Rabbiner und Imam:

„Das Miteinander ist ein religiöses Gebot“

Wien
06.06.2021 09:00

Rabbiner Schlomo Hofmeister und Imam Ramazan Demir setzen sich für sozialen Zusammenhalt ein. Mit der „Krone“ sprachen sie über ihr Schulprojekt, ihre Freundschaft, Vorurteile und die Islamlandkarte.

„Krone“: Eigentlich sollte an Ihrer Freundschaft nichts ungewöhnlich sein, und trotzdem ist sie bis heute nicht selbstverständlich. Wie ist sie entstanden?
Schlomo Hofmeister: Wir haben uns 2014 im Rahmen eines Fotoprojekts kennengelernt. Es ging darum, plakativ einen Pfarrer, einen Rabbiner und einen Imam zu porträtieren. Aus diesem Projekt entstand die Freundschaft.
Ramazan Demir: Das Projekt trug den Titel: „Die Kinder Abrahams“. Das verbindet uns ja, dass wir in Wirklichkeit Geschwister sind.
Hofmeister: Es ist die Verwandtschaft der drei Weltreligionen durch Abraham, die immer vernachlässigt wird, wenn sich Religionen voneinander abgrenzen. Ein Kulturkampf - die einen gegen die anderen, wir gegen die, die gegen uns - ist aufgrund der Tatsache, dass unsere Religionen die gleiche Wurzel haben, absurd.
Demir: Wir zeigen die Gemeinsamkeiten und sensibilisieren für Unterschiede.

Imam Ramazan Demir, Rabbiner Schlomo Hofmeister und „Krone“-Redakteurin Maida Dedagić im Gespräch (Bild: zwefo)
Imam Ramazan Demir, Rabbiner Schlomo Hofmeister und „Krone“-Redakteurin Maida Dedagić im Gespräch

Das machen Sie im Zuge des Schulprojektes „Botschafter des sozialen Friedens“, für das der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig jetzt als Schirmherr vorsteht.
Demir: Genau, unsere Freundschaft sorgt da auch immer für einen Aha-Effekt.
Hofmeister: Es gibt Probleme, und es geht uns vor allem um Prävention. Die muslimischen und jüdischen Schüler haben genauso wie die christliche Mehrheit Vorurteile. Immer wieder taucht zum Beispiel die Frage auf, was Juden unter der Kippa tragen oder warum Juden keine Steuern zahlen. Da begegnen wir mit Humor und Aufklärung.
Demir: Oder die Frage nach koscher und halal. Ich sage immer, es geht um gegenseitigen Respekt.
Hofmeister: Mit dem Projekt wollen wir als Vertreter des Mainstreams vor Radikalisierung bewahren.
Demir: Für uns ist Integration ein Wir-Gefühl. Miteinander gut auszukommen ist religiös begründet.
Hofmeister: Das Miteinander ist nicht nur eine Frage des gesunden Menschenverstands, sondern ein religiöses Gebot. In allen Religionen!

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Das Miteinander ist nicht nur eine Frage des gesunden Menschenverstands, sondern ein religiöses Gebot. In allen Religionen!

Rabbiner Schlomo Hofmeister

Dem Integrationsministerium wird oft das Gegenteil, die Spaltung, vorgeworfen, zuletzt bei der Islamlandkarte. Wie sehen Sie das Projekt?
Demir: Das Problem ist, dass da alle Moscheen und Vereine auf der Seite der Dokumentationsstelle für Politischen Islam erscheinen. Damit stehen alle unter Generalverdacht, obwohl die Mehrheit friedlich ist. Identitäre haben die Karte bereits vereinnahmt. Was, wenn etwas passiert?

Präsentation der Islamlandkarte mit Integrationsministerin Susanne Raab (Bild: APA/GEORG HOCHMUTH)
Präsentation der Islamlandkarte mit Integrationsministerin Susanne Raab

Was wäre Ihr Wunsch an das Integrationsministerium?
Hofmeister: Ich würde mir einen regelmäßigen Runden Tisch mit allen Religionsvertretern wünschen, um sicherzustellen, dass die Sorgen der Menschen im Ministerium tatsächlich bekannt sind.
Demir: Ich würde mir wünschen, dass das Ministerium diesen Weg gemeinsam mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft geht, dass man Dinge beim Namen nennt, anstatt Begriffe wie Politischer Islam irgendwie zu verwenden, ohne sie klar zu definieren. Wir alle wollen unsere Kinder vor Radikalität beschützen. In Österreich leben über 800.000 Muslime. Nur der gemeinsame Weg kann erfolgreich sein.

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Wir alle wollen unsere Kinder vor Radikalität beschützen. Nur der gemeinsame Weg kann erfolgreich sein.

Imam Ramazan Demir

Der Begriff Politischer Islam fiel etwa wieder nach den propalästinensischen Demos, die in Wien durch antisemitische Parolen schockierten.
Hofmeister: Der Nahostkonflikt wird traditionell für politische Interessen instrumentalisiert. Für keinen einzigen Konflikt der Geschichte war jemals Religion der wahre Grund. Die Religion wurde aber regelmäßig politisch missbraucht, um die Massen zu mobilisieren. Das Skandieren von antisemitischen Parolen hat sich durch die Corona-Demos seinen Weg gebahnt.
Demir: Es ist unsere religiöse Pflicht, jegliche Art von Hass und Feindseligkeiten zu verurteilen, das gilt für Antisemitismus, für Islamfeindlichkeit und für jede Art von Rassismus!

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Der Nahostkonflikt wird traditionell für politische Interessen instrumentalisiert.

Rabbiner Schlomo Hofmeister

Herr Demir, als ehemaliger Lehrer, Gefängnisseelsorger und Imam, wie ist Radikalisierung zu verhindern?
Demir: Es gibt verschiedene Beweggründe, warum sich eine Person radikalisiert. Diskriminierung ist ein Grund, oder Jugendliche, die keine Anerkennung bekommen. Das Gefängnis ist leider eine Brutstätte für Radikalisierung. Gerade Seelsorge kann hier dagegensteuern und Präventionsarbeit leisten.

Was haben Sie durch Ihre gemeinsame Präventionsarbeit und Freundschaft voneinander lernen können?
Demir: Wir lernen so viel voneinander und entwickeln uns jeden Tag weiter.
Hofmeister: Und darum geht es. Wir müssen immer an uns arbeiten und uns weiterentwickeln. Es gibt keinen schlechteren Wunsch, als zu sagen: Bleib so, wie du bist.

Maida Dedagic
Maida Dedagic
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