02.12.2020 11:55 |

krone.at-Kolumne

Zurück in die Steinzeit

Die neu präsentierte, regionale Internet-Plattform „Kaufhaus Österreich“ soll also Amazon in die Knie zwingen. Bestimmt sitzt Jeff Bezos gerade in seiner Milliardenvilla in Beverly Hills und zittert vor dem, was da aus den „Forrest Cities“ heranrollt. Nicht.

Die gemeinsam von Wirtschaftsministerium und Wirtschaftskammer lancierte Linksammlung hat so seine Tücken. Man kann nur nach Shopnamen (Susis Handyshop), Region (Linz) oder Kategorie (Elektronik) suchen, nicht aber nach einem Produkt (iPhone). Und selbst das funktioniert mehr schlecht als recht. Gut, wohlgesonnen kann man diese Fehler als Startschwierigkeiten bezeichnen. Geschenkt. Aber auch bei zwei zugedrückten Augen muss man ehrlicherweise sagen: Der große Wurf ist das nicht.

Digitalisierung kommt 20 Jahre zu spät
Vielmehr ist das Projekt ein verzweifelter Versuch, Problembewusstsein und ein „Wir tun ja eh etwas“ zu suggerieren. Gerade im Lockdown, wo das Geld einkaufsbereiter Österreicher vor allem ins Online-Geschäft fließt, wird das digitale Nachhinken unserer Wirtschaft einmal mehr eklatant. Denn gerade im World Wide Web muss sich ein Unternehmer einer unbarmherzig-globalisierten Konkurrenzlage stellen, bei Rabattpreisen, gratis Lieferungen und einem exzellenten Kundenservice muss man erst mal mithalten können. Dass die Politik hier mit anpacken will, ist löblich. Sie ist aber zirka 20 Jahre zu spät.

Statt Kaufhaus braucht es faire Besteuerung
Denn um diese verlorene Zeit aufzuholen, bedarf es schon mehr als eine lieb gemeinte Linksammlung und den treuherzigen Blick des WKO-Präsidenten auf der Startseite. Sinnvoller wäre es nämlich, die Kraftanstrengung in entsprechende Rahmenbedingungen für innovatives Unternehmertum oder in die Verhandlung einer fairen Besteuerung für Internet-Giganten zu stecken. Von beidem hätten nämlich alle etwas. Und nicht nur der Politik selbst.

Politik aus dem Elfenbeinturm
Den Lockdown-gebeutelten Unternehmer wäre auch etwas mehr Feingefühl vergönnt gewesen. Anstatt dem digitalen Telefonbuch für Arme hätten sich die meisten wohl vielmehr eine Perspektive, wie es weitergehen wird, gewünscht. Auch eine Entbürokratisierung der Beantragungsprozesse der Corona-Hilfen hätte geholfen. Das Kaufhaus-Projekt fällt dagegen eher in die Kategorie „Politik aus dem Elfenbeinturm“ und hat kaum etwas mit einer ernstzunehmenden Wirtschaftsvertretung zu tun. Es wird keinem aus der Krise helfen.

Jeff Bezos muss keine Angst haben
Letzten Endes wird auch dieser halbherzige Versuch, den Abstand zu den internationalen Größen zu verringern, nicht reichen. Gerade in diesen Zeiten braucht es vielmehr ein selbstbewusstes Unternehmertum als einen Staat, der einen auf Amazon machen will. Jeff Bezos kann sich beruhigt in seine Seidenbettwäsche kuscheln - er muss keine Angst haben. Das Kaufhaus Österreich wird ihm jedenfalls keine Konkurrenz machen.

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