09.03.2020 13:07 |

„Wie Kriegssituation“

Belastung für Italiens Spitalsärzte „verheerend“

Überfüllte Krankenhäuser und chaotische Zustände - Ärzte, die derzeit in der norditalienischen Sperrzone ihren Dienst verrichten müssen, leiden unter der Situation, die sogar Erwachsene zum Weinen, wenn nicht sogar zum Zusammenbruch bringt. Mediziner berichten, das Gesundheitssystem sei überlastet. Derzeit halten sich etwa 4000 Österreicher in der Roten Zone auf - noch hätten Urlauber keine Probleme, das unter Quarantäne gestellte Areal zu verlassen, ließ das Außenministerium wissen.

Die Lage in Norditalien ist ernst, berichten Mediziner in der Region. „Wie in Kriegssituationen entscheidet man je nach Alter und Gesundheitslage über die Therapie“, sagte der Anästhesist Christian Salaroli im Gespräch mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Montagsausgabe).

„Viele Kollegen leiden unter dieser Situation. Es ist nicht nur der Arbeitsdruck, sondern auch die seelische Belastung, die verheerend ist. Ich habe Krankenpfleger mit 30-jähriger Erfahrung weinen sehen, Personen, die zusammenbrechen. Die Öffentlichkeit weiß nicht, was sich in den Krankenhäusern abspielt“, sagte der 48-jährige Arzt im Krankenhaus der lombardischen Stadt Bergamo.

„Der Regierungsbeschluss, die Reisen in bestimmten Gebieten einzugrenzen, ist mit mindestens einer Woche Verspätung gefasst worden. Wichtig ist, dass die Leute zu Hause bleiben. Ich sehe immer noch zu viele Menschen auf den Straßen. Die beste Reaktion auf dieses Virus ist, zu Hause zu bleiben“, sagte Salaroli.

Initiative „Ich bleibe zu Hause“
Da sich viele nicht an die Anweisung halten, sich soweit wie möglich von anderen fernhalten, starteten Künstler und Prominente die Netz-Initiative #iorestoacasa (Ich bleibe zu Hause). Der Filmregisseur Paolo Sorrentino und der Sänger Jovanotti beteiligten sich beispielsweise aktiv an der Kampagne.

Museen und Attraktionen bis Anfang April geschlossen
Internetnutzer posten dabei kleine Videos und Texte zum Zeitvertreib oder eingehende Aufrufe, unbedingt zu Hause zu bleiben. Dabei würden auch Museen und Sehenswürdigkeiten wie das Kolosseum, die Uffizien oder Pompeji die Menschen mit Posts einladen, sich Meisterwerke im Netz anzuschauen, teilte das Kulturministerium mit. In ganz Italien sind alle Museen und Attraktionen bis mindestens 3. April geschlossen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Denn das lombardische Gesundheitssystem sei nicht in der Lage, diesem außerordentlichen Anstieg an Covid-19-Patienten standzuhalten. „So kommt es auch bei normalen Behandlungen zu gravierenden Verspätungen. Bei Herzinfarkten kann es vorkommen, dass man über eine Stunde auf den Rettungswagen wartet“, so Salaroli.

Vorzug für Patienten mit „besseren Lebenserwartungen“
Angesichts der zunehmenden Zahl von Infizierten könnten Ärzte bald gezwungen sein, Patienten mit „besseren Lebenserwartungen“ Vorrang bei Behandlungen auf Intensivstationen zu geben, warnte Flavia Petrini, Präsidentin des Ärzteverbands Siaarti, im Interview mit der römischen Tageszeitung „La Repubblica“. „In der Lombardei ist die Lage dramatisch, und viele Ärzte dürfen bei schwierigen Beschlüssen nicht allein gelassen werden“, warnte Petrini. Patienten aus lombardischen Krankenhäusern werden in Spitälern der weniger belasteten Nachbarregionen untergebracht.

Norditaliener, die die Sperrzonen ungerechtfertigt verlassen, drohen strafrechtliche Folgen. Bei Verstoß gegen die Vorschrift drohen drei Monate Haft oder eine Geldstrafe von bis zu 206 Euro. Ausnahmen sind nur bei nachgewiesenen dringenden beruflichen oder familiären Verpflichtungen und in gesundheitlichen Notfällen vorgesehen.

In den unter Quarantäne gestellten Roten Zonen halten sich neben heimischen Touristen etliche Auslandsösterreicher auf, die ihren Lebensmittelpunkt nach Norditalien verlagert haben. Urlauber, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, sollten damit vorerst keine Probleme haben. Im Moment habe man keine Informationen, „dass es Schwierigkeiten beim Rauskommen gibt“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Peter Guschelbauer.

Außenministerium rät: Informationen vor Urlaubsantritt einholen
Wer in diesen Tagen Urlaubsanreisen antritt, sollte sich dringend über die aktuelle Situation in der Feriendestination informieren, empfahl Guschelbauer mit Nachdruck. Das gilt im Speziellen für Kreuzfahrten, wo zuletzt Indien das Anlegen von Schiffen aus Sicherheitsgründen verboten hat. Man müsse - je nach Ferienziel - grundsätzlich damit rechnen, dass einen am Urlaubsort behördliche Maßnahmen wie Fiebermessen oder Quarantäne oder sonstige Unannehmlichkeiten erwarten können, meinte Guschelbauer.

Tausende Infektionen und Hunderte Todesopfer in Italien
Italien ist inzwischen nach China das weltweit am stärksten von dem neuartigen Virus betroffene Land. Die Zahl der Todesopfer stieg dort auf mindestens 366, die Zahl der bestätigten Infektionen auf 7375. Seit Sonntag sind ganze Regionen und Städte im Norden abgeriegelt, 16 Millionen Menschen sind betroffen. Beschränkungen gibt es auch in der Wirtschaftsmetropole Mailand und Venedig.

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