02.03.2020 06:00 |

Album „Alles bleibt“

Violetta Parisini: Eigenverantwortliche Tonkunst

Die Worte werden immer noch mit Bedacht gewählt, nur die Sprache ist jetzt eine andere: Nach mehrjähriger Pause meldete sich die Wiener Singer-Songwriterin Violetta Parisini vergangenen Freitag mit ihrem neuen Album „Alles bleibt“ zurück - dem ersten auf Deutsch. Es ist eine höchst persönliche Songsammlung geworden, mit der sich Parisini weit öffnet und von ihrer Hörerschaft viel Aufmerksamkeit fordert.

Acht Jahre ist es her, dass mit „Open Secrets“ das letzte Lebenszeichen auf Albumlänge von Parisini vorlag. Seitdem hat sich viel getan, kuratierte die Künstlerin das Wiener Popfest, gab etliche Konzerte und wurde zweimal Mutter. „Diese Zeit hat vergehen müssen“, unterstrich sie den nun richtigen Zeitpunkt für ein musikalisches Comeback im Interview mit der APA. „Es ist letztlich alles Schritt für Schritt und überlappend passiert.“ Produziert hat sie die Songs gemeinsam mit ihrem Partner Sixtus Preiss, was natürlich „logistisch nicht ganz einfach“ war, lachte die Sängerin. Schließlich muss sich ja auch jemand um die Kinder kümmern.

Familiär und persönlich
Ohnehin: Die Themen Mutter- und Partnerschaft sind sehr präsent auf „Alles bleibt“, wird doch beispielsweise in „Deine Hände“ die Liebe wie selbstverständlich durchdekliniert oder gelingt „So“ als wunderschöne Ode an den eigenen Nachwuchs. Aber auch die Schattenseiten spart Parisini nicht aus, spricht im Opener „Mehr sein“ über den Druck von außen in der heutigen Gesellschaft und thematisiert mit „Die Dunkelheit hat keine Farben“ ihre Depression. „Mir ist klar geworden, dass ich über viele Dinge reden will, auch wenn es für andere Leute vielleicht komisch ist oder das tabuisiert wird. Wie viele Leute reden schon über Depression? Das ist ja nicht easy-cheesy. Aber mir war es total wichtig - sonst bleibt es etwas Verstecktes.“

Ging sie schon mit ihren älteren Stücken oft tief, sei durch das im Pop so weit verbreitete Englisch dennoch „ein kleiner Schutzschild“ da gewesen. „Das brauche ich jetzt nicht mehr“, nickte Parisini, die ihre ersten Songs aufs Deutsch bereits 2015 verfasste - oder jedenfalls damit begann. „Fertig waren die dann erst ein, zwei Jahre später“, schmunzelte die Musikerin. Letztlich sei diese Entwicklung auch eine „Annäherung“ gewesen. „Es ist einfach meine Sprache. So wie ich spreche, so singe ich - aber ich habe lange gebraucht, um es so zu formulieren, damit ich mich auch wirklich wohlfühle.“ Immerhin gelte es im deutschsprachigen Pop oft vorhandene Klischees zu umschiffen.

Fan der Muttersprache
„Viele Dinge, die man singt, sind ja totale Banalitäten“, betonte Parisini. „Auf Englisch fällt das nur nicht so stark auf. Auf Deutsch vermeidet man es, weil es dir schon komisch vorkommt, wenn du es nur hinschreibst.“ Als Ersatz dafür sei sie noch stärker als früher „in die Tiefe“ gegangen. „Die Texte sind wirklich sehr dicht. Wohl auch deshalb, weil ich sehr lange daran geschrieben habe und sie somit immer mehr verdichtet wurden.“ Und schließlich sei die deutsche Sprache wichtig, weil „das, was ich beschreibe, sehr persönlich und komplex ist. Die eigene Muttersprache liegt einem viel näher.“

Der Faktor Zeit spiele auch hier eine Rolle. „Viele Dinge, über die ich geschrieben habe, liegen schon in der Vergangenheit. Ich habe einen Abstand, dass ich darüber reden und davon erzählen kann, ohne dass es mir selbst zu nahe geht“, meinte Parisini. „Ich bin nicht mehr in der Erzählung, sie liegt schon zurück. Ist man noch zu sehr mittendrin, dann hat man keinen Blick für die Dinge. Natürlich ist Kunst subjektiv. Aber jetzt kann ich diese Lieder als Kunstwerk betrachten und nicht mehr als Geschichte, in der ich noch drinnen stecke.“

Partnerschaft
So intensiv sie an den Texten und der Grundstruktur der Songs arbeitete, so wichtig war letztlich die Rolle von Preiss bei der konkreten Umsetzung und für die Arrangements. „Ich bin da ein bisschen Diva, das Basteln überlasse ich den anderen“, antwortete Parisini darauf angesprochen. „In diesem Fall eben Sixtus. Ich bastle ja schon so viel, bevor ich einen Fuß ins Studio setzte. Also: Lasst‘s mi ang‘lahnt“, lachte die Sängerin. „Das ist ja auch eine super Arbeitsteilung. Mein Perfektionismus beschränkt sich auf das, was ich sage und wie ich es sage. Worte, Melodien und die Harmonien. Beim Rest freue ich mich wahnsinnig, wenn ich es Sixtus geben kann und er das für mich erledigt.“

Herausgekommen ist jedenfalls ein zeitlos wirkender Popentwurf, der sich mal rhythmisch verspielt gibt („Scherben“), mit kräftigen Bläsersätzen die Dringlichkeit des Gesungenen unterstreicht („Frei“) oder gar einen leicht loungig-jazzigen Charakter aufweist („Ein Schritt nach dem anderen“). (Mit-)Finanziert wurde das Album übrigens von den Fans, setzte Parisini auf eine Crowdfunding-Aktion und veröffentlicht das Album nun beim eigens gegründeten Label Else Musik. „Du kannst einfach alle Entscheidungen aus einer künstlerischen Perspektive treffen“, strich sie die Vorteile hervor, musste aber auch zugeben: „Es ist viel komplizierter, als ich es mir jemals vorgestellt habe. Viel komplizierter!“

Fernweh
Wer nun nach Jahren des Wartens Violetta Parisini wieder live erleben will, kann Mitte März nach Indien fliegen, spielt sie doch zwei Konzerte in Bangalore. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist“, lachte sie laut auf. „Irgendein Algorithmus hat es gut mit mir gemeint und offenbar einer indischen Bookerin ein YouTube-Video von mir zugespielt. Zunächst hielt ich das ja für einen Scherz. Aber nein, die fliegen meine ganze Band ein, zahlen uns eine echt faire Gage und freuen sich riesig, dass wir da zwei Abende in ihrem Jazzclub spielen.“ Wohl nicht die schlechteste Art, um dieses wunderbare Album zu feiern.

APA/Christoph Griessner

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