16.06.2020 09:28 |

Friedlicher Protest

Stadtteil Seattles von Demonstranten besetzt

Die Pazifikstadt Seattle ist ins Rampenlicht der Anti-Rassismus-Proteste in den USA geraten. Stein des Anstoßes: Demonstranten und Aktivisten haben einen Stadtteil im Zentrum zur polizeifreien und selbstverwalteten Zone erklärt. US-Präsident Donald Trump und Fox News beschworen medial ein Bild von Anarchie, Staatsgefährdung und Terrorismus. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen: Stattdessen gibt es friedliche Diskussioncafés, Redner und selbstverwaltete Tafeln.

Seattle steht ganz im Zeichen der Demonstrationen infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd. Viele Häuser haben gut sichtbare „Black Lives Matter“-Schilder in den Fenstern. An vielen Straßenkreuzungen finden sich tagtäglich spontan Bürger ein, um mit Schildern gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Am vergangenen Freitag hatten knapp 60.000 Menschen an einem „Black Lives Matter“-Trauermarsch durch die Stadt teilgenommen. Obwohl die Geschäfte aufgrund von Covid-19 erst seit Beginn vergangener Woche offen haben durften, hatten viele aus Solidarität mit den Protesten geschlossen.

Der Schwerpunkt der Demonstrationen in Seattle der vergangenen Wochen lag im Stadtteil Capitol Hill, dem bunten Ausgehbezirk der Stadt. Dort lieferten sich Demonstranten und Polizei seit Wochen Auseinandersetzungen, die mehrmals mit dem Einsatz von Tränengas, Blendgranaten und Pfefferspray endeten. Vergangene Woche hat sich das Blatt jedoch gewendet. Die Polizei hat sich überraschend zurückgezogen und ein knapp sechs Häuserblocks umfassendes Areal wurde in der Folge von den Demonstranten besetzt. Seattles Capitol Hill Autonomous Zone (CHAZ) war geboren.

Trump nannte Besetzer „Terroristen“
Sogar Präsident Trump reagierte darauf auf Twitter und liefert sich seitdem Wortgefechte mit Lokalpolitikern. „Terroristen verbrennen und plündern unsere Städte (...). Wir müssen diese Besetzung beenden“, so Trump vergangene Woche in Bezug auf die Proteste in Seattle. Der US-Präsident hatte auf Twitter „Recht und Ordnung eingefordert“ und sogar angedroht, selbst eingreifen zu wollen. „Die Bürgermeisterin und der Gouverneur sollten sich schämen“, schrieb Trump noch am Sonntag.

Fox News zeigt manipulierte Bilder
In dem traditionell Trump-freundlichen Fernsehsender Fox News wurden unterdessen Bilder von bewaffneten Demonstranten aus Seattle gezeigt, die an bürgerkriegsähnliche Zustände erinnern. „Diese Armee meint es ernst. Sie sind über das Seattle Police Department drübergefahren wie Cortez über die Azteken“, so der konservative Fox-TV-Host Tucker Carlson. Einige der Bilder auf der Homepage von Fox News waren jedoch manipuliert gewesen, wie später Journalisten der „Seattle Times“ anmerkten.

Mit den von Tucker Carlson und Trump beschworenen Exzessen und staatszersetzenden Tendenzen hat die besetzte Zone am Wochenende wenig gemeinsam. In den gut besuchten Straßen reihen sich Zeltlager, Community-Küchen und Tafeln aneinander. An einem Rednerpult spricht ein Mitglied einer lokalen Gruppe amerikanischer Ureinwohner. Künstler haben auf der Straße den Schriftzug „Black Lives Matter“ in großen farbigen Buchstaben auf dem Asphalt angebracht. Viele Besucher bringen Getränke und Lebensmittel.

Jordan Lyon (32) aus Seattle hat das „Decolonization Conversation Cafe“ inmitten der Protestzone initiiert. Knapp 15 Menschen unterhalten sich auf bunten Sofas und Klappsesseln mitten auf der Straße, unweit davon werden Hotdogs verkauft. „Anfangs war ich hier allein mit zwei Stühlen, dann haben mehrere Leute Sofas und auch Sessel gebracht“, erzählt Lyon.

Vorschläge für friedliches Miteinander werden diskutiert
Wie überall in der „autonomen Zone“ gibt es am Rand des Diskussionscafés auch eine Pinnwand mit vielen buntfarbigen Notizzetteln. Ziel ist es, Vorschläge für ein Miteinander ohne Rassismus und Polizeigewalt zu sammeln. „Ich will, dass sich etwas verändert“, so Lyon. „Unser Diskussionsboard füllt sich jeden Tag“.

Bürgermeisterin gegen Räumung
Die demokratische Bürgermeisterin der Stadt, Jenny Durkin, hat sich bisher trotz präsidentieller Tweets gegen eine Räumung des besetzten Areals in der Stadtmitte ausgesprochen. „Etwas, das der Präsident nie verstehen wird, ist, dass der Community zuzuhören keine Schwäche, sondern eine Stärke ist“, so die Stadtchefin auf Twitter. Rückendeckung kommt auch vom Gouverneur des Bundesstaats Washington, Jay Inslee. „Ein Mann, der unfähig ist zu regieren, soll sich aus Angelegenheiten des Bundesstaats Washington heraushalten“, verlautbarte Inslee auf Twitter.

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