04.04.2021 09:55 |

Vorarlberg spricht

Ein Fest der Hoffnung und des Miteinanders

Caritasdirektor Walter Schmolly über wiederentdeckte Osterrituale aus der eigenen Kindheit, Herausforderungen durch die Coronapandemie und wie ein neues Miteinander nach der Krise aussehen könnte.

Krone: Herr Schmolly, Ostern ist ja das Fest der Auferstehung. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Schmolly: Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, das aber nicht erst nach dem Tod anfängt. Die Auferstehung hat sehr viel mit dem Leben vor dem Tod zu tun. Dieses Leben hat eine Tiefe, eine Lebendigkeit und eine Kraft in sich, die im Tod nicht einfach verloren geht. Was unser Leben jetzt ausmacht - das ist mein Glaube an die Auferstehung - das wird gewissermaßen vollendet und abgerundet und gibt dann diesen einen Moment der Ewigkeit ab, der die Auferstehung ist. Die Liebe trägt von Anfang an die Ewigkeit in sich.

Wie feiern Sie und Ihre Familie dieses Jahr Ostern?
Es wird etwas anders sein. In den Jahren vor Corona war Ostern stark durch die Rituale, in die wir in der Pfarre eingebunden sind, geprägt. Heuer ist dies alles etwas reduziert. Insofern stehen wir vor der Aufgabe, Ostern ein Stück weit neu zu gestalten. Die Frage ist, wie wir als Familie - unsere Kinder sind 10, 13 und 19 Jahre - dieses Vakuum füllen. Es gehört natürlich der Gottesdienst dazu, ausgiebig Zeit mit der Familie, aber es ist Platz für Neues, für das eine oder andere neue Ritual.

Was könnte so ein neues Ritual sein?
Vergangenes Jahr war ja der harte Lockdown über Ostern. Da haben wir die klassischen Jesusfilme wiederentdeckt, die Produktion von Franco Zeffirelli zum Beispiel. Als ich ein Kind war, habe ich diese Filme daheim angeschaut und genau das haben meine Frau und ich vergangenes Jahr mit unseren Kindern auch getan. In Zeiten, in denen jeder mit seinem Handy unterwegs ist und seinem privaten Medienkonsum nachgeht, ist es wunderbar, sich als Familie gemeinsam einen Film anzusehen und darüber zu reden. Das war so ein schönes Ritual, das wir entdeckt haben.

Vergangenes Jahr gab es keine Gottesdienste. Heuer wurde gebeten, darauf zu verzichten. Wie sehen Sie das?
Es ist ambivalent. Einerseits ist es in dieser Pandemie untersagt, größere Veranstaltungen durchzuführen und natürlich hat ein Gottesdienst auch etwas von einer Veranstaltung. Andererseits sehnen sich Menschen nach Gemeinschaft, nach Spiritualität, nach etwas, das Kraft gibt. Deswegen finde ich den Weg, dass man Gottesdienste unter entsprechenden Schutzmaßnahmen feiert, einen guten Mittelweg.

Die Pandemie beschäftigt Sie als Caritasdirektor auch schon über ein Jahr. Mit welchen Problemen sind Sie konfrontiert?
Corona ist mit vielen sozialen Themen und Belastungen verbunden. Dabei trifft die Pandemie Menschen sehr unterschiedlich. Vor allem jene, die es vor Corona schon schwer hatten, werden es danach noch schwerer haben. Es gibt drei Notlagen, die uns als Caritas besonders beschäftigen. Das sind zum einen Kinder und Jugendliche, denen ihre Familien nicht das an Unterstützung geben können, was sie jetzt brauchen. Helfen bedeutet hier vor allem, dass man die Familien entlastet und die Chancen und Perspektiven der Kinder wahrt. Das geschieht etwa durch Lernbegleitung der Kinder in den Lerncafés.

Und die zweite Gruppe?
Das sind Familien, die aufgrund von Arbeitslosigkeit finanziell ins Trudeln geraten sind. Es trifft teils Menschen, die nie gedacht hätten, dass sie mal auf die Unterstützung einer Sozialeinrichtung angewiesen sind. Dort heißt helfen schlicht und einfach, dass man Familien in dieser Notlage auffängt, finanzielle Überbrückung zur Verfügung stellt und die Wege durch Beratung mitgeht.

Die dritte Gruppe dürften die Senioren sein?
Bei der dritten Gruppe geht es um das Thema Einsamkeit und das betrifft nicht nur alte Menschen. Helfen heißt hier, dass man in den Gemeinden die nachbarschaftliche Aufmerksamkeit stärkt. Unsere Freiwilligen pflegen beispielsweise die Kontakte, die sie vor Corona aufgebaut haben, in dieser Phase ganz intensiv weiter. Letztlich gibt es auf die Pandemie nur eine einzige Antwort - ein starkes Miteinander. Das beginnt bei Unterstützungshilfen seitens des Staates und endet bei der Nachbarschaft. Ein starkes Miteinander ist die Antwort und damit sind wir bei Ostern, wo das neue Miteinander gefeiert wird.

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Letztlich gibt es auf die Pandemie nur eine einzige Antwort: Ein starkes Miteinander und damit sind wir bei Ostern, wo das neue Miteinander gefeiert wird.

Walter Schmolly

Was bedeutet Ostern denn für Sie?
An Ostern wird die Hoffnung gefeiert und zugleich ein neues Miteinander. Eine Hoffnung, die am Karfreitag den menschlichen Abgründen und auch dem Tod ins Auge geblickt hat und entsprechend widerständig ist. Ostern richtet uns zugleich aber auch aus auf ein neues Miteinander, in dem der Kreislauf von Gewalt, Schuld und Gegengewalt durchbrochen ist. Ein Miteinander, in dem Ausgrenzungsdynamiken immer aufs Neue überwunden werden.

Wie sollte denn eine Wiederauferstehung nach der Pandemie aussehen?
Das ist eine der großen Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen. Wir kommen aus einer alten Normalität, in der wir in vielen Sackgassen unterwegs waren. Etwa beim Klimanotstand oder bei Gerechtigkeitsfragen. Um diese Herausforderungen zu meistern, braucht es den öffentlichen Diskurs darüber, wie wir leben, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Wie wollen wir das Miteinander in unserer globalen Menschheitsfamilie erleben? Es braucht gewissermaßen eine Utopie, an der man sich ausrichten kann. Und es braucht die Kraft, sich dorthin zu verändern.

Braucht es nicht auch einen Leader, der koordiniert, der vorangeht?
Es gibt in diesen Fragen heute kein Entweder-oder mehr. Niemand kann sich aus der Verantwortung nehmen, den eigenen Beitrag zu leisten, als Bürger, als Konsument, als Nachbar. Jede und jeder ist unverzichtbarer Teil der Veränderung. Und natürlich braucht es zugleich auch entsprechende Strukturen, politische Rahmenbedingungen.

Schafft es die österreichische Regierung, die Rahmenbedingungen zu setzen? Das Thema Migrationen ist nach wie vor ungelöst.
Es sind immer Lernwege, auf denen man auch Umwege geht. Aber es gibt letztlich keine Alternative. Wenn wir uns die Flüchtlingsfrage am Beispiel der griechischen Inseln ansehen, scheint mir ein Punkt, an dem man lernen kann, folgender zu sein: Solange man die Frage mit Ideologien überfrachtet und politisch instrumentalisiert und missbraucht, wird man den betroffenen Menschen nicht gerecht und auch keine Lösung finden. Zudem darf man nicht erwarten, auf den griechischen Inseln das gesamte globale Migrationsthema zu lösen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz für die Flüchtlinge in Griechenland aus?
Politisch Verantwortliche und Behörden sind offensichtlich über Jahre hinweg nicht in der Lage, Kindern und Jugendlichen das zu gewähren, was ihnen nach der UN-Kinderrechtskonvention zusteht. Nämlich das Recht auf Überleben, auf Sicherheit, Ernährung, Gesundheit, Bildung und Entwicklung. Das heißt nichts anderes, als dass sich auf diesen Inseln eine humanitäre Katastrophe abspielt. Eine angemessene Maßnahme in einer humanitären Katastrophe ist die Evakuierung, also die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien aus den Lagern. Wissend, dass man an diesem einzelnen Punkt nicht die ganze Migrationsfrage löst. Das ist nicht möglich. Aber dort sind Kinder und Jugendliche in einer großen Not und darauf braucht es jetzt eine Antwort.

Zur Person:
Walter Schmolly wurde am 6. Februar 1964 in Bregenz geboren. Zusammen mit seiner Frau Eva-Maria Schmolly-Melk und drei Kindern lebt er in Alberschwende. Nach der Matura studierte Schmolly zunächst Mathematik, dann Selbständigen Religionspädagogik. Nach dem Pastoralpraktikum in der Pfarre Dornbirn-Hatlerdorf wurde er Leiter des Katholischen Bildungswerks. Von 2005 bis 2015 war er Leiter des Pastoralamtes der Diözese Feldkirch. Seit 2015 ist Walter Schmolly Direktor der Vorarlberger Caritas.

Sonja Schlingensiepen
Sonja Schlingensiepen
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