08.10.2020 06:00 |

Album „Alles gut“

Felix Kramer: Sehr viel Platz für das Dazwischen

Mit seinen Debütalbum „Wahrnehmungssache“ hat sich der Wiener Felix Kramer vor knapp zwei Jahren als „junger Ludwig Hirsch“ positioniert. Frei nach dem Prinzip „Stillstand ist Rückschritt“ musiziert er auf dem Nachfolger „Alles gut“ internationaler, breitflächiger und überraschender. Die „Krone“ führte mit dem 26-Jährigen ein Gespräch über Flamenco-Gitarren, unterdrückte Handlungsimpulse und Diskursprobleme.

Es ist das alte Problem. Für das erste Album hat man sein ganzes Leben Zeit, für das zweite nur etwa zwei Jahre. Ein klassischer Phrasenschweinsatz im Musikbusiness, der aber - so totgenudelt er auch ist - stets seine Richtigkeit unter Beweis gestellt hat. Im Falle von Felix Kramer sind es noch nicht einmal zwei ganze Jahre zwischen dem Debüt „Wahrnehmungssache“ und dem Nachfolger. Auf dem Papier vielleicht ein Hauch von Nichts, in der Realität aber eine Ära der Umbrüche. Ibiza samt dem peinlich gescheiterten Übernahmeversuch der „Kronen Zeitung“, eine Übergangsregierung bis zur Formierung der neuen Staatsspitze, das die ganze Welt lahmlegende Corona-Virus, erneut ins Rampenlicht rückende Rassenunruhen samt „Black Lives Matter“-Bewegung und nebenbei noch die ungelösten Dauerbrandherde Flüchtlingsproblematik, Klimawandel und steigende Arbeitslosenzahlen. Da passt es schon mal, wenn uns einer „Alles gut“ sagt. Dass derjenige, Felix Kramer, erst 26 ist, macht nix. Die Politik zeigt schließlich vor, dass das Alter kein Parameter mehr ist.

Klarer Stilwechsel
„,Alles gut‘ ist etwas, das jeder sagt“, überlegt Kramer im Gespräch mit der „Krone“ im Karmeliterviertel, „es kann aber gar nie alles gut sein, weil das einfach nicht geht. Man möchte es aber so sehen, selbst wenn die Lage fürchterlich ist. Ich finde das Thema so extrem spannend, weil das Gesagte einerseits immer sehr liebevoll gemeint ist, andererseits aber nerven kann, weil man damit nicht ehrlich ist.“ Für Kramer war in den letzten Monaten vieles gut. Nicht nur dass sein Debüt von Kritikern und Fans geliebt wurde, formierte sich um den anfänglichen Alleinunterhalter auch eine veritabel aufspielende Band, die mittlerweile auch fixer Studiobestandteil des Musikers ist. Die ist mitunter verantwortlich dafür, dass die beiden Werke musikalisch kaum mehr vergleichbar sind. Attestierte man dem 26-Jährigen am Debüt noch zurecht eine gewisse Ludwig-Hirsch-Nähe, lässt er es auf „Alles gut“ bunter klingen. Flamenco-Gitarren, eine Latin-Atmosphäre und weniger Dialekt im Gesangsidiom stechen deutlich hervor. Eine bewusste Abkehr vom überraschenden Erfolgsrezept.

„Wenn man kontinuierlich arbeitet, dann vergisst man irgendwann den Anfang. Als ,Alles gut‘ fertig war, habe ich mir nochmal mein erstes Album angehört und war entsetzt“, lacht er, „ich habe jetzt einfach das Gefühl, das Album ist eher dort, wo ich es haben will. Klanglich, spielerisch und auch textlich hat sich viel getan.“ Kramer hat vor und während des Schreibprozesses nicht nur in der großen Songwriter-Schule bei Bob Dylan und Tom Waits gewildert, sondern auch viel kubanische Musik gehört, das 68er-Comeback-Special von Elvis Presley verschlungen und sich genauer mit dem reichhaltigen Katalog von Johann Sebastian Bach auseinandergesetzt. Dass er selbst dabei das Rad nicht neu erfindet, ist im absolut bewusst. „Das ist ja auch gar nicht mehr möglich. Ich finde den Gedanken, dass alles von allem inspiriert ist, sehr schön. Ausgehend von dem Wissen, dass es ohnehin schon alles vor mir gegeben hat, kann ich gut arbeiten. In gewisser Weise ist die ganze Welt ein Plagiat. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern unterschiedliche neue Räder zu erzeugen.“

Kein Platz für Narzissmus
So ganz neu ist die Flamenco-Ausrichtung aber ohnehin nicht, wie Kramer im Gespräch bestimmt hinweist. „Auf einem Song wie ,An deiner Schulter‘ am Debüt gab es auch einen solchen 6/8-Takt, der im Prinzip aus dieser Soundwelt kommt. Ich habe mir in den letzten zwei Jahren nicht nur selbst viel mehr Musikwissen angeeignet, auch mein Produzent Hanibal Scheutz weist mich immer subtil darauf hin, indem er mir dauernd geile neue Musik vorlegt.“ Inhaltlich kümmert sich Kramer einmal mehr um Beziehungen und das Zwischenmenschliche. Schon Songtitel wie „Alles in allem“, „Nix zu spürn“ oder „Heut is alles gut“ deuten die Richtung an, ohne aber zu viel zu verraten. „Würde ich Privates nach außen tragen, wäre das doch wahnsinnig narzisstisch. Ich überlege schon genau, warum ich was sage, ob das aber persönlich ist oder nicht, ist im Endeffekt egal. Die Musik wird eingespielt, dann ist sie da und steht für sich. Das ist für mich ein sehr schöner Gedanke.“

Die Mischung aus atmosphärischen Melodien und scharfzüngigen Texten hat Kramer auf „Alles gut“ intensiviert. Zu politisch und sozialkritisch ist der Künstler in seinem Wesen, um die Sorgen und Probleme im gesellschaftlichen Kontext ignorieren zu wollen. Der Song „Red ma halt einfach was anderes“ dreht sich um das Ohnmachtsgefühl, das einen ergreift, wenn man einen Missstand versteht und sieht, aber selbst nichts dagegen tun kann. „Manchmal lässt man auch bewusst ein Thema auströpfeln und ist froh, dass es um etwas anderes geht, damit man sich nicht mit dem eigenen Handlungsimpuls auseinandersetzen muss. Man macht das im Alltag die ganze Zeit und dieses Thema hat mich sehr aufgewühlt.“ Auch der Diskurs und all seine verschiedenen Ausformungen sind Kramer ein besonderes Anliegen. „Leider ist die differenzierte Diskussion derzeit nicht sonderlich populär. Bei Themen wie Klimawandel oder Flüchtlinge gibt es vermehrt extreme Positionen und wenn sich zwei Opponenten lauthals streiten, gehen direkte Probleme wie die ungleiche Lohnverteilung völlig unter.“

Keine einfachen Antworten
Zwischenmenschliches geht ohnehin immer mit einem gewissen politischen Touch einher und im Prinzip ist jede Aktion politisch konnotiert. Das eine schließt das andere nicht aus und gerade ein spitzfindiger Texter wie Kramer lässt in seinen Songs noch mehr als früher Platz für die Zwischentöne, für gewisse Metaphern und für die Fragen, die man schlussendlich selbst für sich beantworten muss. „Ich mag einfach Dinge, die dazwischen liegen. Auch in einem Song wie ,Zu gut‘ herrscht bewusst Unentschlossenheit. Einerseits hält man im Song das Schöne hoch, weil man immer das Positive sehen will. Andererseits impliziert er auch, dass es blöd ist, wenn man sich das Negative in Dingen nicht eingestehen will. Im Leben gibt es keine einfachen Antworten. Auch in Beziehungen ist nicht immer alles toll oder schlecht, sondern viel komplizierter. Es ist mir wichtig darauf zu schauen, was die andere Seite sagt. Das ist für das gesamte Weltbild sehr wichtig.“

Tour geplant
Sofern es die aktuelle Corona-Lage erlaubt, ist Felix Kramer in nächster Zeit auch noch einige Male live zu sehen. Geplant sind Gigs am 13. Oktober in den Linzer Kammerspielen, am 14. Oktober in der Spielboden Kantine in Dornbirn, am 15. Oktober im Innsbrucker Treibhaus, am 16. Oktober im Kunsthaus Nexus in Saalfelden, am 23. Oktober im Salzburger Jazzit, am 24. Oktober im Acht Millimeter Kino Mank und schließlich am 19. November im Wiener Konzerthaus. Alle weiteren Infos und Karten gibt es unter www.felixkramer.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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