11.05.2020 15:07 |

„Kleine Revolution“

Antikörpertests stehen kurz vor breitem Einsatz

Viele Menschen, die kürzlich Erkrankungen durchgemacht haben, deren Symptomatik mit einer Covid-19-Erkrankung zusammenpasst, stellen sich die Frage, ob es das neuartige Virus gewesen sein könnte. Aufschluss darüber könnten vielversprechende Antikörper-Labortests geben. Hier konnten in der jüngsten Vergangenheit bereits große Fortschritte erzielt werden - Experten stellen nun eine breite Anwendung vielleicht schon in wenigen Wochen in Aussicht. Ein brauchbarer Schnelltest lässt aber noch auf sich warten.

Während die derzeit vor allem angewendeten PCR-Tests direkt das Erbgut des SARS-CoV-2-Virus nachweisen, haben Antikörpertests ein anderes Zielobjekt: Sie suchen nach den Spuren, die die Auseinandersetzung mit dem neuartigen Coronavirus im Abwehrsystem des Körpers hinterlassen hat. Damit sich das Immunsystem nämlich gegen den Erreger wehren kann, muss es ihn als Angreifer erkennen. Dabei werden Antikörper produziert, die darauf spezialisiert sind, das Virus aufzuspüren und unschädlich zu machen - und nach diesen fahnden diese Testverfahren, für die es Blutproben braucht.

Schnelltests sehr unzuverlässig
Das Problem im Zusammenhang mit Coronaviren ist ihre Vielfalt und die Tatsache, dass sie auch bei Menschen meist leichte Erkrankungen auslösen können. Dazu kommt, dass Infektionen mit anderen Coronaviren relativ häufig auftreten, was dazu führen kann, dass ein Covid-19-Test fälschlicherweise positiv ausfallen kann. Besonders groß ist diese Gefahr bei Schnelltests, die mehr oder weniger unmittelbar eine Infektion anzeigen sollen. Bei solchen Verfahren genügen vermeintlich ein paar Blutstropfen für den Nachweis. „Die meisten davon erreichten nicht das, was klassische Labortests erreichen“, sagte Gregor Hörmann von der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie (ÖGLMKC).

Derzeit drei Spezialinstitute für Testungen
Bei den laborabhängigen Tests hingegen „sind wir gerade in einer Umbruchphase“, sagte Hörmann. Diese können jedoch nur in Speziallabors mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden, weil dafür das lebende Virus angezüchtet werden muss. In Verbindung mit der Blutprobe wird dann festgestellt, ob der Patient bereits „neutralisierende Antikörper“ entwickelt hat und damit die Zellen vor einem Eindringen schützt, erklärt Ursula Wiedermann-Schmidt von der Medizinischen Universität Wien. Das aufwendige Verfahren ist in Österreich drei Spezialinstituten für Virologie in Wien und Innsbruck vorbehalten. 

Test ist nicht gleich Test
Bei den neuen Antikörper-Labortests, bei denen meist auf ELISA-Tests gesetzt wird, ist die Hoffnung groß, dass sehr bald aussagekräftiger getestet werden kann. All diesen Verfahren benötigen jedoch bestimmte Geräte, mit denen viele Proben gleichzeitig getestet werden können. Wiedermann-Schmidt und ihre Kollegen haben die bisher verfügbaren Verfahren genauer untersucht.

Denn Test ist nicht gleich Test und Antikörper nicht gleich Antikörper: So können die unterschiedlichen Arten etwa darauf hinweisen, ob man bereits eine Infektion hinter sich hat oder der Krankheitsverlauf noch in einem sehr frühen Stadium ist. Die Unterschiede geben also Aufschluss über den Schweregrad und den Verlauf der Erkrankungen - auch hier gibt es aber wieder Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren.

Experte sieht „kleine Revolution“
Viele Verfahren führten bisher noch zu falsch positiven Ergebnissen im Umfang von ein bis zwei Prozent. Bei einigen neuen Verfahren scheinen diese Raten nun deutlich unter einem Prozent zu liegen. Hörmann: „Die Daten sind durchaus vielversprechend. Da ist gerade eine kleine Revolution des Marktes im Gange.“ Man müsse nun Erfahrungen sammeln, indem mehrere Verfahren verglichen und deren Stärken und Schwächen identifiziert werden. In einigen Wochen, bzw. ein bis zwei Monaten sei wohl ein breiterer Einsatz der Tests möglich, so die Wissenschafter.

„Wildwuchs” an Tests
Die Produkte seien so weit fortgeschritten, dass sie vermutlich auch im niedergelassenen Bereich der Labormedizin angeboten werden können, erklärt Hörmann. Die ÖGLMKC empfiehlt angesichts eines „Wildwuchses“ an Testsystemen und Anbietern darauf zu achten, dass das Prozedere und die Beurteilung unbedingt von Fachleuten durchgeführt und nicht auf Schnelltests zurückgegriffen wird. 

Erkrankung wird uns noch sehr lange begleiten”
Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch bei Frage nach der Immunität bestehen. Es sei davon auszugehen, dass Personen nach einer Infektion eine Zeit lang weitestgehend vor einer Neuinfektion gefeit sind. Wie lange dem so ist, wisse man einfach nicht, betonte Wiedermann-Schmidt. In einem nächsten Schritt gelte es nun herauszufinden, wie man mit Personen umgehen muss, die auch nach durchgemachter Infektion keine messbaren Antikörper aufweisen. Denn die Erkrankung werde „uns noch sehr lange begleiten".

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