15.09.2020 06:00 |

„We Are Chaos“

Marilyn Manson: Allen einen Schritt voraus

Auf seinem elften Album „We Are Chaos“ erfindet sich das einstige Schreckgespenst Marilyn Manson einmal mehr neu und zeigt eindrucksvoll, dass er würdevoll in eine neue Lebensphase gleitet. Grund dafür: Freund und Produzent Shooter Jennings.

Man kann sich kaum vorstellen, wie groß der öffentliche Druck sein muss, wenn man die letzte wirklich provokative Person der modernen Popgeschichte ist. Throwback to 1996 - Mansons zweites Album „Antichrist Superstar“ erscheint und nichts ist mehr wie es war. Aus dem bemühten Schockrocker wurde das Monster für eine ganze Nation. Bibeln zerreißen auf der Bühne, chirurgisch-kühle Videoästhetik mit verstörend schnellen Schnitten und Horror-Sequenzen. Die schlaksig-weiße Gestalt, durch selbstverletzende Schnitte am ganzen Körper gezeichnet, marschiert auf Stelzen über die Bretter, das schwarze Haar lang und strähnig, die Kontaktlinsen zweifärbig, die Zähne schwarzgefärbt. Dazu noch die Predigten von der Kanzel, die filigrane Beobachter an die NS-Zeit erinnerten. Manson wusste zu provozieren. In einer Zeit vor YouTube und Social Media konnte man noch nicht so leicht hinter die Kulissen blicken und das Böse als kunstvollen Gag enttarnen. Dieser Typ, der Nationalikone Marilyn Monroe und Nationalfeind Charles Manson chaotisch vereinte und verkörperte war für das prüde Amerika vor allem ein Spiegel in die eigene, oft selbstverleumderische Seele.

Absolute Hochphase
Zwei Jahre später gelang ihm der wohl mutigste Turnaround der jüngeren Musikgeschichte. „Mechanical Animals“ zeigte Manson plötzlich als glamourösen Hermaphroditen. Weiß statt schwarz, Designerdroge statt Suff, David-Bowie-Ästhetik statt des erwarteten Schritts in noch dunklere Abgründe und eine musikalische Meisterleistung, die man nicht höher einschätzen könnte. Mit „Holy Wood“ komplettierte der geschickte Provokateur 2000 seine „Trilogie der düsteren Genialität“. Dort inszenierte er sich am Cover als leidend-verfaulender Jesus, schrieb die wohl besten Songs seiner Karriere und schaffte das Unmögliche - die Stärken der jeweiligen Vorgängeralben so kongruent und leidenschaftlich zu verbinden, dass selbst treue Die-Hard-Anhänger nicht mehr genau wussten, wie ihnen jetzt geschieht. In diesen vier Jahren war der amerikanische Bürgerschreck der innovativste und spannendste Künstler und von der Spitze weg geht es bekanntlich nicht mehr weiter rauf.

Die Nullerjahre waren für Manson eine Zäsur. Kommerziell und künstlerisch war er mit Alben wie „The Golden Age Of Grotesque“ oder „Eat Me, Drink Me“ erfolgreicher denn je, künstlerisch war er leer. Biedere Cover-Versionen („Tainted Love“ oder „Personal Jesus“ sind und waren völlig überbewertet), luftleere Eigenkompositionen und Bühnenshows, auf denen das einstige Schreckgespenst Alkohol-geschwemmt und lethargisch Pflichtübungen runterbog. Man erinnere sich etwa an den winterlichen 2012-Auftritt in der Wiener Stadthalle, wo ihn Rob Zombie sogar im Koma an die Wand gespielt hätte. Der nicht mehr für möglich gehaltene Schwung zurück gelang mit einem neuen Produzenten. Tyler Bates trieb Manson 2015 auf „The Pale Emperor“ zu neuen Höchstleistungen. Manson erkannte inmitten seiner 40er, dass seine Schreckenskraft längst von Internet und Realität abgelöst wurde und besann sich erstmals darauf, der Elder Statesmen des Dunkelrock zu werden. Blues-basiert überzeugte er die Kritiker, das 2017 nachgeschossene Werk „Heaven Upside Down“ konnte die hohe Qualität halten und klang noch versatiler. Nur mehr die unverbesserlichsten Puristen mokierten sich über den alternden Manson, der sich einmal mehr mit Kreativität, Mut und progressivem Denken aus den drohenden Fängen der Beliebigkeit zog.

Mit viel Weitblick
2020. Wer braucht noch die inszenierte Horrorshow, wenn das wahre Leben schlimmer als jede Vorstellungskraft ist? Mit rassistischen Aufständen quer durch Amerika, einer Pandemie, die den ganzen Planeten in Schockstarre versetzt und einer sich in Rekordzeit erhitzenden Erde hätte Manson nicht einmal in seinen furchterregendsten Glanzzeiten mithalten können. Warum dann also mit über 50 noch versuchen, den fleischgewordenen Slender Man zu personifizieren? Der 51-Jährige Kreativgeist findet Shooter Jennings und erfindet sich ein weiteres Mal neu. Für viele ist Jennings „nur“ der große Country-Produzent, für den allumblickenden Manson aber ein Mann mit untrüglichem Southern-Feeling, der sich nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich perfekt mit dem Enfant Terrible versteht. Selbst die aufmerksamen Kritiker von Manson haben erkannt - der Künstler konzentriert sich längst mehr auf sein Handwerk als Songwriter, denn auf das reißerische Drumherum. Das ist auf seinem elften Studiowerk „We Are Chaos“ nicht anders, denn schocken kann Brian Warner, so sein Geburtsname, noch immer. Das zeigten nicht zuletzt die schockierten und verwirrten Reaktionen auf den vorab ausgekoppelten Titeltrack, der mit Akustikgitarre und Southern-Feeling im Endeffekt aber eben genau das ist, was eine Kooperation Manson/Jennings ausmacht. Viel Lärm um nichts.

Surreal ist auch, dass Manson gerade die schwächsten Songs am Anfang verbrät. „Red Black And Blue“ erinnert am ehesten an seine früheren Zeiten, kommt mit seiner Schema-F-Haltung aber nicht an die druckvollen Songs seiner fruchtbarsten Ära heran. Nach diesem wohl der allgemeinen Sicherheit dienenden Eintritt und dem übertrieben glattgebügelten Titeltrack jagt aber ein Highlight das nächste. „Don’t Chase The Dead“ hat eine obskure Wärme, die man auch T.Rex-Riffmeister Marc Bolan zugestanden hätte, „Half-Way One Step Forward“ ist in der Albummitte das absolute Highlight des gegenwärtigen Manson. Sanfte New-Wave-Anflüge, die durchaus an ruhige Depeche Mode-Momente erinnern, verbinden sich mit einer verletzlichen Gesangsperformance, einer zurückgehaltenen Produktion und balladesker Instrumentierung. „Infinite Darkness“ nimmt mit wohligen Industrial-Spuren sofort wieder Fahrt auf, bevor er in ein wirklich souveränes Schlussdrittel einpendelt. Der für starke Closer bekannte Manson setzt auf „We Are Chaos“ mit „Broken Needle“ erneut ein Masterpiece drauf. Stadiontauglicher und inklusiver klang er nie zuvor.

Profunder Song-Architekt
Ob „We Are Chaos“ wirklich sein stärkstes Album seit „Holy Wood“ ist, bleibt dahingestellt und ist Geschmackssache, schließlich hat ihn „The Pale Emperor“ künstlerisch wieder zurückgebracht und schon alleine deshalb einen immensen Wert für seine Karriere. Die neue Zusammenarbeit mit Jennings ist für Manson aber zumindest der radikalste Schritt nach vorne, die man seit weit mehr als zwei Dekaden beobachten kann. Die dazugewonnene musikalische Würde sollte man tunlichst nicht mit dem abschätzigen Terminus Altersmilde verwechseln. Manson ist anno 2020 ein uneingeschränkt scharfer Gesellschaftskritiker und genauer Beobachter, der seine Gedanken, Erfahrungen und Hoffnungen aber nicht mehr zwingend in visuelle Schreckhaftigkeiten stecken muss, sondern sich längst sicher genug ist, vornehmlich mit akustischen Vorzügen überzeugen zu können. Der Kalifornier bleibt ein profunder Song-Architekt, den man sträflich unterschätzt und falsch bewertet. Nur wird es ihm zunehmend egaler und das ist sein bisher wohl größter Karrieresieg.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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