sonntag ein besonders trauriger Tag. Sein geliebter Vater starb vor wenigen Monaten an Corona. Eine Tragödie, die das Leben des Studenten, seiner Mutter und seiner Schwester völlig verändert hat: „Weil uns mein Papa so entsetzlich fehlt.“

Wenn Lukas Mattei an den Vatertag 2020 denkt, füllen sich seine Augen mit Tränen. „Meine Mama, meine Schwester und ich“, erinnert sich der junge Mann, „gaben meinem Papa morgens kleine Geschenke, nach dem Frühstück machten wir einen Ausflug. Und keiner von uns hätte gedacht, dass ein paar Monate später diese grauenhafte Tragödie geschehen würde.“

„Ich dachte zunächst nichts Schlimmes“
Durch Corona. „Meine Familie und ich hatten das Virus von Beginn der Pandemie an sehr ernst genommen, sämtliche Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln eingehalten. Aber dass einer von uns daran sterben könnte, glaubten wir nicht. Betagte Menschen und solche mit schweren Vorerkrankungen, hieß es ja, seien die Risikogruppen.“

Andreas Mattei war 57, Ehefrau Birgit - damals - 49, Tochter Lisa 20, der Sohn 21: „Wir alle galten als kerngesund. Überhaupt: Mein Papa war ja nicht alt – und topfit. Nichtraucher, ein begeisterter Sportler.“ Fast seine gesamte Freizeit habe der Vorarlberger Raiffeisenbank-Prokurist mit Rad- und Bergtouren verbracht.

„Und nein, ich war auch nicht besonders ängstlich“, erzählt Lukas, „als ich im vergangenen Herbst, Anfang November, von der Covid-Infektion meiner Mutter erfuhr.“ Die Sekretärin hatte sich vermutlich bei einer Freundin angesteckt. Zunächst habe sich seine Mama bloß ein wenig abgeschlagen gefühlt, „trotzdem ließ sie sofort einen PCR-Test machen.“ Ergebnis: positiv. Rasch traten dann ärgere Symptome ein: „Sie bekam Husten und Fieber.“

Der mittlerweile 22-Jährige war zu diesem Zeitpunkt in seiner Wohnung in Wien: „Ich studiere da Theologie und Geschichte, meine Schwester Sinologie. Sie war aber gerade zu Hause, in Lustenau.“

„Seine Beschwerden wurden schnell ärger“
Jedenfalls: Mit Birgit Mattei mussten natürlich der Ehemann und die Tochter in Heimquarantäne. „Ich telefonierte oft mit ihnen. Und obwohl unser Haus sehr geräumig ist und die drei sich total voneinander abschotteten, konnte es geschehen, dass sich Lisa infizierte. Die Krankheit verlief bei ihr ähnlich wie bei meiner Mama. Und als beide beinahe schon gesund gewesen sind – erwischte es meinen Papa.“

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Mein Vater war doch nicht alt – und topfit. Ich hätte niemals geglaubt, dass er so schwer an dem Virus erkranken könnte.

Lukas Mattei

In einer stärkeren Form: Zusätzlich zu Fieberschüben und Husten hatte er Kopfweh und Durchfall. Beschwerden, die zunehmend dramatischer wurden: „Am Tag vier rief meine Mama deshalb bei der Corona-Hotline an, eine Ärztin kam zu meinem Vater und untersuchte ihn. Seine Sauerstoffsättigung war nicht gut.“ Die Medizinerin riet daher – „sicherheitshalber“ – zu einer Einlieferung ins Bregenzer Krankenhaus: „Dort, in der Covid-Normalstation, schien es ihm zunächst besser zu gehen, bei Handygesprächen machte er – wie es seine Art war – sogar schon wieder Späße.“

Aber drei Tage später verschlechterte sich sein Zustand plötzlich rapide, Andreas Mattei musste in die Intensivstation verlegt und künstlich beatmet werden. „Er war dabei wach, meine Mama durfte ihn besuchen, er klagte über entsetzliche Schmerzen, schwitzte stark.“ Weswegen schließlich beschlossen wurde, den Mann in künstlichen Tiefschlaf zu versetzen.

Weiterhin ging es mit ihm bergab. „Unsere Sorgen um ihn waren demnach groß. Irgendwann wurde meiner Schwester, meiner Mutter und mir erlaubt, gemeinsam zu ihm zu gehen. Ihn hilflos in seinem Krankenbett liegen zu sehen war schrecklich. Und wir sind so froh gewesen, als uns die Ärzte diese Hoffnung gaben.“ Der Banker, meinten sie, sei körperlich – trotz seiner massiven Infektion – in einer stabilen Verfassung, „angeblich in der besten von allen Corona-Patienten der Klinik“. Deshalb sei er für eine spezielle Behandlung ausgewählt worden.

„Er sollte eine neue Lunge bekommen“
Man wolle ihn der ECMO-Therapie unterziehen, an eine Maschine anschließen, mit welcher außerhalb des Körpers Blut mit Sauerstoff angereichert und danach zurückgeleitet wird. Allerdings gebe es bloß wenige solcher Geräte in Österreich und lediglich in zwei Spitälern – in der Uniklinik Innsbruck und im Wiener AKH. „In Letzterem war eine Maschine frei, mein Papa wurde also in einer fahrenden Intensivstation dorthin gebracht.“ Wo die Mediziner der Familie ebenfalls vorerst vermittelten – alles würde bald gut.

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Ihn hilflos in seinem Krankenbett liegen zu sehen war schrecklich. Und wir waren so froh, als Ärzte uns Hoffnung gaben.

Der Sohn über die Zeit im Spital

„Doch dem war nicht so. Weshalb schließlich eine Lungentransplantation angedacht wurde.“ Letztlich ist es auch dafür zu spät gewesen. „Am 27. Dezember erfuhren wir, dass mein Papa bald sterben würde und wir uns nun von ihm verabschieden sollten.“ Für Lukas Mattei, seine Schwester und die Mutter folgten „die schlimmsten Stunden unseres Lebens“.

Der 22-Jährige erinnert sich: „Wir standen vor meinem Papa, sein Gesicht war eingefallen, die Haut fahl, das Haar schütter - er sah so anders aus. Und er ist an unzählige Maschinen angehängt gewesen. Wir küssten und streichelten ihn, wir hielten seine Hände. Wir weinten. Und wir redeten und redeten zu ihm.“„Wir zündeten für ihn eine Kerze an“Was sagte der Sohn zu dem Sterbenden? „Dass er mir immer der beste Vater der Welt gewesen ist. Dass ich ihn unendlich liebe. Dass ich mir ein Dasein ohne ihn nicht vorstellen kann.“

Und danach? „Fuhren wir in die Innenstadt, gingen an dem Lokal im Bermuda-Dreieck vorbei, in dem sich meine Eltern vor 25 Jahren bei einer beruflichen Schulung kennengelernt hatten - und dann zündeten wir im Stephansdom eine Kerze für meinen Papa an.“ Minuten später - der Anruf aus dem Spital. Andreas Mattei sei tot.

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An seinem Sterbebett sagte ich ihm, dass er mir der beste Vater der Welt war. Und dass ich ihn unendlich liebe.

Lukas Mattei über das "letzte Gespräch"

„Im Himmel werden wir uns wiedersehen“
Die Wochen und Monate darauf - „waren surreal. Ich wusste, dass mein Papa von der Erde gegangen war. Doch ich konnte diese fürchterliche Wahrheit nicht annehmen, nicht begreifen.“ Das Verstehen, es kommt langsam - und damit bedrückende Trauer. Und der quälende Gedanke daran, „dass für meinen Vater die Impfung zu spät kam. Dass er noch leben würde - wenn im vergangenen Jahr schon Vakzinierungen möglich gewesen wären.“

Der einzige Trost des 22-Jährigen in seinem immensen Leid: „Ich spüre, dass mein Papa irgendwie dauernd bei mir ist. Und ich glaube daran, dass wir uns im Himmel wiedersehen werden“ Wie Lukas Mattei den Vatertag verbringt? „Auf dem Friedhof.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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