26.07.2020 07:00 |

Legende wird 90

Peter Weck: „Ich komme jetzt erst zum Leben“

Ein Bubengesicht wird 90. Peter Weck durchlebte Höhen & Tiefen und verlor dennoch nie sein Lachen. Wie ihm das gelang? Ein Gespräch über die Lehren eines langen Lebens - und zum ersten Mal über die neue Frau an seiner Seite: „Sie ist Kinderpädagogin. Das ist praktisch: Im Alter wird man ja wieder kindisch.“

So möchte man auch 90 werden! Fröhlich lachend betritt Peter Weck das „Sacher“. In Jeans und Sneakers. Er legt sein iPhone vor sich auf den Tisch, auf dem ständig neue Nachrichten eingehen. In seinem Alter steht er nicht am Ende, sondern eigentlich noch mitten im Leben. Dieser Tage erscheinen seine aufgefrischten Memoiren.

„Krone“: War's das, wie Sie sich gleich selbst im Titel Ihrer neuen Biografie fragen?
Peter Weck: Das weiß man nie. Der Taxameter läuft, aber ich habe noch viel Neugier in mir. Und eigentlich komme ich erst jetzt richtig zum Leben. Vieles hat mich bislang daran gehindert. Ich war immer entsetzlich eingespannt und selten ein König des Augenblicks. Mein Leben ist dadurch auch irgendwie wahnsinnig schnell vergangen. Termin an Termin, Film an Film, Auftritt an Auftritt. Nur ein einziges Mal hatte ich zwei Monate Pause. Das Schönste ist, wenn ich heute den Terminkalender aufschlage und es ist nichts eingetragen. Dann fühle ich mich frei. Vor zwei Jahren bin ich spontan übers Wochenende nach Bogota geflogen. Einfach aus Neugier. Meinen Kindern hab ich es erst nachher gesagt. (Sohn Philipp, 49, Chef von Wecks Produktionsfirma Cinevista, der zu unserem Gespräch mitgekommen ist, schüttelt den Kopf: „Das hat er auch schon mal mit Hongkong gemacht!“)

Solche Abenteuer gibt es durch Corona derzeit ja nicht mehr. Wie sind Sie durch die Krise gekommen?
Daheim und sehr diszipliniert. Für mich wurde eingekauft. Erst als es erlaubt war, habe ich sehr vorsichtig Runden ums Haus hier im ersten Bezirk gezogen. Ich habe meine Umzugskartons ausgeräumt und per Skype an meinem Buch gearbeitet. Vereinsamung habe ich keine verspürt. Allein zu sein macht mir nichts. Ich bin ganz gern allein.

Viel ist davon die Rede, dass Menschen durch die Krise an Depressionen leiden und Therapie brauchen. Junge wie Alte. Wenn man in Ihrer Biografie liest, wie Sie als Kind bei Bombenangriffen durch den Luftschutzkeller katapultiert wurden und das Haus darüber nur noch Schutt und Asche war; wie Sie Ihren Vater nur knapp vor der Exekution retten konnten und Kriegsverbrechen miterleben mussten, fragt man sich schon: Sind wir eine verweichlichte Generation geworden?
Ich muss Ihnen sagen, dass mich die Kriegserlebnisse erst im Nachhinein so richtig betroffen gemacht haben. Das habe ich damals gar nicht so realisiert. Wir waren in einem Ausnahmezustand und damit beschäftigt, zu überleben und das Beste aus allem zu machen. Mein Glück war, dass ich als Bub vieles fast als abenteuerlich empfand, sonst hätt ich es wahrscheinlich nicht durchgestanden aus Todesangst.

Wie war das genau mit Ihrem Vater?
Gegen Kriegsende flohen wir aus der Stadt aufs Land nach Pitten. Dort spielte ich als Bub Fußball mit einem russischen Offizier. Als mein Vater eines Tages wegen seines Knickerbockeranzugs für einen Nazi gehalten und zur Exekution an die Wand gestellt wurde, lief ich so laut schreiend, wie ich nur konnte, zu meinem Fußballfreund und rettete meinem Vater so in letzter Sekunde das Leben.

Wie schafft man es, nach solch traumatischen Erlebnissen ein fröhlicher Mensch zu bleiben?
Ich war immer ein Kämpfer und wollte nie aufgeben. Die Neugier hat mich immer angetrieben. Und es ist so viel Schönes auf mich zugekommen, das ich eigentlich nie angestrebt hatte.

Dennoch kommen Sie im Buch zu einer fast bitteren Bilanz: „Wenn es im Beruflichen etwas gibt, das mir leidtut, dann dass ich im Film und TV nicht mehr Anspruchsvolles verkörpern konnte. Die tiefe künstlerische Erfüllung blieb leider aus.“
Aber das gilt nur für den Film. Nicht fürs Theater! Ich kann zumindest sagen: Zum Mord hab ich niemanden angestiftet, dafür zum Lachen (lacht).

Hätten Sie denn gern einmal einen Mörder gespielt?
Einmal hab ich das sogar. Aber ein Mörder ist nicht a priori anspruchsvoll. Im Gegenteil: Gute Komödie ist fast schwieriger. Ich wurde in eine bestimmte Richtung gedrängt. Vieles habe ich auch abgelehnt: Ich kann nicht gleichzeitig Shakespeare spielen und im Film „Die gestohlene Hose“.

Die Genre-Besetzung haben Sie aber wahrscheinlich auch Ihrem freundlichen Bubengesicht zu verdanken?
Ich hab mich immer über mein Milchgesicht geärgert und mich als ,Spätling‘ bezeichnet. Ich war, rückblickend betrachtet, überhaupt sehr hart zu mir selbst und bin mir in vielem im Weg gestanden. Heute kommt mir mein Bubengesicht zugute. Unlängst hätte ich jemanden spielen sollen, der aus dem Altersheim flüchtet. Aber ich wurde abgelehnt: „Der schaut zu jung aus. Das glaubt ja keiner.“

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Einmal hab ich mir ein Hörgerät gekauft. Bis ich draufgekommen bin, es ist nur das Genuschel der Leute, das ich nicht versteh.

Peter Weck

Was tun Sie denn für Ihr jugendliches Aussehen und Ihre Fitness?
Nichts. Ich trinke ab und zu gern ein Glas Wein von meinem Lieblingswinzer Ott, und ich genieße gutes Essen. Einmal hab ich mir ein Hörgerät gekauft, weil ich dachte, schlecht zu hören. Bis ich draufgekommen bin, es ist nur das Genuschel der Leute, das ich nicht verstehe.

Aber ich mache Fitnesstraining, seit ich mich vor ein paar Jahren in einem Film von hinten gehen gesehen habe und wegen meines greisenhaften und schleppenden Gangs regelrecht erschrocken bin. Nina Schröder, die Frau unseres grandiosen Albertina-Chefs, ist meine Trainerin. Und da man mit ihr auch vorzüglich über die Branche tratschen kann, gehe ich sogar ganz gern hin und folge damit Jahre nach dem tragischen Ableben meiner Frau ihren ständigen Ermahnungen, die Füße zu heben und etwas für meine Fitness zu tun. Sie würde sich freuen.

Der plötzliche Tod Ihrer Frau hat Sie 2012 fast aus der Bahn geworfen. Auf den 353 Seiten Ihres Buches widmen Sie diesem Einschnitt aber bewusst nur einen einzigen Satz.
Das war wirklich eine Katastrophe für mich. Sie wurde von einem Moment auf den anderen durch einen Infarkt aus dem Leben gerissen. Aus dem Nichts. Sie war immer mein Motor, mein Anker, meine große Liebe. Da ich 12 Jahre älter war, dachte ich immer, dass ich vor ihr gehen würde. Zwei Jahre habe ich mich komplett zurückgezogen. Da denkt man an vieles. Auch daran, ob man selbst noch leben will. Meine Kinder und Freunde haben mir sehr geholfen. Bis mein alter Kampfgeist wieder erwacht ist und ich mich entschloss, nicht zu zerbrechen und wieder zu arbeiten. Ich musste dann gleich einen Mann spielen, der seine Frau im Koma nicht gehen lassen will. Da hat sich in mir etwas verändert. Es war wie Therapie, und es kam zu einem Abschluss.

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Mir ist wichtig, jetzt erstmals etwas dazu zu sagen: Ich habe Joanna sehr gern um mich. Es ist ein angenehmes wohliges Gefühl, und ich bin selbst überrascht von meiner Zuneigung.

Peter Weck

Bunte Blätter mutmaßen immer wieder über eine neue Liebe?
Was die schreiben, ist alles Blödsinn. Aber mir ist es wichtig, jetzt erstmals etwas dazu zu sagen: Sie heißt Joanna und ist ein ganz toller Mensch. Ich habe sie vor zwei Jahren beim Jägerball kennengelernt und wieder aus den Augen verloren, bis wir einander dort ein Jahr später wieder getroffen haben. Jetzt sehen wir uns öfter und verbringen gerne Zeit miteinander. Sie ist Kinderpädagogin (lacht), das ist praktisch: Im Alter wird man ja wieder kindisch.

Ist es Liebe?
Es ist ein angenehmes wohliges Gefühl. Ich habe sie gern um mich. Das ist im Alter schon sehr viel, ich bin heikel. Ich habe gar nichts Großes vor und schließe aus, noch einmal zu heiraten. Aber diese Zuneigung überrascht und freut mich schon sehr. Meine Liebesfähigkeit ist noch da.

Mittlerweile ist der Jubilar richtig gut gelaunt, fast aufgezogen.

Was war die schönste Phase Ihres Lebens?
Vielleicht kommt sie ja erst?

Wie alt fühlen Sie sich?
Wie 70. Da hab ich mich auch nicht anders gefühlt. Ich glaube, die guten Gene meiner Mutter kommen mir zugute, und ich lache gerne. Ein Theater-Engagement in der Josefstadt im Herbst hab ich aber abgesagt. Das mag ich nicht mehr. Ich lese gerne aus meinem Leben. Da bin ich das alte Zirkuspferd in der Manege.

Macht das Alter weise?
Das kann ich nicht behaupten. Man wird vielleicht milder durch die Erfahrung, (scherzt) weil man innerlich kapituliert hat.

Ist das Leben ein Geschenk oder eine Aufgabe? Was ist der Sinn?
Schon eher eine Aufgabe, bei der es darum geht, alles so gut wie möglich zu erfüllen.

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Angst vor dem Tod? Ich werde dahin marschieren und winken: Toi, toi, toi für drüben! Und dann fällt der Vorhang.

Peter Weck

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Natürlich denkt man daran, aber man verliert zusehends die Scheu davor. Was mit der Seele danach passiert, weiß kein Mensch. Aber da kann ich mich mit meiner Neugier noch zurückhalten.

Ich werde dahin marschieren und winken. So wie bei Wallenstein: „Ich gedenke einen langen Schlaf zu tun.“ Oder wie einer meiner längst verstorbenen Kollegen, der als Trauerredner Ensemblemitgliedern stets ins Grab hinterhergerufen hat: „Toi, toi, toi für drüben!“ Da hat es alle geschupft vor Lachen. Dann fällt der Vorhang!

Edda Graf, Kronen Zeitung

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