21.05.2020 06:00 |

Die krone.tv-Reportage

Schulen, Bäder, Lokale: Der holprige Weg zurück

Woche zehn nach dem Shutdown: Die Schulen und Gastronomen haben zum Großteil gerade wieder geöffnet, in den Bädern laufen die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung auf Hochtouren. Abseits vom gemeinsamen Nenner - Masken, Hygiene, Abstand - sitzt der Teufel im Detail. Die krone.tv-Reportage über den holprigen Weg zurück in die Normalität. 

An Babyelefanten hat man sich längst gewöhnt. An Schlangen ebenso. Nirgends wurde das Schlangestehen so deutlich wie vor dem Apple-Store auf der Wiener Kärntner Straße. Als erste Filiale in ganz Europa öffnete Apple nach der Covid-19 bedingten Auszeit in Österreichs Hauptstadt seine Pforten - mit massiven Sicherheitsvorkehrungen.

Schlange, Fiebermessen, Eintrittsverbote
Der Andrang ist groß, die Einhaltung des Sicherheitsabstandes von einem Meter schwierig, die Kontrolle eher lasch. Kunden stehen in einer riesigen Schlange an, Securitys messen Fieber. Es herrscht strikte Türpolitik: Wer im letzten Monat auch nur Kontakt zu einem Corona-Verdachtsfall hatte, muss draußen bleiben.

An den Volksschulen arbeiteten Direktoren und Lehrer an der Öffnung am 15. Mai. Da kehrten die sechs bis 14-jährigen Schüler zumindest teilweise zurück. krone.at besuchte Schuldirektor Ernst-Edgar Pintarich in Wien-Favoriten vor der Wiedereröffnung. Der gestaffelte Unterricht hat seine Tücken, auch die Maskenpflicht, die aber nicht in den Klassen gilt. Für das Home-Schooling hatte Pintarich eine Abholstation für das Schulmaterial im Erdgeschoß eingerichtet. „Damit die Kinder zuhause eine gute Beschäftigung haben“, erzählt er. Auf einer Tafel ermahnen drei Stichworte an die Regeln während der Pandemie: „Abstand halten - 1 Meter - Covid-19“.

„Eine Schule ohne Kinder ist keine Schule“
Auch für den langjährigen Rektor ist das eine außergewöhnliche Zeit: „Das wird in Erinnerung bleiben, das leere Schulhaus ohne den üblichen Lärm, eine gespenstische Stille. Eine Schule ohne Kinder ist keine Schule. Das wird man sich merken und noch den Urenkeln erzählen.“
Seine größte Schwierigkeit? „Das Kommunizieren der Maßnahmen.“ Der 50-Jährige ist seit 2011 Schuldirektor an der Volksschule in der Quellenstraße 142 in Wien-Favoriten. Abläufe werden jetzt evaluiert, vom Einlass am Morgen bis zu den Vorschriften während den Pausen muss der Schulalltag neu gestaltet werden. Buffets, zum Beispiel, sind in Zukunft nicht mehr möglich. Besonders komplex scheint die Einteilung des Lehrprogramms. Trotz Wiederaufnahme soll die Betreuung aufrecht erhalten werden, was laut Pintarich schnell zu Platzproblemen führen wird: „Bei diesem Wechselbetrieb, die einen Kinder haben Unterricht, die andere Gruppe hat Betreuung, bekommen wir ein logistisches Problem. Wo sind die Räume für die Betreuung? Die Kinder im Turnsaal zu versammeln halte ich in der Praxis für eine sehr große Herausforderung.“

„Ein Kind kann nicht vier Stunden lang eine Maske tragen“
Und wie ist es mit den Masken? „Die Eltern werden ersucht,  ihrem Kind einen Mund-Nasen-Schutz mitzugeben.“ Notfalls kann die Schule aushelfen, so Pintarich. Mund-Nasen-Schutz-Pflicht besteht beim Betreten des „Schulhauses und am Gang muss er getragen werden. In der Klasse muss er nicht getragen werden. Wie soll eine Maskenpflicht bei Kindern überhaupt umgesetzt werden? Ich denke, die LehrerInnen werden das dann mit Hausverstand regeln.“ Denn: „Ein Kind kann nicht vier Stunden lang eine Maske tragen“. Einen positiven Aspekt findet Pintarich trotzdem: „Erzieherisch ist das ganz gut für die Kinder. Sie bekommen mit, da gibt es Regeln, dieser Mund-Nasen-Schutz wird uns noch länger begleiten.“

Viele offene Fragen gibt es auch in den Freibädern. Im Wiener Laaerbergbad kehren Arbeiter Laub auf, klopfen alte Fliesen ab. Auch die Imbissstände in den Bädern werden vorbereitet. Martin Kontinksy, Sprecher des zuständigen MA 44, erzählt, dass es durch den Ausfall der Gäste auch zu Einsparungen gekommen ist. Zum Beispiel mussten die Becken im Mai, „der abends doch manchmal kühl ist“, nicht beheizt werden, auch wurden die Becken noch nicht mit Wasser eingelassen. „Was am Ende überbleibt, wissen wir noch nicht, aber von einem zusätzlichen Verlust gehen wir jedenfalls aus.“

Sprungtürme vielleicht gesperrt, dafür der 1-2-3-Tarif
„Es gibt Auflagen, die vielleicht nicht eingehalten werden können. Wenn man auf dem Sprungturm die Handläufe ständig desinfizieren muss, wird es besser sein, diesen gleich zu sperren.“ Es wird ein Sommer mit Einschränkungen: „Das fängt damit an, dass nicht alle Gäste vielleicht reingelassen werden können, dass es Abstandsregelungen geben wird, auch auf der Liegewiese oder auch die Attraktionen wie Sprungtürme, Wasserrutschen, Sportplätze, das diese heuer vielleicht nicht zur Verfügung stehen.“ Als Ausgleich bieten die städtischen Bäder einen speziellen Tarif an. „Den 1-2-3 Tarif, 1 Euro für Kinder, 2 Euro für Jugendliche und 3 Euro für Erwachsene“.

Szenenwechsel. Das Donauplex in Wien-Donaustadt. Von außen wirkt der Entertainment-Komplex menschenleer. Zugang zum Einkaufszentrum gibt es nur per Aufzug und dann für Schüler einer Fahrschule, sowie vereinzelte Mitarbeiter von Lokalen, die sich mit Essenslieferungen über Wasser halten. Hinweise, Durchsagen werden probeweise abgespielt „Bitte halten Sie mindestens einen Meter Abstand“ ertönt aus den Lautsprechern.

„Viel konnten mitfühlen, wie es ist, sein Hab und Gut zu verlieren“
Einer der Mieter ist Jakob Baran. Er hat hier bis vor kurzem ein Shisha-Lokal betrieben. Als im Vorjahr das Rauchverbot in Kraft trat, blieb ihm und seinen Kollegen genau ein halbes Jahr für die Neukonzeptionierung ihrer Lokale - nicht basierend auf Wasserpfeifen. Viele haben dafür neue Kredite aufgenommen. „Grundsätzlich begann für die Shisha-Szene alles am ersten November, da ist unsere Existenz weggebrochen. Nach Corona konnten dann viele mitfühlen, was es bedeutet, sein Hab und Gut zu verlieren. Diese Gesetzesänderung war unsere Vorbereitung. Mit Corona gehen wir jetzt nochmal durch die Hölle.“

Und: „Ich verdiene seit 16. März kein Geld mehr. Ich habe eine Familie zu ernähren, ich habe Mieten zu zahlen, privat sowie geschäftlich, ich habe Fixkosten von bis zu 20.000 Euro, es ist eine pure Enttäuschung, was sich hier abspielt.“ Baran ist verzweifelt. 1000 Euro habe er vom Corona Härtefallfonds aus der Phase 1 bekommen, der zweite Betrag: 500 Euro. Baldigst ist Zahltag, auch wenn Finanzabgaben bis jetzt gestundet wurden: „In den nächsten Monaten sind diese gestundeten Beiträge für Lokale und Unternehmer aber alle zu bezahlen. Natürlich kann man Ratenzahlungen vereinbaren. Aber das konnte man schon davor. Es wird schwierig, hier noch zusätzlich zu überbrücken. Es ist sehr enttäuschend, dass es im Gegensatz zu Deutschland keine Lösung für die Mieten gibt.“

Schwierige Bedingungen, ungewöhnliche Abläufe, ein verändertes Bild des öffentlichen Lebens. Der Sommer 2020 ist ein seltsamer - und über allem schwebt das Damoklesschwert der nächsten Infektionswelle ...

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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Montag, 01. Juni 2020
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