05.07.2020 06:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: Raus aus dem Kreislauf

Vor drei Wochen, in aller Herrgottsfrüh, eine Erkenntnis: Schluss mit Social Media! Twitter und Facebook definierten mittlerweile meinen Tagesablauf. Der Griff zum Handy ist das „Perpetuum mobile“ des Alltags. Was sagen die Leute zum letzten Posting? Wo und an welcher Stelle muss man die eigene Position eventuell sogar mit weiteren Statements verteidigen? Wie viel Unterstützung bekommen einzelne Postings, die man zu ausgewählten Themen setzt?

Ich habe darüber in den vergangenen Wochen und Monaten nicht viel nachgedacht. Zu sehr war ich mit dem musikalischen Projekt zum Start der Formel 1 in Spielberg beschäftigt. Klar war, dass Social Media bis zu einem gewissen Maß Zeitverschwendung ist.

Klar ist auch, dass man sich speziell auf Twitter in gesellschaftspolitischen Parallelwelten bewegt. Und trotzdem: Die vorhersehbare Aufregung in der Community, das Formieren der Gleichgesinnten, der Diskurs mit den bekannten Provokateuren, die Auseinandersetzung mit den (meist faschistischen) Scharfmachern. Aufregend war das allemal.

Seit drei Wochen also ein Leben ohne Twitter. Eine Plattform, die Hochpolitisches diskutiert, gleichzeitig informativ und humorvoll sein kann und einen trotzdem mit seiner Wucht an Information, Meinung und Penetranz fast auffrisst. Die gleichzeitig aber von nur 3,4 Prozent der Österreicher genutzt wird. Eine Plattform, die Meinungsmacher, Aktivisten, Journalisten, Politiker und auch Künstler nutzen, um Themen und Ideen zu ventilieren oder auch die eine oder andere pointiertere Position vor überschaubarem Publikum abzutesten.

In einem ersten Impuls, ohne darüber groß nachzudenken, wollte ich aus diesem Kreislauf einfach raus. Und nach drei Wochen beginne ich zu verstehen, dass dieser Impuls des Ausbrechens wohl richtig war. Für mich gibt es vorerst kein Zurück.

Zu groß ist der Zeitgewinn und die spürbare Zunahme an Lebensqualität. Dazu kommt, dass ich auch wieder mehr Kreativität in mein künstlerisches Schaffen bekommen habe. Mehr Konzentration auf Töne, Rhythmen, Phrasen und Dynamiken - weniger Ablenkung in meinem Künstler-Alltag. Es ist ja nicht so, dass man sich all das durchliest, die App schließt und dann mit frischen Gedanken an seinen Ideen weiterarbeitet. Im Gegenteil: Man ist nonstop mental damit beschäftigt, sinniert über mögliche Antworten, checkt regelmäßig die Zunahme an Followern und beobachtet andere Teilnehmer der Plattform.

Ich hatte schon zuvor versucht, dem inneren Begehren, ständig alles wissen zu wollen, zu entkommen. Zu stark aber war der Sog, den die perfektionierten Algorithmen all dieser Medienkonzerne entwickelt hatten.

Man versucht temporär gegen diese Welle anzuschwimmen, zwingt sich zur digitalen Askese und scheitert an seinem inneren Begehren nach Information, Meinung und Diskurs.

An diesem Sonntag vor drei Wochen war alles anders. Ich hatte auf dem Weg in die Uni ein paar Postings gecheckt und spürte plötzlich den inneren Drang, es einfach sein zu lassen. Seitdem lebt es sich besser. Mehr Zeit für das wirklich Wichtige im Leben. Die Familie, den inneren Seelenfrieden und die Kunst. Mal sehen, wie weit es mich trägt.

Jetzt mache ich erstmals auch Pause mit dieser Kolumne. Es macht großen Spaß, Teil der „Krone“-Familie sein zu dürfen. Rechtzeitig zum Beginn der Salzburger Festspiele bin ich dann an dieser Stelle wieder zurück. Bis dahin einen schönen Sommer - und viel wichtiger: Bleiben Sie gesund.

Ihr Martin Grubinger

 Salzburg-Krone
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Samstag, 08. August 2020
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