22.11.2020 08:05 |

Rot-Pink im Interview

„Wurden durch Koalition nicht zu einer Partei“

Die Punschkrapfen führten die beiden zusammen: Wiens Stadtchef Michael Ludwig (SPÖ) und der neue Vize Christoph Wiederkehr (NEOS) über das Alter, den Verkehr, Krawalle in der Stadt, Corona und die kommenden Massentests.

„Krone“: Herr Bürgermeister, Herr Vizebürgermeister, laut mehreren Studien bleiben Paare mit einem sehr großen Altersunterschied nicht lange zusammen. Wenn man das auf die Politik ummünzt: Zwischen Ihnen liegen 29 Jahre. Schaut schlecht aus, oder?
Ludwig: Wir haben die Gespräche auf Augenhöhe geführt, unabhängig vom Stärkeverhältnis, und ich bin mir sicher, dass wir das auch in den nächsten fünf Jahren so tun werden.
Wiederkehr: Wir sind sicher zwei unterschiedliche Parteien, auch von der Geschichte. Uns gibt es seit acht Jahren, die Sozialdemokratie etwas länger.
(Ludwig lacht)
Wir haben es aber trotzdem geschafft, ein gemeinsames Zukunftsprogramm zu verhandeln, das sehr fortschrittlich ist.

Herr Wiederkehr, Sie waren gerade einmal vier Jahre jung, als Michael Ludwig Bezirksrat in Floridsdorf wurde. Glauben Sie nicht, dass er Sie über den Tisch ziehen kann, ohne dass Sie das überhaupt bemerken?
Wiederkehr:
Es geht in der Politik nicht ums Alter, sondern um die Leidenschaft, die man hat, und die bringe ich mit.

Herr Bürgermeister, Sie nennen die neue rot-pinke Allianz bei jeder Gelegenheit eine Fortschrittskoalition. Was war denn dann Rot-Grün? Eine Stillstandskoalition?
Ludwig: Nein, es hat zehn Jahre eine gut funktionierende Koalition zwischen der SPÖ und den Grünen gegeben, und das ist jetzt nicht eine Entscheidung gegen eine Partei, sondern für einen neuen Weg.

Der Begriff Punschkrapfenkoalition scheint Ihnen beiden zu gefallen, oder?
Ludwig:
Und vor allem zu schmecken.

Punschkrapfen dienen laut Erklärung mitunter als Resteverwertung von altbacken gewordenen Biskuitteigprodukten, wobei der Rum einen allfälligen Altgeschmack wirkungsvoll überdecken soll. Heißt: alter Schmarren, ohne Alkohol nicht auszuhalten. Ist das das Bild, das Sie vermitteln wollen?
Wiederkehr: Ich lese etwas ganz anderes heraus. Nämlich Nachhaltigkeit, und Nachhaltigkeit hat einen ganz besonderen Fokus in dieser Koalition.
Ludwig: Hauptsache es schmeckt.

Herr Wiederkehr, erst vor Monaten haben Sie beim Thema Bildung von „Placebo-Maßnahmen der SPÖ“ gesprochen, von „ideologischen Scheuklappen“ und einer „Bildungsmisere“. Bei der Präsentation von Rot-Pink waren Sie plötzlich der Meinung, dass Sie mit der SPÖ auf dem „Guten aufbauen“ wollen. Haben Sie Ihre Werte doch schon an der Garderobe des Bürgermeisters abgegeben?
Wiederkehr: Es ist die grundsätzliche Perspektive dieser Koalition, nämlich auf den Errungenschaften aufzubauen und ambitioniert in die Zukunft zu führen. Im Bereich der Bildung etwa ist es großartig, dass 70 Ganztagsschulen auf eine kostenlose verschränkte Ganztagsschule umgestellt worden sind. Wir haben viele weitere Projekte miteingebracht, indem wir etwa die Sprachförderlehrer an Kindergärten von 300 auf 500 erhöhen.

Kommen wir zum Thema Straßenverkehr. Herr Ludwig, Sie wollen den Anteil der Pkw-Lenker, die nach Wien kommen, bis 2030 halbieren. Rund 200.000 Autos pendeln sonst täglich in unsere Stadt, das wären demnach in zehn Jahren um 100.000 Autos weniger. Wie soll das gelingen?
Ludwig:
Ich bin sehr dafür, dass wir die Zusammenarbeit in der gesamten Ostregion verstärken. Wir haben uns gemeinsam darauf verständigt, dass wir die Öffis in den äußeren Bezirken verbessern und an die Stadtgrenze anbinden wollen.

Jedes Jahr soll es 20 Millionen Euro mehr für Radwege geben, die am besten baulich von den Straßen getrennt sind. Wo sollen denn in Zukunft die Autos fahren?
Wiederkehr: Es geht um ein gutes Miteinander in der Stadt, ich will Verkehrsteilnehmer nicht gegeneinander ausspielen …

Das haben Maria Vassilakou und Birgit Hebein auch immer gesagt.
Wiederkehr: Ja, aber was hat man gemacht? Pop-up-Radwege und andere nicht bleibende polarisierende Projekte! Mir geht es um bleibende Verbesserungen.

Herr Wiederkehr, Sie werden ja auch Integrationsstadtrat. Nach den Krawallen in Favoriten zeigten Sie sich „entsetzt über die Bilder“. Wie wollen Sie das für die Zukunft verhindern?
Wiederkehr: Man muss früh ansetzen, an den Schulen, auch über spezielle Deradikalisierungsprogramme.

Die Personen bei den Straßenschlachten waren allerdings keine schulpflichtigen Kinder. Wie sollen Erwachsene mit einer ganz anderen Weltanschauung in die Stadt integriert werden?
Wiederkehr: Wenn es ein Sicherheitsproblem ist, dann braucht es natürlich die Polizei.

Dieses Integrationsproblem kann also nur noch die Polizei lösen?
Wiederkehr: Bei Ausschreitungen ist es polizeiliche Arbeit, auch dagegenzuwirken. Natürlich müssen Erwachsene, die zu uns ziehen, Teil der Gesellschaft werden. Das muss man auch einfordern. Man kann Programme forcieren, wie etwa das Erlernen der Deutschen Sprache.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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