19.01.2021 22:30 |

„Krone“ vor Ort

Biden-Angelobung: Zwischen Angst und Aufbruch

Festung Washington: Nach dem Sturm auf das Kapitol sind bei der Angelobung von Joe Biden 25.000 Soldaten im Einsatz. Die Stadt ist ein Labyrinth aus Stacheldraht und Sperren. Die „Krone“ ist vor Ort.

Eisig fegt der Wind über den Potomac River Richtung Zentrum. Er dringt durch Mark und Bein. Im kleinen Park bei der Pennsylvania Avenue, Ecke 21. Straße reißt eine Böe das Zelt einer obdachlosen Frau aus der Verankerung. Tapfer schlüpft sie aus ihrem Schlafsack und fixiert den Haken. Es ist ungewöhnlich kalt in Washington D. C. - und es liegt nicht nur an der Jahreszeit. Die Stimmung ist frostig. Der Sturm auf das Kapitol am Nachmittag des 6. Jänner war so viel mehr als die Besetzung eines Gebäudes. Es sind auch nicht die Plünderungen, die schmerzen. Vielmehr der Angriff auf die amerikanische Demokratie, und das im Herzen der Metropole.

Video: Die Generalprobe für den so wichtigen Mittwoch

Sperren und Spürhunde, Helikopter im Einsatz
Diese Wunden haben sich nicht nur bei den Bewohnern eingebrannt. Die Bilder, die um die Welt gingen. Der Rauch. Parolen und Plakate. Vermummte Gestalten mit roten Kappen, die wie in einer Anarchie mit Rednerpulten aus dem Sitz des Kongresses marschieren und ihre Trophäen in die Kameras halten.

So eine Schmach will die Hauptstadt der Vereinigten Staaten nicht noch einmal erleben. Und dementsprechend hat man sich für die Angelobung von Joseph R. Biden Jr. und Kamala Devi Harris gewappnet. Rund 25.000 Nationalgardisten wurden in Dienst gestellt, und sie haben Washington unter der Leitung des Secret Service in eine Festung verwandelt. Sperren, Stacheldraht und Spürhunde sind allgegenwärtig. Der Verkehr in der City ist zum Erliegen gekommen. Taxifahrer winken ab, der U-Bahn-Betrieb ist eingestellt. Fußgänger müssen sich durch ein Labyrinth aus drei Meter hohen Zäunen und Betonklötzen tasten und auf einen Checkpoint hoffen, bei dem sie Einlass finden. Seitengassen sind mit Lkw verbarrikadiert.

Soldaten mit schwarzen Masken im Gesicht ziehen ihre Kreise. Sie patrouillieren in einer Art offener Unimogs in Tarnfarbe, die mit zwei Personen und Maschinengewehren unterwegs sind und einen Höllenlärm verursachen. Helikopter beobachten von der Luft aus. „Hier ist alles besser überwacht als in der grünen Zone in Bagdad“, meint ein Veteran.

Aber wie war das noch einmal mit den angesagten Katastrophen? Auch die für das renommierte Wilson Center tätige Politikwissenschaftlerin Teresa Eder aus Wien glaubt aufgrund der extremen Sicherheitsvorkehrungen nicht an erneute Ausschreitungen.

„Donald fliegt vor Zeremonie nach Florida“
Was macht eigentlich Donald Trump am Mittwoch, nachdem er sich als erster Präsident seit Jahrhunderten weigert, seinen Nachfolger zu begrüßen. Er wird vor der Angelobung mit der Air Force One wohl Richtung Florida abheben. Ob er sich dann in seinem Luxushotel gemeinsam mit der scheidenden „First Lady“ Melania die Zeremonie im Fernsehen gibt? „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, schmunzelt sein Chefanwalt und Berater Rudy Giuliani beim „Krone“-Gespräch in der Lobby des bekannten Willard-Hotels (das Interview lesen Sie hier) beim Weißen Haus.

Aufbruchstimmung spürbar
Die gute Nachricht zum Schluss: Neben all der Angst ist in der Stadt auch eine Aufbruchstimmung spürbar. Die Zeit ist reif für Veränderung, der richtige Weg eingeschlagen. Man kann es den USA nur wünschen.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung/krone.at

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