16.02.2020 06:59 |

Explosive Lage

Pulverfass Bosnien: Minen, Flüchtlinge, Korruption

Landminen, Korruption und Flüchtlingschaos: Beim Balkan-Lokalaugenschein 25 Jahre nach Kriegsende ist die Stimmung weiterhin explosiv. „Krone“-Reporter Gregor Brandl berichtet aus Sarajevo.

Der Knall kommt zuerst. Dann das Blut - und schließlich die Gewissheit, dass sich das Leben von einer Sekunde auf die nächste für immer verändert hat. Rückblende in den Kriegssommer 1993 in Bosnien: Am 24. Juni soll Jung-Soldat Zeljko Volas bei Kupres einen Weg entminen und eine Schneise durch Titos ehemaliges Jagdrevier schaffen. Die Luft ist drückend, unter der Uniform dringt Schweiß durch die Poren, zieht Mücken an wie ein Magnet. Dann aus Unachtsamkeit dieser eine falsche Schritt.

„Wenn man auf Mine steigt, spürt man keine Schmerzen“
Wenn Zeljko Volas heute, mit 48 Jahren, in Tuzla sitzt und an die Erlebnisse von damals zurückdenkt, beginnen seine Augen automatisch zu blinzeln. Es klingt fast makaber, als er sagt: „Wenn man auf eine Landmine steigt und sie aus deinem Bein einen Stumpf macht, spürt man keine Schmerzen.“ Die kamen erst vier Stunden später, nach den Halluzinationen, als er amputiert im Spital wieder aufgewacht war. Gemeinsam mit der Frage: „Macht dieses Leben noch einen Sinn?“

Schauplatzwechsel in die Hauptstadt Sarajevo. Über die berüchtigte „Sniper Alley“, wo Scharfschützen die Bevölkerung einst ins Visier genommen hatten, geht es ins Zentrum. An Fassaden klaffen noch immer die Einschusslöcher. Und sie könnten symbolisch stehen für die vielen offenen Wunden des Landes. Denn auch bald ein Vierteljahrhundert nach Friedensschluss bleibt die Lage in Bosnien gespannt.

Die Zeichen der Hoffnung
Die drei Volksgruppen (Kroaten, Serben und muslimische Bosniaken) und sämtliche Parteien blockieren einander in einem extrem föderalistischen und überbürokratisierten System, lähmen den Gesamtstaat. Korruption grassiert. Die Jugend will weg. Zurück bleiben die Alten - und Flüchtlinge, die in Zeltlagern jetzt einmal den Winter überleben müssen. Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung. Nach 14 Monaten (!) konnte man sich auf eine Regierung unter Ministerpräsident Zoran Tegeltija einigen. Langsam soll die Wirtschaft wachsen.

Zeljko Volas hat sein Trauma als Chance genutzt. Dass er eine Prothese trägt, merkt man kaum. Er ist Obmann der von World Vision Österreich unterstützen Versehrtenorganisation UDAS. Und ganz nebenbei internationaler Meister im Badminton. Ob dem krisengeschüttelten Land am Balkan - im übertragenen Sinn - auch noch so ein später Triumph vergönnt ist? Zu wünschen wäre es dem gastfreundlichen Vielvölkerstaat am Rande Europas allemal.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung/krone.at

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